Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (6)

Der längste Stadionbau

Rot-Weiß Oberhausen ist finanziell angeschlagen. Das ruft Investoren auf den Plan – oder auf die Theaterbühne. Der Regisseur Schorsch Kamerun inszenierte in Oberhausen ein Stück über Fußball, Schulden und Kapitalismus. Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (6)
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Im Frühjahr inszenierte der Hamburger Regisseur Schorsch Kamerun in Oberhausen das Stück »Abseitsfalle«. Die Zuschauer versammelten sich vor dem Städtischen Theater und stiegen in eigens bereit gestellte Linienbusse. Dass sie durch die Stadt gekarrt wurden, vorbei an Leerstand und Sea Life, war Teil der Inszenierung. Die Fahrt endete in einer Mehrzweckhalle im Ortsteil Osterfeld, wo bereits der Sängerbund Gutehoffnungshütte wartete und RWO-Präsident Hajo Sommers, der auf der Bühne den König Lear gab. Dass die Busse zu der abendlichen Uhrzeit fuhren, war indes nicht selbstverständlich. Der Nahverkehr wurde in Oberhausen zwischenzeitlich bei Einbruch der Dunkelheit eingestellt, aus Kostengründen.

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Wer die monetären Nöte des Ruhrgebiets spüren will, muss nach Oberhausen fahren. Die Stadt hat die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller Kommunen in NRW, seit 1993 nur rote Zahlen geschrieben. Ende 2010 werden die Schulden rund 1,8 Milliarden Euro betragen, allein dieses Jahr kommen 181 Millionen dazu. »Oberhausen gehört längst den Banken«, bilanzierte das Magazin »Neon« im Mai-Heft. Die Überschrift lautete: »Eine Stadt stirbt«. Gespart werden soll in den nächsten Jahren vor allem an Kultur und Sport ein gefundenes Fressen für Schorsch Kamerun, ausgewiesener Experte für Kapitalismuskritik. Seine Schauspieler rezitierten während der kleinen Stadtrundfahrt ausgesuchte Passagen aus Dürrenmatts Text »Besuch der alten Dame«, in dem eine Stadt auf die große Geldgeberin wartet, dafür aber einen Mord begehen muss.

Kabinen als Theaterkulisse

Das Stück sah zwei bedrohte Institutionen im Duell um die Gunst eines arabischen Investors: das Theater Oberhausen spielte gegen den lokalen Fußballklub. RWO-Präsident Hajo Sommers, der für den Sportverein auf der Bühne stand, entschied sich bühnenöffentlich gegen das Geld und für das alte Logo. Kleeblatt statt Ölkanne. Eigentlich, so denkt man, müsste sich der Theaterbetreiber, Schauspieler und Gastronom doch einen Scheich wünschen, alleine für das abgerockte Trainingsgelände am Rechenacker.

Ein Trainingsplatz, ein paar kleinere Geschäftsstellenräume, eine Waschküche aus einer anderen Zeit. Die Kabinen, in denen sich die Lizenzspieler wochentags umziehen, ließen sich problemlos dem historischen Pfad der Industriekultur zuschlagen. »Die Sauna hat noch Karl-Otto Marquardt eingebaut«, sagt Sportvorstand Thomas Dietz. Marquardt spielte von 1963 bis 1965 für RWO. Die größeren Profis laufen seit Jahren gebückt durch die Türrahmen. Wenn ein anderer Zweitligist seine Spieler Demut lehren wollte, er müsste sie nur auf dieses Gelände schicken.

Auf den Spuren von St.Pauli

Während Hajo Sommers den volksnahen Klubchef verkörpert, der eigenhändig dafür sorgt, dass die neue Stadionhymne (»Meine Liebe, meine Stadt, mein Verein«) aus der lokalen Punk-Rock-Szene kommt, ist Thomas Dietz in Oberhausen der Mann für solide Finanzierungen. Wäre er Berater bei der örtlichen Stadt-Sparkasse, würden ihm alle Kunden, die stets »risikoscheu« auf dem Formular ankreuzen, die offerierten Finanzprodukte aus den Händen reißen. Dietz ist indes Immobilienmakler. Während anderswo neue Stadien oder Tribünen gebaut werden und hinterher riesige  Schuldenberge bleiben, hat er den Umbau des Niederrheinstadions auf einen ungewöhnlichen Zeitraum terminiert: »Wir bauen Stück für Stück um. Ob das fünf, sechs oder acht Jahre dauert, wird sich zeigen.«


Nachdem St. Pauli die Liga verlassen hat, bewirbt sich RWO trotz offizieller Dementis um den Platz des etwas anderen Klubs, geerdet wie kaum ein anderer. Das für die Saisonvorbereitung angedachte Freundschaftsspiel gegen die kubanische Nationalmannschaft musste zwar abgesagt werden. Das Motto der neuen Saison heißt allerdings: »Klassenkampf«. Als der FC St. Pauli den Begriff zu früheren Erstligazeiten auf seine Stadionzeitung druckte, schwoll Uli Hoeneß Zornesader gefährlich an.

Heute gehört so etwas zur Folklore, ist bis ins letzte Detail durchdachtes Marketing. Um nicht bei irgendwelchen werberelevanten Zielgruppen anzuecken, haben sich die RWO-Kreativen für den Schumi-Daumen entschieden statt der erhobenen Faust. Nur ein paar ganz besonders konservative Kräfte äußerten in der »Sponsorenkantine«, so heißt in Oberhausen das VIP-Zelt, ihren Unmut.

Besuch der alten Dame

Wer im Frühjahr Schorsch Kameruns »Abseitsfalle« entkommen wollte, setzte sich nach der Vorstellung wieder in die Linienbusse. Plötzlich mitten unter den Passagieren: Dürrenmatts alte Dame. Was an dem Theaterabend klar wurde: Bei RWO würde sie kein Gehör finden. Hier wartet längst kein heruntergewirtschafteter Klub darauf, durch die Großzügigkeit einer unermesslich reichen Person aus dem wirtschaftlichen Elend erlöst zu werden.

Die Planungen sind realistisch und grundsolide. Im Niederrheinstadion freut man sich auch deshalb in diesem Jahr auf den Besuch der alten Tante Hertha. Mitte Januar ist es soweit!

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