Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (7)

Die Unaufsteigbaren

Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (7)
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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105
Gewonnen haben sie schon lange nichts mehr. Ihre drei Deutschen Meistertitel datieren aus grauer Vorzeit, als Fußbälle noch aus Leder und nicht antihaftbeschichtet waren und Tätowierungen nur langbärtige Seebären schmückten und kein omnipräsenter Modegag waren. Das ist lange her, und fast wäre der Traditionsverein ganz in Vergessenheit geraten, wenn ihn  nicht ein kleiner Dorfklub mit einem findigen Präsidenten wieder wachgeküsst hätte. Die Vernunftehe zwischen der SpVgg Fürth und dem als Bayern-Schreck bekannt gewordenen TSV Vestenbergsgreuth ist inzwischen etwas mehr als 14 Jahre alt.  Getan hat sich viel, nur bei der daraus entwachsenen SpVgg Greuther Fürth sieht man sich noch immer als eine moderne Form des kleinen gallischen Dorfes, das nicht aufhört, den Eindringlingen erbitterten Widerstand zu leisten.

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Im Fußball der Neuzeit schießen Ablösesummen in den Himmel. Immer neue Rekorde fördern einen nicht aufzuhaltenden Gigantismus. Und doch versucht man im beschaulichen Herzen Mittelfrankens einen anderen Weg zu gehen. Zugegeben, ganz freiwillig geschieht das nicht. Hätte man in Fürth die finanziellen Mittel, würde sich auch dieser Verein den Gepflogenheiten der Branche anschließen. Das ist aber aus zwei Gründen nicht so: Durch den Abstieg bis in die damals viertklassige Landesliga hat die Spielvereinigung eine ganze Generation möglicher Fans verprellt. Schlimmer aber ist der Kult um den ungeliebten Nachbarn aus der Ostvorstadt, der den Sponsorenrahm abschöpft, weil jeder kleine Metzgermeister sein Geld lieber zum Club trägt, als es in Fürth anzulegen.

Mit Volksnähe zum Erfolg

Mainstream ist in der Stadt mit dem vierblättrigen Kleeblatt im Wappen also nicht zu machen. So nimmt man eben für sich in Anspruch, der etwas andere Verein zu sein: familiär, volksnah und bodenständig. Ein Autogrammwunsch ist  noch nie jemandem verwehrt worden, auf dem Weg zum Trainingsplatz wird mit den Kiebitzen geplauscht, abgeschottet ist hier nichts und niemand. Die Zeit scheint still zu stehen. Auch wenn der traditionsreiche Ronhof, der noch kurz nach dem Krieg die größte und modernste Sportstätte in Deutschland war, seit Anfang Juli offiziell Trolli-Arena heißt. Nach den Produkten eines ortsansässigen Süßwarenfabrikanten, der pro Jahr eine geschätzte halbe Millionen Euro für die Namensrechte hinblättert.  

Im Konzert der Großen kann man trotzdem nicht mitspielen. Bei einem geschätzten Etat von rund sieben Millionen Euro und dem bis 2018 vertraglich fixierten  Engagement von Hauptgeldgeber  Ergo Direktversicherungen ruht der Verein auf soliden Füßen. Man ist nicht von einem Sponsor abhängig. Dem derzeit  dienstältesten Zweitligisten soll es nicht so gehen wie einstmals Fortuna Köln. Geld für teure Neuzugänge ist aber auch nicht vorhanden. Und doch wird Fürth nicht müde, mit wirtschaftlich potenteren Klubs sportlich zu konkurrieren. Immer wieder, Jahr für Jahr. Das große Ziel, der Aufstieg in die Beletage des deutschen Profifußballs, steht über allem. »Wir waren schon so oft kurz davor, und dann haben die Glocken doch nicht geläutet«, erinnert sich Vizepräsident Edgar Burkart, der 1972 als Presse- und Vergnügungswart bei der SpVgg debütierte und seitdem »bis auf Platzwart« jede Funktion im Verein innehatte.

