Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (5)

Alles außer gewöhnlich

In der kommenden Zweitligasaison sind alle Augen auf Hertha BSC gerichtet. Nichts anderes als der sofortige Wiederaufstieg ist das Ziel, doch es wird für den Hauptstadt-Klub ein sportlicher und finanzieller Kraftakt. Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (5)Imago
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Da saß Markus Babbel nun bei seinen Eltern zu Haus und griff zum Telefonhörer. An sich bestimmt nichts Ungewöhnliches, hätten nicht gleich zwölf Journalisten aus Berlin in der Leitung gewartet. Vier Tage vor dem Trainingsauftakt wollten Herthas Verantwortliche den Journalisten aus der Hauptstadt im Zuge einer Telefonkonferenz die Gelegenheit geben, mit dem neuen Trainer der Hertha zu sprechen, der bis dato in seinem neuen Amt nur einen kurzen Besuch in Berlin unternommen hatte. Es wird nicht viele Vereine in der 2. Liga geben, bei denen der Trainer vor dem Trainingsstart eine Telefonkonferenz abhält. Doch Hertha BSC wird in der kommenden Saison nicht das Bild eines gewöhnlichen Zweitligisten abgeben – so viel steht schon jetzt unabhängig vom sportlichen Erfolg fest.

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Die Berliner haben mit 33 Millionen Euro den höchsten Etat der Liga. Herthas Heimstätte bleibt das Berliner Olympiastadion, das mit 76.000 Plätzen größte und auch modernste Zweitligastadion Europas. Der neue Trainer stand in der letzten Saison noch in der Champions League an der Seitenlinie. Die Neuzugänge der Hertha – etwa Rob Friend, Christian Lell und Andre Mijatovic – sind beileibe keine Namenlosen, dazu verlängerte Mittelfeldstratege Raffael seinen Vertrag. All dies macht die Hertha schon vor dem ersten Spieltag zum Gejagten, manche sprachen gar vom »FC Bayern der zweiten Liga«. Auch der bisher nicht unbedingt für seine offensiven Ansagen in der Öffentlichkeit bekannte Babbel meinte: »Unser Ziel ist der sofortige Wiederaufstieg. Jede andere Zielsetzung wäre lächerlich.«

Flut der Entlassungen blieb aus

Gänzlich viel Optimismus und Euphorie für einen Verein, dem vor einem halben Jahr im Falle des Abstiegs Pessimisten den schnellen Tod, Optimisten den langsamen Tod prognostizierten. Es war die Rede von Totalkollaps, Ausverkauf, Lizenzproblemen und Mitarbeiterentlassung. Hertha erfüllte die Lizenz-Auflagen der DFL, konnte bei Spielern wie Patrick Ebert, Fabian Lustenberger oder eben Raffael eine Vertragsverlängerung zu verringerten Bezügen erzielen und entgegen aller Prophezeiungen blieb die Flut der Entlassungen aus.

»Wir haben bei den Spielergehältern, aber auch in anderen Bereichen die Ausgaben gesenkt. Nichtsdestotrotz haben wir alle Mitarbeiter der Geschäftsstelle gehalten«, sagt der Geschäftsführer für Finanzen, Ingo Schiller, nicht ohne Stolz. Schiller spricht im Zuge dieser Entwicklungen von einer »Jetzt-erst-recht-Stimmung« bei der Hertha.


Abzulesen ist die Trotzreaktion im Umfeld auch an zwei weiteren Punkten. Zunächst einmal dem Zuspruch der Fans; schließlich verzeichnete Hertha gut einen Monat vor dem Saisonstart bereits 9000 verkaufte Dauerkarten. Zum anderen hielten alle Großsponsoren, unter anderem Audi und die Deutsche Bahn, Hertha die Stange. »Die zweite Liga spielte in den wenigsten Verträgen mit unseren Partnern eine Rolle. Deswegen haben wir uns vor der Saison mit jedem Logenmieter und jedem Sponsor zusammengesetzt und die Lage besprochen«, erzählt Christian Jäger vom Hertha-Vermarkter »Sportfive«. »Es ist absolut positiv, dass alle Partner uns die Treue gehalten haben. Das zeugt von Vertrauen.«

Finanzielle Einbußen in der 2. Liga


Doch trotz aller positiven Nachrichten bleibt die zweite Liga für die »Alte Dame« ein enormer Kraftakt. Den Club, den sowieso schon 36 Millionen Verbindlichkeiten plagen, brechen die Einnahmen weg. Allein bei den TV-Einnahmen fehlen durch den Abstieg mehr als 16 Millionen Euro. »Durch die geringeren TV-Einschaltquoten reduzieren sich die Preise bei den Werbepartnern um rund 50 Prozent«, so Christian Jäger. Auch im Hospitality-Bereich, sprich: der Bewirtung der VIPs, gebe es eine Preisverringerung um 20 Prozent. Bei der Mitgliederversammlung Ende Mai machte Hertha bereits öffentlich, dass man damit plane, in der kommenden Saison mehr Ausgaben als Einnahmen zu haben.

Finanzspritzen erhofft man sich durch Zuschauereinnahmen, das Erreichen der dritten Pokalrunde und Genussscheine. Investoren sorgen bei der Zeichnung jener Genusscheine für frisches Geld, die Rendite ist an den wirtschaftlichen Erfolg des Vereins gekoppelt. »Es gibt momentan konkretes Interesse für Genusscheine«, so Geschäftsführer Ingo Schiller. »Bei der Ausgabe wurde ein Rahmen bis zu zehn Millionen Euro genehmigt, davon wurden aber in der Vergangenheit bereits vier Millionen gezeichnet.« Auch eine Neuauflage einer Anleihe ab Dezember hält Schiller für möglich. Das beim Hamburger SV diskutierte Modell des Spielerfonds, bei dem Investoren an Transfergeschäften beteiligt sind, ist laut Schiller für Hertha BSC »derzeit kein Thema«.

Schiller: »Der Druck ist vorhanden«

Nicht nur finanziell, auch sportlich ist der Druck bei Hertha groß, den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen. Diese Zielsetzung haben sich alle Verantwortlichen auf die Fahne geschrieben. »Der Druck ist vorhanden. Doch wir haben alle Weichen für diesen Erfolg gestellt«, sagt Ingo Schiller.

Dass aber auch die 2. Bundesliga kein Spaziergang wird, zeigt die Statistik: In den letzten fünf Jahren haben es von den 15 Absteigern aus der ersten Bundesliga nur vier Klubs geschafft, im folgenden Jahr wieder aufzusteigen. Ein zweites Jahr im Unterhaus wäre eine schwere Hypothek, die »Jetzt-erst-recht-Stimmung« wäre endgültig verpufft.

Auf Hertha, so spotten manche in der Hauptstadt, schimpften sie zuletzt noch häufiger als auf die Berliner S-Bahn. Ein trauriger Rekord, auf den sie bei der alten Dame demnächst gerne verzichten wollen.

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