Erinnerungen an 45: Als Schalke in die schwäbische Provinz kam

Tore für Kartoffeln

1945, Nazi-Deutschland ist geschlagen und zerstört, sucht ein kleiner neugegründeter Klub aus der schwäbischen Provinz den Kontakt zum großen deutschen Fußball. Mit Büchsenwurst und Essensmarken wird schließlich Schalke 04 als Gegner gewonnen. Für alle Beteiligten ein Leuchtfeuer des Miteinanders inmitten der Katastrophe.

Privat

»Alles war schwierig. Ihr könnt euch das heute gar nicht mehr vorstellen. Allein die Fahrt zur Arbeit. Erst hinten auf dem Laster zum Bahnhof, dann in dem völlig überfüllten Zug nach Stuttgart. Sechs mal die Woche. Und nie hast du was gekriegt. Die Kinder hatten Hunger. Und für die Märkle (Lebensmittelmarken), da gab es nicht immer etwas dafür und wenn, war es meist zu wenig. Allein für ein paar Kartoffeln mussten wir unglaublich weite Wege zurücklegen. Und in der Zeit war mein Mann Kreisjugendleiter für die Fußballjugend. Er wollte etwas aufbauen und kam auf die verrückte Idee: mir laden die Schalker Jugend zu uns ein. Was für eine Idee: Schalke nach Rutesheim!«

Immer wieder gerne erzählt Hedwig, genannt Hede, Harzer diese Geschichte denjenigen, die sie hören möchten. Schlohweiße Dauerwellen umrahmen das Gesicht der 99-Jährigen und ihre Freude wirkt ansteckend, wenn sie sich zurücklehnt und ihre Erinnerungen an jenes Ereignis zusammenträgt. »Schalke nach Rutesheim!« Sie betont diese drei Worte auf eine Art und Weise, die nichts anderes vermitteln will als: ich kann es immer noch nicht glauben! Doch dann legt sie los, wird lebendig und erzählt die Geschichte, die den Nachkriegsalltag in ihrem Dorf auf den Kopf stellte, damals im Sommer 1946.

1945 spürten auch die Rutesheimer die Tragädie des Krieges

Rutesheim war eines dieser vielen schwäbischen Bauerndörfer, deren Bewohner von direkten Kriegshandlungen während des Krieges nur peripher betroffen waren und in denen man das Verschwinden der jüdischen Mitbewohner eben zur Kenntnis genommen hatte. Erst während der Großoffensive der Alliierten Streitkräfte im April 1945, spürten auch die Rutesheimer direkte Auswirkungen des Krieges. Feuer und  Bombeneinschläge zerstörten Häuser und Scheunen, Soldaten und Zivilpersonen kamen ums Leben. Am 20. April 1945 wurde die NSDAP vor Ort durch französische Truppen entmachtet und im Zuge der Einnahme des Ortes wurde eine größere Anzahl von Frauen und Mädchen vergewaltigt – ein bis heute offenes Geheimnis des Ortes.

Ende 1945, Mitten im Chaos des Wiederaufbaus und der Heimkehr der Kriegsgefangenen, der Aufnahme von zugewiesenen Flüchtlingen und Vertriebenen, gründete sich die »Sport- und Kulturvereinigung Rutesheim«-SKV, und Hedes Mann, der damals 33-jährige Hilfsarbeiter Albert Harzer übernahm das Amt des Fußball-Kreisjugendleiters. Inmitten des Chaos kam ihm die verrückte Idee: »Wir machen ein Freundschaftsspiel gegen die Jugend des mehrmaligen deutschen Meisters Schalke 04!« Für ein wenig Abwechslung, ein wenig Spaß inmitten des Chaos.

Hede lacht, wenn sie diesen Vorschlag ihres vor über 30 Jahren verstorbenen Mannes zitiert. Wie sollte das zu stemmen sein in dem gerade mal 2000 Einwohner zählenden Bauerndorf? Wie sollte so ein Spiel mit Aufenthalt und Essen finanziert und organisiert werden?

Zu der Zeit hatte die FIFA Deutschland und Japan ausgeschlossen und der Deutsche Fußballbund war noch nicht wiederauferstanden – zu sehr lastete auf ihm die im Jahre 1933 vollzogene Einverleibung in den Reichsbund für Leibesübungen der NSDAP – als eine der ersten Sportorganisationen. Einige der großen Fußball-Klubs kämpften bereits in neu entstandenen regionalen Verbänden um die ersten Nachkriegs-Meisterschaften.

Wie sollten die Schalker überhaupt nach Rutesheim kommen?

»Schalke war damals eine der großen Mannschaften in Deutschland. Er hat einfach Schalke angeschrieben und gefragt, ob deren Jugend zu uns kommt. Und die haben zugesagt. Stell dir das mal vor! Schalke!« Hede erzählt vom Schalke-Fieber, das die Menschen in Rutesheim erfasst hatte und auch davon, dass kaum einer daran glaubte, dass die Gelsenkirchener tatsächlich kommen würden. Zu kompliziert war allein der Gedanke an die Anreise. Deutschland war aufgeteilt in Besatzungszonen, durch die man auf der Strecke von Nordrhein-Westfalen nach Baden-Württemberg durchreisen musste, es gab nur wenige, dafür extrem überfüllte Züge.

