16.01.2014

Eric Cantona als Filmstar

Bulle, Boxer, Botschafter

Eric Cantona war der zornige junge Mann der Premier League. Oder spielte er ihn nur? Seit dem Ende seiner Karriere profitiert der französische Film von seinem Talent, Fremdlinge zu verkörpern. Eine Würdigung

Text:
Ulrich von Berg
Bild:
imago

Derzeit begeistert Eric Cantona in seiner Serie für den französichen Sender »Canal +« als Forscher auf der Suche nach der Seele der Fußballfans. In der aktuellen Folge besucht er dafür Athen. (Hier geht es zum Video >>>) Zudem ist er der einzige Fußballer, der nach seiner Karriere einen Wandlung zum ernsthaften Schauspieler geschafft hat.

Als Manchester United am 18. Mai 1997 verkünden ließ, dass Eric Cantona sechs Tage vor dem 31. Geburtstag seine Karriere beenden würde, war das nur scheinbar überraschend. In Wahrheit war es ein Abschied mit Ansage. Ein Blick in sein im Vorjahr erschienenes Buch »Cantona on Cantona« hätte genügt: »Wenn ich mit dem Fußball aufhöre, wird es auf der Höhe meines Könnens sein, weil ich nie unter das Spitzenniveau fallen will. Wenn ich spüre, dass ich nachlasse, ist sofort Schluss.« Und einen deutlichen Leistungsabfall hatte es in der Saison 1996/97 zweifelsfrei gegeben, man denke nur an die beiden CL-Halbfinalspiele gegen Borussia Dortmund. Weil er mit dem, was aus dem Fußball geworden war, innerlich längst abgeschlossen hatte (ein integraler Faktor war, wie er mehrmals betonte, der Auftragsmord an dem kolumbianischen Eigentorschützen Andres Escobar nach der WM ’94), ging er ohne melodramatische Abschiedsszenen.

Seine Filmografie umfasst rund 60 Titel

Man konnte allemal gespannt sein, welchen neuen Formen der Selbstverwirklichung er sich zuwenden würde. Um sich auf die faule Haut zu legen und von der mit dem Fußball verdienten Kohle zu leben, dazu war er viel zu umtriebig und neugierig, zu extrovertiert und narzisstisch. Da er sich schon lange danach gesehnt hatte, aus dem einengenden und intellektuell unbefriedigenden Milieu des Profifußballs auszubrechen, kamen die üblichen Betätigungsfelder für ausgediente Kicker (Trainer, TV-Experte) für einen hochintelligenten, vielseitig interessierten und äußerst risikofreudigen Zeitgenossen wie ihn nicht in Frage. Bald war klar, dass sich Cantona fortan als Filmdarsteller definieren würde, erste Erfahrungen hatte er ja schon während seiner aktiven Zeit gesammelt. Seit fast zwanzig Jahren tritt er mit zunehmender Anerkennung in Kinofilmen und TV-Produktionen der unterschiedlichsten Art auf, seine Filmografie umfasst mittlerweile rund 60 Titel – was nur diejenigen verblüffen kann, die vergessen haben, dass er schon als Fußballstar ein Meister der Selbstinszenierung war.

Was braucht man, um als Filmdarsteller – was etwas anderes ist, als ein konventionell ausgebildeter Schauspieler – zu überzeugen? Ausstrahlung, Charisma und, um von der Kamera geliebt zu werden, das, was man physische Präsenz nennt. All dies kann man nicht lernen, man hat es oder hat es eben nicht. Und Cantona besitzt alles drei in rauen Mengen, erwies sich, so abgeschmackt es klingen mag, vom ersten Film an als Naturtalent.

