Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (4)

Weit, weit weg im Süden

Erzgebirge Aue startet mit dem exotischen Trikotsponsor »Spar mit!-Reisen« in die neue Saison. Bei der Präsentation des Reiseunternehmens wurden die Anwesenden in einem regelrechten Kalauertsunami ertränkt. Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (4)Imago
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Zuerst einmal möchte er alle Anwesenden begrüßen. Sagt er. Doch es bleibt bei der Absichtserklärung, direkte Grußworte fallen nicht. Stattdessen freut sich Aues Präsident Bernd Keller über das zahlreiche Erscheinen bei dieser Pressekonferenz.

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Keller schaut in gelangweilte Gesichter. Zeit für einen das Eis brechenden Witz. Das Wetter an diesem Junitag ist vorzüglich und so verweist Keller auf eben jenes und fügt hinzu, dass der Verein es extra bestellt habe, dies aber alles andere als billig gewesen sei. Ein Knallergag. Gleich zum Anfang. Die Menge johlt trotzdem nicht. Sie schaut verschämt zu Boden. Die geladenen Journalisten beginnen sich zu fragen, warum sie hier sind. Lediglich der Gedanke an ein reichhaltiges Buffet kann sie in diesem Moment erquicken.

Der neue Hauptsonsor heißt Herr Finck


Dann legt Keller die Karten auf den Tisch und stellt einen Herrn Finck vor. Jener Herr Finck sticht in dieser Runde bräsiger Herren deutlich hervor. Ein fliederfarbener Schal umspielt lässig die von einem weißen Anzug bedeckten Schultern. Herr Finck könnte auch ein alternder Tennisprofi sein. Oder einer jener Glücksritter, die nach der Wende den ostdeutschen Fußball infiltrierten und ihre Geltungssucht in den linoleumbedeckten VIP-Räumen zwischen Rostock und Zwickau befriedigten. Mittlerweile wird ruchbar, dass Herr Finck offenbar neuer Hauptsponsor des FC Erzgebirge Aue werden soll.

Präsident Keller redet von einer guten Partnerschaft, von geben und nehmen und denkt mal, »dass die Firma aus Basel, überregional, also nicht mehr aus der Region, sondern…«. Er würde mal so sagen: »Weit, weit weg im Süden.« Dann wird es romantisch, Keller erzählt, dass man sich nicht nur kennen, sondern auch mögen gelernt hat. Die versammelte Journaille ist gerührt.

»Den Tourismus in der Region anzukurbeln«


Dann wird es langsam konkret. Erstmals fällt der Name der Firma, die Herrn Finck gehört. »Spar mit!-Reisen« aus Basel, also weit, weit weg im Süden. Der eingefädelte Deal erscheint als ein Coup für das gesamte Erzgebirge, als Keller darauf hinweist, dass Herr Finck plant, den Tourismus in der Region anzukurbeln. Dies findet Keller nicht nur gut, sondern auch schön, »weil das eben…äh…es kann nicht schaden, wenn wir etwas mehr Tourismus hier im Erzgebirge haben«.

Da hat er wohl recht. Mit dieser wagemutigen Äußerung übergibt Keller das Wort an Herrn Finck, der bislang nur nickend den Ausführungen seines Vertragspartners lauschte. Herr Finck zeigt sich gut vorbereitet, er wünscht nicht nur einen guten Morgen, sondern schickt auch noch ein »Glück auf« in die Runde. Der lokale Gruß! Dazu dieser sanft geschwungene Schal in der Vereinsfarbe. Und das von einem, der weit, weit weg im Süden lebt. Offenbar ein PR-Profi.


Herr Finck meint, dass es nur auf den ersten Blick erklärungsbedürftig ist, dass sich ein Schweizer Reiseunternehmen beim FCE engagiert, redet aber plötzlich von Borussia Mönchengladbach, wo Herr Finck bereits seit einem Jahr Premiumpartner ist und sein Unternehmen in diesem einen Jahr schon einiges vom Glanz der Bundesliga abbekommen habe.

Dann geht es wieder um Aue. Herr Finck analysiert messerscharf die Gründe für den Aufstieg und kommt zu dem Schluss, dass es mit »engagiert, ehrgeizig und nach vorne wollen« zu tun hat. Gleiches trifft natürlich auch auf seine Firma zu, die wie es alle Anwesenden nun wissen, seit neun Jahren gibt und in der »Bundesligatabelle der Reiseveranstalter derzeit auf Platz 14 liegt«. Der SC Freiburg der deutschen Tourismusbranche also.

Nun zielt Herr Finck wieder auf die Herzen der Anwesenden und erwähnt nicht ohne Stolz den sächsischen Einschlag seines Unternehmens, schließlich sitzt die aus fünf Personen bestehende Onlineabteilung in Leipzig und immerhin hat Herr Finck selbst zwischen 1990 und 1996 in Leipzig gelebt. Zwangsläufig wird man dort offenbar zum Fan des Erzgebirges und seines Vorzeigeklubs. Es bleibt keine Zeit, das Gesagte sacken zu lassen, denn unerbittlich prescht Herr Finck voran und konstruiert munter Vergleiche zwischen Fußball und Reisen und kommt zum Fazit, das beides Spaß mache. Eine bahnbrechende Erkenntnis.

Dann der Schock. Herr Finck ist gar kein Schweizer, er zog nur vor einigen Jahren dorthin und wohnt noch immer in Basel, also weit, weit weg im Süden, »weil es so schlecht dort nicht ist«. Es folgt ein Zahlensalat und wir erfahren, dass es im vergangenen Jahr über 4000 Urlaubswillige durch Spar mit!-Reisen ins Erzgebirge verschlagen hat. Eine Bilanz, mit der Herr Finck durchaus zufrieden ist, sie aber noch immer für ausbaufähig hält.

Den wirklichen Kracherspruch spart sich der Tourismusfachmann aber bis zum Ende auf: »Es gibt von den 36 Bundesligavereinen zwei Vereine, die eine Urlaubsregion im Namen tragen. Der eine ist der FC Erzgebirge Aue und der andere – der ist etwas unbedeutender – ist Bayern München.« Ruhe im Saal. Präsident Keller lächelt verschämt und wäre wohl lieber weit, weit weg im Süden.

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