Während der Nazidiktatur war Schalke sechs Mal Deutscher Meister geworden. Ein Verein, der von den Nationalsozialisten gern für deren Bild vom pflichtbewussten, einsatzbereiten deutschen Arbeiter genutzt wurde. Ende Juli 1945 gewann Schalke das erste Nachkriegsspiel, ein Jahr später war die Glückauf-Kampfbahn wieder aufgebaut. Doch die Zeit der großen Schalker Spieler Kuzorra und Szepan war so gut wie vorbei. Die Vereine mussten über ihre Jugendarbeit Talente finden und ausbilden, keine einfach Aufgabe in dieser vom Nationalsozialismus hinterlassenen Trümmerlandschaft der Städte. Überall wurde nach Verwertbarem gesucht, wurde getauscht, gehamstert, »gefringst«, wo doch der Kölner Kardinal Frings der hungernden und frierenden Gemeinde in seiner Silvesterpredigt zugestanden hatte, dass sie in Gottes Namen ruhig Kohlen klauen dürften. Der Hunger blieb eines der größten Probleme, auch noch im Sommer 1946, vor allem für diejenigen, die auf die Versorgung über die ausgeteilten Essensmarken angewiesen waren und damit die Lücken am deutlichsten spürten.

»Ha, das war unvorstellbar!«

Kurt Illeson ist heute 83 Jahre alt und seit über 60 Jahren Mitglied im SKV Rutesheim. Er war der Torwart im Spiel gegen Schalke mit gerade mal 17 Jahren. Fragt man ihn heute danach, kommen auch ihm sofort die Erinnerungen: »Ha, das war unvorstellbar! Schalke war einer der führenden Klubs in Deutschland. Das war natürlich ein kleiner Aufruhr in unserem Ort. Über 1000 Zuschauer waren da, die kamen aus der ganzen Region. Damit waren wir im Gespräch. Und logischerweise auch die Spieler, die gespielt haben. Das Ergebnis mit 2:2 war natürlich einmalig.« Illeson gehörte zu jenen Jugendlichen, die noch mit dem Volksturm in den Krieg geschickt wurden und in Gefangenschaft kamen. »Meinen 17. Geburtstag hab ich gefeiert, da war ich schon 4 Wochen aus der dreimonatigen Gefangenschaft zurück.«

Nicht weit weg von der Glückauf-Kampfbahn, nah bei der neuen Schalker Arena wohnt Werner Schellhase, einer der damaligen Schalker Jugendlichen. Er war im Januar 1945 mit 17 zum Arbeitsdienst eingezogen worden und landete im amerikanischen Kriegsgefangenenlager. Dort bekam er beim Latrinenputzen die Ruhr. Es ging ihm »saumäßig dreckig«. Zurück in Gelsenkirchen, meldete er sich gleich bei Schalke. Über den Fußball bekamen er und seine Mitspieler etwas zu Essen, dafür reiste S04 auch zu den Spielen in die Umgebung. »In Bünde bekamen wir zum Beispiel Tabak. In Bad Salzuflen gab es auch schon mal Kartoffeln. Das waren unsere Vitaminspiele, um richtig satt zu werden. Wir sahen alle nicht gerade kernig aus.« Als 18-Jähriger fuhr er 1946 mit nach Württemberg. »Es war eine schöne Zeit. Es gab Spätzle – meine ersten Spätzle – mit Schweinefleisch und Gurkensalat. Jeder bekam so eine Platte und ich muss sagen, das war sehr anständig.« Sie spielten in sechs verschiedenen württembergischen Städten und Dörfern und seien dabei richtig satt geworden, fasst Werner Schellhase Jahrzehnte später zusammen.

Schalke habe für das damalige Spiel in Rutesheim kein Geld bekommen, erinnert sich auch Kurt Illeson. Aber: »Wir haben eh eigentlich nur ans Essen gedacht, sogar davon geträumt.«

Hede war die Verantwortliche für die Versorgung. Sie ging von Haus zu Haus und bat um Essensmarken. »Als die Leute merkten, dass es um Schalke ging, bekamen wir auch die Märkle.« Einige der Bauern im Ort spendeten Büchsenwurst oder Fleisch für die Spieler. Jeder wollte irgendwie beteiligt sein. Großer Fußball für Nahrungsmittel. Die harte Währung der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Die Rutesheimer Gastfreundlichkeit sprach sich schnell rum

Die Fußballbegeisterung in Rutesheim und das schmackhafte Honorar sprach sich unter den großen Fußballvereinen rum. Im November 1946 erhielt Albert Harzer vom Jugendleiter des 1. FC Nürnberg die Bestätigung für ein Freundschaftsspiel der A-Jugend in Rutesheim.

In dem Schreiben aus Nürnberg heißt es: »Obwohl wir für Ostern 1947 schon eine Einladung für ein Turnier in Heidelberg vorliegen haben, geben wir Ihrem Verein den Vorzug, weil er uns wärmstens empfohlen wurde und Schalke kalorienmässig und in jeder Weise dort ganz hervorragend aufgenommen gewesen sein soll. Und die armen Jungen aus unserer zerstörten Stadt haben das mal dringend nötig.«


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