Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (9)

Neu, nicht neureich

Zweitliga-Aufsteiger FC Ingolstadt gilt als Kunstprodukt von Audis Gnaden. Dass das nicht einmal die halbe Wahrheit ist, sagt Trainer Michael Wiesinger. Mit guten Argumenten. Christoph Ruf hat sich einen Überblick verschafft. Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (9)
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Fast hätte er den Sieg der Spanier verpasst. Doch der ICE, der den jungen Coach vom Trainerlehrgang in Köln nach Nürnberg brachte, hatte diesmal keine Verspätung – pünktlich zum Anpfiff saß Michael Wiesinger vor dem heimischen Fernseher. Am Tag nach dem deutschen Ausscheiden leitete Ex-Profi Wiesinger dann das Vormittagstraining seiner Mannschaft, zwei schweißtreibende Stunden bei 33 Grad Celsius. »Wir wollen jetzt den ersten Schritt machen und uns in der Zweiten Liga etablieren.« Den ersten Schritt? Wiesinger wird nun ein wenig einsilbig. Dabei ist so viel Zurückhaltung gar nicht nötig: Es ist kein Geheimnis, dass der Weltkonzern Audi nichts dagegen hätte, in absehbarer Zeit einen Erstligisten zu sponsern.

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Fünf Millionen Euro, rund ein Fünftel des Gesamtvolumens, hat der Autobauer zum Bau der neuen Heimat beigesteuert, das konsequenterweise »Audi-Sportpark« heißt. Ein reines Fußballstadion ist da aus dem Boden gewachsen, keine Arena. Ohne Laufbahn und mit immerhin 6000 Stehplätzen – über ein Drittel der Gesamtkapazität. Der Club will sich volkstümlich präsentieren. »Wichtig ist es jetzt, dass die Region den FC Ingolstadt wahrnimmt. Dafür muss man ihr aber Zeit geben«, sagt Audi-Aufsichtsratschef Frank Dreves.

»Manche glauben, wir schwimmen im Geld«

Zeit wird in der Tat vonnöten sein, schließlich hat der FCI ein gehöriges Imageproblem: »Mancher Fan und viele meiner Trainerkollegen denken, dass wir im Geld schwimmen«, weiß Wiesinger und lacht ein wenig bitter: »Klar können wir uns nicht beklagen. Aber wir haben vor dieser Saison mit manchem Spieler verhandelt, der dann zu einem Ligakonkurrenten gegangen ist.« Man wundere sich manchmal schon, welche Gehälter gerade die Vereine bezahlten, die sich öffentlich als finanzschwach darstellten.

Tatsächlich sind die bislang getätigten Zugänge keine teuren Stars. Ein 14-facher österreichischer Nationalspieler (Ronald Gercaliu vom SC Magna Wiener Neustadt) ist immerhin dabei. Und Keeper Sascha Kirschstein, den sein Coach für „einen der Besten der Liga“ hält. Ansonsten ein paar Jungspunde wie Sebastian Hofmann (VfB Stuttgart II) oder Sebastian Zielinsky (1. FC Köln). Allesamt Spieler, die parallel nicht vom FC Bayern umworben gewesen sein dürften. Vielleicht aber solche, so hofft man beim FCI, die sich beweisen wollen. Und die mithelfen, dass die Darbietungen der jungen Mannschaft demnächst nicht mehr vor einer besseren Viertliga-Kulisse stattfinden. Zur Begegnung gegen Mit-Aufsteiger Osnabrück kamen im Frühjahr nur 2.800 Zuschauer. Zum wichtigsten Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte fuhr ein einziger Fanbus nach Rostock. Und die Saisoneröffnung Anfang Juli wollten statt der erhofften 1000 wieder nur 400 Leute sehen.

Ingolstadt soll sich selbst versöhnen

Mit Akzeptanzproblemen hat der Club seit seiner problematischen Geburt zu kämpfen. 2004 war der FCI als Fusionsprodukt aus den Traditionsvereinen ESV und MTV hervorgegangen. Mit den Folgen der Vernunftehe hat man noch heute zu kämpfen. In Ingolstadt, wo jahrzehntelang die raren Lokalderbys der Höhepunkt in der ansonsten sportlich tristen Gegenwart waren, weigerte sich manch alter ESV-Fan zu den Regionalligaspielen des neu gegründeten Vereins ins MTV-Stadion zu kommen. Nach dem ersten Aufstieg in die Zweite Liga anno 2008 blieben dann viele ehemalige MTV-Fans weg – der Club war ins größere Stadion der Eisenbahner umgezogen. Auf neutralem Boden – so die Hoffnung der Verantwortlichen – soll Ingolstadt nun mit sich selbst versöhnt werden – und damit mit seinem Zweitligisten, der in den vergangenen sechs Jahren vieles richtig gemacht hat – was im Mai endlich auch einmal ein größeres Publikum mitbekam.

Nach dem 1:0 zu Hause gewann der unbekümmerte Drittligist auch das zweite Relegationsspiel gegen Hansa Rostock – der bundesligaerfahrene Fabian Gerber (Freiburg, Mainz) schoss beide Tore und hatte Recht, als er das Resultat (»So einfach hatten wir uns das nicht vorgestellt«) auch auf den desolaten Gegner schob. Und dennoch: Vor allem beim Rückspiel agierte der Dritte der Dritten Liga mit einer Ballsicherheit und einer taktischen Disziplin, die man auch eine Spielklasse höher nur selten antrifft. Eine gediegene Spielkultur soll auch eine Etage höher Markenzeichen der Ingolstädter sein: »Ich bin ein Freund offensiver und attraktiver Spielweise«, sagt Michael Wiesinger, »allerdings aus einer guten defensiven Grundordnung heraus, anders kann man in der Zweiten Liga nicht bestehen.«

Der Ministerpräsident ist sprunghaft

Beim FCI hoffen sie inständig, dass attraktiver Fußball und die neu errichtete Heimspiel-Stätte künftig ein paar mehr Ingolstädter zu ihrem fußballerischen Repräsentanten locken. Der prominenteste Ingolstädter Bürger, Horst Seehofer, hat in der Saison 2008/2009 immerhin auch schon seine Liebe zum FCI bekannt. Die Spieler tun gut daran, die nicht zu enttäuschen, schließlich ist der Ministerpräsident ein wenig sprunghaft bei seinen fußballerischen Vorlieben. Seehofer war in unterschiedlichen Epochen seines Lebens auch schon Fan des 1. FC Nürnberg sowie der beiden Münchner Clubs.

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