Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (3)

Im Osten geht die Sonne auf

Einst galt Cottbus als Sprungbrett für Osteuropäer. Mittlerweile schicken die Lausitzer ihre Scouts aber bis nach Fernost. Dem Chinesen Jiayi Shao folgte zuletzt der Japaner Takahito Soma zum asiatischsten Klub der 2. Liga. Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (3)Imago
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Darauf, dass die Sonne Tag für Tag im Osten aufgeht, wird in Cottbus gern verwiesen. So gern, dass die Lausitzer dieses astronomische Phänomen mit Wonne als Slogan für ihren Verein gebrauchen. Ein Spiel mit dem eigenen Image. Schließlich ist Energie der östlichste Bestandteil des deutschen Profifußballs und steht vielerorts seit geraumer Zeit im (Ver)ruf, nicht viel mehr als ein Drehkreuz osteuropäischer Durchschnittskicker zu sein. Doch seit Claus-Dieter Wollitz das Sagen in Cottbus hat, hobelt dieser ordentlich am Ostblocksöldner-Image herum und verändert das Gesicht seiner Truppe nachhaltig. Vorbei scheinen die Zeiten eines sportlichen Warschauer Pakts.

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Doch so ganz kann sich auch Wollitz nicht vom traditionellen Cottbuser Blick gen Osten lösen. Nur schaut er im Gegensatz zu seinen Vorgängern weit über Polen, Bulgarien oder Rumänien hinaus, ja nicht einmal in der Türkei, Georgien oder Aserbaidschan verharrt sein Blick, stattdessen landen die Augen des Mannes, den sie einst in Osnabrück Pele tauften, am östlichen Ende der Welt. Das tun sie mit Erfolg. Kein Wunder also, dass der FC Energie Cottbus nun mit dem Chinesen Jiayi Shao und dem Japaner Takahito Soma stolz ein fernöstliches Duo sein Eigen nennen kann.

Absatz von Abermillionen Trikots

Gut, es sind keine Direktimporte – Shao fand vor vier Jahren von 1860 München seinen Weg nach Cottbus, Soma war zuletzt beim portugiesischen Erstligisten Maritimo Funchal beschäftigt –, das asiatischste Team der Liga ist Energie nun dennoch. Gerade Shao hat seinem aktuellen Trainer viel zu verdanken, denn eigentlich galt der Offensivmann in Deutschland schon als gescheitert. Von nicht wenig Tamtam begleitet wechselte Shao 2002 nach München, um den TSV 1860 in China populär zu machen. Es war die Zeit, als allerorten vom gigantischen Potential des asiatischen Marktes geredet wurde, Oliver Kahn zum Sexsymbol asiatischer Mädchen avancierte und es sich die DFL nicht nehmen ließ, selbst die Arminia aus Bielefeld im nationalen Auftrag nach China zu schicken, um Begeisterung für den deutschen Fußball zu wecken.

Doch die Hoffnung, mit dem Zugpferd Shao nun Millionen und Abermillionen 1860-Trikots im bevölkerungsreichsten Land der Welt abzusetzen, zerplatzte rasch. Stammspieler wurde er in München nie, stattdessen ging es mit seinem Verein in die Zweitklassigkeit. Dieser entkam Shao zwar 2006 mit seinem Wechsel nach Cottbus, seinem Anspruch, ein etablierter Bundesligaspieler zu werden, jagte Shao aber auch in der Lausitz lange Zeit vergeblich nach. Energies Ex-Trainer Bojan Prasnikar schickte ihn gar in die Reservemannschaft und spottete bar jeder Empathie über Shaos maladen Körper: »Zwei Tage frei, zehn Minuten trainiert, wieder verletzt.«

Verständlich, dass der Mann, der in China noch immer als Idol gefeiert wird, keine Lust mehr hatte, in Cottbus zu bleiben und mit Ablauf seiner Vertrages im Sommer 2009 die Biege machen wollte. Doch dann kam Wollitz, griff zum Telefon, überfuhr Shao mit der ihm eigenen Begeisterungsfähigkeit und siehe da, Shao unterschrieb tatsächlich einen neuen Vertrag. Der Honig, den Wollitz Shao ums Maul schmierte (»Der Junge hat ganz außergewöhnliche Qualitäten. Man muss ihn nur lassen.«) schmeckte dem Chinesen und machte aus Shao endlich einen Leistungsträger, der mit Toren und Vorlagen glänzte, bis ihn erneut seine sensible Anatomie stoppte und zu einer Verletzungspause zwang. Damit ging zwar seine Topform flöten, trotzdem brachte Shao die Saison solide zu Ende und kann nun endlich von sich behaupten, den Durchbruch in Deutschland geschafft zu haben.

Portugal als Sprungbrett für die großen Klubs – und Cottbus


Eine Behauptung, die Takahito Soma natürlich noch nicht treffen kann. Dabei ist er ein leibhaftiger Champions League-Sieger, seit er 2007 diese Trophäe in die Luft stemmen durfte. Allerdings stand Soma dabei nicht im Kader des AC Mailand, sondern in jenem der Urawa Red Diamonds, die vor drei Jahren die Champions League Asiens gewannen. Doch das Mekka des weltweiten Klubfußballs ist nun einmal Westeuropa und auf dem Weg dorthin ist auch der Gewinn des wichtigsten asiatischen Titels nicht viel mehr als eine Durchgangsstation.

Als Maritimo Funchal Anfang 2009 Interesse an Soma zeigte, sagte der flinke Außenbahnspieler zu. Nicht die namhafteste Adresse, aber ein Schritt in die richtige Richtung, schließlich gilt Portugal nicht umsonst als begehrtes Sprungbrett in die ganz großen Vereine Europas. Oder eben nach Cottbus. Ein Wechsel, der sicherlich nicht möglich gewesen wäre, wenn Soma auf der Atlantikinsel Madeira, deren Hauptstadt Funchal ist, grandios eingeschlagen hätte. Hat er aber nicht, und so musste sich Soma mit dem Posten des Back-Ups auf der Linksverteidigerposition zufrieden geben. Das nervt natürlich irgendwann und so kam das Angebot von Enerugi Kotobusi gerade recht. Doch selbst wenn Somas Engagement nicht zum Durchbruch gereichen sollte, an der Identifikation mit Cottbus wird es ihm nicht mangeln, denn als Japaner weiß er nur zu gut: Im Osten geht die Sonne auf.

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