Die Aura des mysteriösen Fremdlings

Aber natürlich trug er auch das Image, das er sich als Fußballer erworben hatte, in seine Filmarbeit hinein. Neben seinem betont männlichen, aber nicht plump machohaften Auftreten zählte zu den Bausteinen dieses Images seine als lustvolles Dauerspiel mit der Öffentlichkeit betriebene Strategie, sich die Aura eines mysteriösen Fremdlings zu verleihen. Eines Fremdlings, der sich aus dem Mythenreich alter, von einem starren Freund/Feind-Denken und absoluten, nicht hinterfragten Moral- und Ehrbegriffen geprägten Gangsterfilme in die pragmatisch-opportunistische Szene des modernen Fußballs verirrt hatte. Man fragte sich ständig, ob er eine Rolle spielt bzw. in welche er gerade an diesem Tag, in diesem Augenblick geschlüpft war. Welche seiner enigmatischen Verhaltensweisen und welche der kryptischen Sätzen, die er von sich gab, waren ernst gemeint und ließen Rückschlüsse darauf zu, wie er wirklich tickt? Und was war nur zur bewussten Irritation eingesetztes Imponiergehabe, hinter dem er, wie manche vulgärpsychologisch deuteten, eine tiefsitzende Unsicherheit versteckte? Wies das alles nicht schon, genau wie sein sicheres Gespür für dramatische Auftritte und sinistere Abgänge oder auch die Marotte, den Kragen seines Trikots hochzustellen wie Alain Delon den seines hellen Trenchcoats, in Richtung Kino?

Vom Kung-Fu-Kicker zum Filmstar

Nach einem Kung-Fu-Tritt gegen einen Zuschauer im Selhurst Park am 25. Januar 1995 wurde Cantona für neun Monate aus den englischen Stadien verbannt. Er zog sich nach Frankreich zurück und nutzte die Zwangspause weniger zur Läuterung als dazu, erstmals in einer größeren Filmproduktion mitzuwirken. Seine Rolle in der derben Gesellschaftskomödie »Das Glück liegt auf der Wiese«, die zu einem der Überraschungshits der Saison avancierte, war winzig klein, doch die Geschichte des Films taugt rückblickend als Fingerzeig. Sie handelt von einem Mann, der die Brocken hinwirft und ein völlig neues Leben beginnt. Cantona hielt sich, wie Regisseur Etienne Chatiliez berichtete, fast schüchtern im Hintergrund, und schien auch schnell begriffen zu haben, dass Filmarbeit, genau wie Fußball, Teamwork ist. Klagen über Starallüren gab es weder hier noch bei späteren Filmen.

1966 war ein großes Jahr – Eric wurde geboren

»1966 war ein großes Jahr für den englischen Fußball – Eric wurde geboren« – auch anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende von »General de Goals« Fußballkarriere hat diese Huldigung, die der erste kontinentaleuropäische Superstar der frühen Premier-League-Jahre seinerzeit erfuhr, noch Konjunktur. In seiner Heimat jedoch, wo es kaum jemanden kümmerte, wie oft Cantona mit Manchester United Meister geworden war und wenig zählte, dass er im Handstreich den Dornröschenschlummer des Traditionsklubs beendet hatte, bewertete man ihn als Fußballer stets weniger enthusiastisch. Dort erwies sein Geburtsdatum sich nämlich geradezu als Fluch, verdammte ihn zum Angehörigen einer notorisch erfolglosen Zwischengeneration, die – eingerahmt von den 84ern um Platini und den 98ern um Zidane – zweimal in Folge kläglich in der WM-Qualifikation scheiterte. Hätte Cantona seinen Erdenwandel nur wenige Jahre früher oder später begonnen, er wäre wohl Teil eines dieser Teams gewesen, denn beiden mangelte es ja an durchschlagkräftigen Stürmern. Daher drängt sich die Vermutung auf, dass die unzähligen Scharmützel, die er sich in seiner Zeit als Nationalspieler mit den Autoritäten des nationalen Verbandes lieferte, dem Frust über die Erkenntnis geschuldet war, dass mit dem Spielerreservoir seiner Ära nichts zu gewinnen war. Hinzu kam, dass er selbst versagte, als er bei der Euro ’92 ein einziges Mal die große internationale Bühne mit den Bleus bespielen durfte.

Genau deshalb zeigten sich die Franzosen vom Ballyhoo, das in England um Cantona entfacht wurde, überwiegend irritiert. Man schätzt ihn heute mehr als Freigeist, der bei seinen Talkshow-Auftritten immer für einen Spruch gut ist. Und natürlich inzwischen für seine Filme. Als Fußballer blieb Cantona ein Unvollendeter – was sich langfristig aber als großer Gewinn für das französische Kino erweisen sollte.

Seine besten Rollen

 
 
 
 
 
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