Die Unaufsteigbaren

Immer wieder haarscharf zu scheitern, das verfolgt die Fürther wie ein Fluch. Wobei diese Theorie von Burkart fast als Blasphemie abgetan wird.  »Das hieße ja, dass wir es nie packen. Aber irgendwie und irgendwann schaffen wir es doch«, sagt das inzwischen 66-jährige Urgestein, das sich vor allem an die heißen Duelle  mit dem Club gerne erinnert.  »Ich hätte nichts dagegen, wenn es bald wieder Derbys gäbe, aber am besten in der ersten Liga« , meint  Burkart, der durchaus Verständnis dafür hat, dass die Fans dem Thema schon mit Galgenhumor begegnen. In der vergangenen Spielzeit  kreierten die leidgeprüften Anhänger eigens dazu ein T-Shirt, Titel: »Die Unaufsteigbar-Tour«, mit sämtlichen Spielterminen auf der Rückseite. Es fand reißenden Absatz.


Tatsächlich kam die Fürther Mannschaft in 13 Jahren im Fußball-Unterhaus nie schlechter als Platz neun ins Ziel, nur in der abgelaufenen Runde  musste man  sich mit Rang elf begnügen. Das kostete Benno Möhlmann nach fast einem Jahrzehnt in Fürther Diensten zur Winterpause den Job. Der Schalker »Eurofighter« Mike Büskens führte die Mannschaft in der Rückrundentabelle noch auf Rang sieben. »Mindestens einen Platz besser« sollen Büskens Bubis mit dem Alterschnitt von 24,1 Jahren in der neuen Saison abschneiden.

Favoriten sind wieder die anderen. Allen voran Hertha BSC, Bochum und Augsburg. Was aber nicht heißt, dass die Fürther nicht aus der zweiten Reihe angreifen wollen. »Es werden nicht nur die vermeintlich starken und etablierten Mannschaften um den Titel mitspielen«, prophezeit Büskens und wähnt sich und seine Mannen aufgrund  anderer Tugenden im Vorteil: »Es gibt auch Teams, die mit ihrer Geschlossenheit in diese Phalanx einbrechen werden.«

Kajak-Touren für neue Energie

Fürth könnte zu diesen Kandidaten zählen. Unversucht hat der Fußballlehrer aus dem Pott nichts gelassen. Mit Martin Meichelbeck kümmert sich nun ein studierter Ex-Profi um die psychologischen Belange der Spieler.  Erstmals schwor sich eine Fürther Mannschaft bei einem Outdoor-Camp in der Abgeschiedenheit der nahen Fränkischen Schweiz auf die neue Runde ein.

Ein Orientierungslauf der einzelnen Mannschaftsteile über 20 Kilometer als Schnitzeljagd für Erwachsene sowie eine feuchtfröhliche Kajak-Tour standen auf dem Plan. Team-Building für eine Mannschaft, die bis auf den in Richtung Mainz abgewanderten Marco Caligiuri kaum verändert wurde. Das alljährliche Männleinlaufen blieb diesmal aus, verkauft musste niemand werden, weil satte Pokaleinnahmen die Bilanz aufwerten.

Mit Kingsley Onuegbu, Stefan Vogler, Tayfun Pektürk, Stefan Kolb und Marius Stangl setzt Fürth einmal mehr auf junge Spieler mit Potenzial. Als Verstärkung für die mit 50 Gegentreffern zur Schießbude der Liga degradierten  Abwehr kehrt  der bundesligaerfahrene Thomas Kleine nach drei Jahren in Hannover und Mönchengladbach zu seiner ersten Profistation zurück. Es wäre alles für einen Überraschungscoup angerichtet, glaubt auch Burkart an den zähen Dino der Liga: »Die Hoffnung auf den Aufstieg verlieren wir in Fürth nicht. Niemals.«

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