Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (8)

Torgarant aus Kamerun

Er kommt aus Kamerun. Er ist Frankfurter. Und er hat den FC Augsburg in der vergangenen Saison fast in die 1. Bundesliga geschossen. Michael Thurk ist für den FCA längst unersetzbar geworden. Wie geht es nun mit ihm weiter? Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (8)
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Augsburg leuchtet nicht. Trotz einer imposanten Historie steht die Stadt seit Generationen im Schatten Münchens. Das nagt an den Augsburgern, die mit der Zeit eine latent missmutige Wagenburgmentalität entwickelt haben. Auch der traditionsreiche FCA gab in den letzten Jahrzehnten nicht viel Anlass, die Lebenslust der Fuggerstädter zu steigern. 1973 wurde noch um den Aufstieg in die erste Liga gespielt, fortan versank man Stück für Stück in der Bedeutungslosigkeit.

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Als dann vor zehn Jahren der absolute Tiefpunkt erreicht war – Lizenzentzug, vierte Liga – kam wie aus dem Nichts KiK-Gründer Walther Seinsch. Der SSV Reutlingen wollte ihn als Präsident und Mäzen nicht, der FCA sagte dankbar und mit letzter Kraft »ja«. Es war wie bei »Pretty Woman«: der Millionär und der gefallene Engel. Seinsch brachte Geld und vor allem Struktur in den Verein. Er holte mit Andreas Rettig einen Hochkaräter als Manager, und als der nach einigen Fehlgriffen mit Jos Luhukay  den passenden Trainer fand, wachte der »schlafende Riese« FCA endgültig auf. Die vergangene Spielzeit war die erfolgreichste der 103-jährigen Geschichte. Der Traum von der ersten Liga platzte erst in der Relegation, im DFB-Pokal feierte man in Augsburg lange nicht gesehene Fußballfeste.

Thurk in die Nationalmannschaft?

Es passt zur Comeback-Story dieses Vereins, dass die Mannschaft der letzten Saison im Kern aus Spielern bestand, die anderswo auf dem Abstellgleis gelandet waren: Jentzsch, Benschneider, Sinkala, Möhrle, Traoré und – allen voran – Michael Thurk. Der gebürtige Frankfurter spielte eine glanzvolle Serie, wurde Torschützenkönig der zweiten Liga und irgendwann sogar von Bielefelds (!) Trainer Gerstner für die Nationalmannschaft vorgeschlagen. Diese leicht skurrile Episode fügt sich ganz gut ein in die faszinierende und immer auch etwas schillernde Achterbahn-Karriere des Michael Thurk. Aufgewachsen in einem Arbeiterviertel, das die Frankfurter bezeichnenderweise »Kamerun« nennen, brach Thurk in jungen Jahren die Lehre zum Kraftfahrzeugslackierer ab, setzte alles auf die Karte Fußball, fiel im Probetraining bei SEINER Eintracht durch und schaffte schließlich im Alter von 24 Jahren doch noch den Sprung in den Profifußball: zum damaligen Zweitligisten Mainz 05. Dort begegnete er einem gewissen Jürgen Klopp, der erst sein väterlicher Mitspieler war und dann sein jung-dynamischer Trainer wurde.

Thurk setzte sich in Mainz durch, wechselte überstürzt nach Cottbus, kehrte reumütig zurück und hatte bei den mittlerweile erstklassigen Mainzern seine beste Zeit: ein lauf- und spielstarker Stürmer mit Zukunft. Dann, wie aus heiterem Himmel, der unter großem Getöse stattfindende Bruch mit Mainz 05. Thurk wurde im Vorfeld der WM 2006 öffentlich als Nationalspieler gehandelt und fühlte sich von seinem Trainer Klopp dabei nur halbherzig unterstützt. Vor allem aber bemühte sich Eintracht Frankfurt um ihn, für Thurk die »Erfüllung eines Lebenstraums«. Er erzwang auf ziemlich rabiate Weise seinen Abschied aus Mainz, nannte Klopp einen »Oberguru, dessen Sprüche ich nicht mehr hören kann« – und brachte in seiner Heimatstadt kein Bein auf den Boden. Er schoss in eineinhalb Jahren enttäuschende vier Bundesligatore und wurde von einem Teil der Eintracht-Fans beharrlich angefeindet. Als ihn der FCA im Winter 2007 in einer »Nacht-und-Nebel-Aktion« (Andreas  Rettig) verpflichtete, galt Michael Thurk als einer, der seine guten Tage hinter sich hat. 

Sympathisch-altmodische Art

Wenn man ihn nun, im Sommer 2010, am Rande eines Testspiels trifft, erlebt man einen freundlichen und sehr entspannt wirkenden Mann. Es war für ihn keine Frage, seinen Vertrag mit dem FCA im letzten Winter zu verlängern, »dankbar« sei er den Menschen hier. Da hat jemand offensichtlich die richtigen Schlussfolgerungen aus so mancher Fehlentscheidung gezogen. Zwischen ihm und Jos Luhukay (»der beste Trainer, den ich je hatte«) ist ein Vertrauensverhältnis der besonderen Art entstanden: »Viele Trainer haben mich schon als Führungsspieler bezeichnet. Bei ihm habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass er es wirklich ernst damit meint.« Wie sehr Thurk auf sympathisch-altmodische Art an seinen Wurzeln hängt, wird deutlich, als das Gespräch auf Eintracht Frankfurt kommt, jenen Verein, bei dem er beinahe den Spaß am Fußball verloren hatte. Die UEFA-Cup-Partie gegen Bröndby IF – Thurk erzielte einen Hattrick, es war eines der wenigen Highlights seiner Frankfurter Zeit – bezeichnet er auch heute noch als das »beste und emotionalste Spiel« seiner Laufbahn. Fast unnötig zu erwähnen, dass ein Eintracht-App auf seinem iPhone ihn jederzeit über die neuesten Entwicklungen dort informiert.

So wie man Michael Thurk wünscht, dass sich mit dem Aufstieg in die erste Liga seine Karriere rundet, wünscht man Augsburg die Strahl- und Zugkraft eines Erstligisten. Ein Selbstläufer wird das nicht. Trotz eines Walther Seinsch haben andere Vereine höhere Etats. Trotz des oft bemühten Vergleichs mit Mainz ist die Stimmung in Stadt und Anhängerschaft noch weit von einer selbsttragenden Euphorie entfernt. »Wo die Rheinländer ein Stück zu viel Begeisterungsfähigkeit haben, haben die Augsburger vielleicht ein Stück zu wenig«, formuliert es in aller Vorsicht Manager Rettig. Andererseits: Das neue Stadion ist ein Trumpf, Wirtschaftspotential und Einzugsgebiet in Bayerns drittgrößter Stadt sind beachtlich und die handelnden Personen scheinen zu wissen, was sie tun. »Die große Linie stimmt«, meint Rettig zu Recht. Und das ist für Augsburg und den Augsburger Fußball schon mal sehr viel.

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