Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (2)

Hup Alemanija Hup

Alemannia Aachen ist der holländischste Zweitligaklub. Personell und strukturell ist er in vielem auf dem Weg zu Alemanija Aken: Trainer, Co-Trainer, selbst Rasen und Sitzplätze kommen aus den Niederlanden. Ein Ortsbesuch. Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (2)imago
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Zu sehen ist von der Unterwanderung noch nichts. Orangefarben sind auf einem Schreibtisch in der Geschäftsstelle nur ein paar Aprikosen. Man spricht weiter deutsch, nicht niederländisch. Und die Mannschaft wird wie immer in gelben Trikots und nicht in oranje spielen. Aber ansonsten ist Alemannia Aachen personell und strukturell in vielem auf dem Weg zu Alemanija Aken.

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Erik Meijer, 40, das frühere Schlachtross der Strafräume, ist seit Frühjahr neuer Sportdirektor. Ex-Profi Eric van der Luer, 44, ist nach erfolgreichem Tun bei Alemannias U-23 aus der 5. Liga zum Co-Trainer der Profis aufgestiegen. Und der neue Chefcoach Peter Hyballa (vormals Borussia Dortmund A-Jugend) ist auch Halbholländer: »Mein Vater hat als Seemannspastor im Rotterdamer Hafen gearbeitet und da meine Mutter kennen gelernt.«

Sogar der Rasen war holländisch

Die sportliche Führungscrew ist nicht alles. »Im Mitarbeiterstab«, teilt die Pressestelle mit, gebe es »weiteres holländisches Blut«: Der Projektleiter Stadionneubau Stephan van der Kooi hat einen niederländischen Vater, im Jugendbereich arbeiten federführend drei Holländer. Der Rasen im alten Stadion war holländisch, wie auch die gelb-schwarze Bestuhlung, die man als Ausschussware vom gleichfarbigen Nachbarn Roda Kerkrade (keine 10 km vom Tivoli entfernt) übernahm. Jetzt hat eine niederländische Firma für die Beschilderung am neuen Tivoli gesorgt.

Auf dem Trainingsplatz ist es laut, sehr laut. Beide Trainer brüllen sich beim Übungsmatch blau gegen rot fast die Kehlen heiser. Hyballa, der mit 34 Jahren jetzt bundesweit jüngste Chefcoach: »Nicht locken lassen. Inside the block, verschieben, pressen, looos.« Die andere Elf coacht der Co: »Blau weg, blue weg. Anlaufen und drauf, drauf, jetzt!« Hyballa wird am Ende sein Team loben: »Gut Jungs, guten Job gemacht«. Die Kibitze sind angetan: »Tolle Sachen machen die. Da geht es richtig zur Sache. Und gut zwei Stunden, nicht lahme anderthalb. Typisch holländisch. Das machen die Klubs da alle.«

Training auf niederländisch


Ist das so? »Wir machen fast alles über Ansprache, über Spielformen, Positionsspiel, Passpiel, Laufwege auch um den Ball herum«, sagt Peter Hyballa, »viel Ballarbeit, sehr intensiv. Und nicht so deutsch wochenlang durch den Wald rennen. Wenn das alles typisch niederländisch ist, bitte.« Eric van der Luer sieht manches zumindest »typisch undeutsch«. Langes intensives Arbeiten mit Ball mache den Spielern »auch großen Spaß, und die sind nachher müder als nach langen Läufen. Nur merken sie es nicht.«

Hyballa sagt: »Die Jungs sollen mit uns, nicht von uns lernen. Heute haben wir zwei Teams intensiv doppelgecoacht. Manchmal machen wir auch gar nichts. Sollen die Spieler das organisieren. Wir beobachten nur. Und es ist interessant, wie die das machen, wer zum Leader wird.« – »Typisch deutsches Denken« sagt van der Luer, »ist zum Beispiel: Torwarte müssen groß sein. Das muss er nicht. Ein Torwart muss gut sein und vor allem Fußball spielen können.« Und dann noch dieser schöne Satz: »Ich hab Fußballer bekommen und will Menschen entwickeln.« Dann würden sie womöglich noch viel bessere Fußballer.


Ein paar Tage zuvor hatte das Team mit Trainergespann eine Stadtführung gemacht. Parallel lief Holland-Brasilien. Beim Rathaus-Empfang hat Erik Meijer »einen Fernseher entdeckt«, sich spontan »zu einer Besprechung mit dem OB« abgemeldet und heimlich die 2. Halbzeit geguckt. Cotrainer van der Luer latschte mit durch Dom und Kaisersaal, verzögerte den Rundgang immer wieder durch Stops vor den Kneipen: Wie stehts? Am nächsten Tag trug er eine niederländische Fanjacke beim Training. Und am Tag nach Hollands Finaleinzug ging Meijer seinen Dienst im Original-Oranje-Trikot nach. Die Spieler hatten sich schon nach Uruguay-Hemden umgesehen – falls Holland rausgeflogen wäre, wollten sie am nächsten Morgen rotzfrech in Uru-Shirts trainieren.

Achenbach: »Wir lernen jetzt jeden Tag holländisch«


Der holländischste Verein Deutschlands? Erik Meijer winkt erst mal ab: »Bei Bayern sind noch mehr Holländer.« Immerhin: der große Vergleich steht. »Hier an der Grenze liegt es doch nahe. Eric kenne ich lange, den Peter habe ich gefunden. Durch die holländische Mutter spielt sich in seinem Gehirn bestimmt etwas ab: Kreativität, Offenheit, offensives Denken. Und vom Vater hat er Disziplin. Wenn ein Mensch deutsch und holländisch kombiniert ist, kommt die beste Mischung heraus.« Die Spieler sind bislang angetan. Thomas Stehle: »Alles wird mit Ball gemacht. Prima.« Timo Achenbach scherzt: »Ja, wir lernen jetzt jeden Tag holländisch.« Keine Welt- aber immerhin fast die Weltmeistersprache.

Seit 1989 gibt es eine Alemannia-Fanfreundschaft mit Ehrendivisionär Kerkrade, man besucht gegenseitig die Spiele oder macht eigene Fanturniere. 101 der 9.300 Alemannia-Mitglieder wohnen in den Niederlanden, dorthin gehen auch 218 Dauerkarten, immerhin. Zu den Business-Partnern gehört auch eine Handvoll holländischer Firmen. Der Alemannia-Archivar erzählt, schon 1963 habe man bei der Bewerbung um einen der Plätze in der neuen Bundeliga herausgehoben, »dass zum Tivoli auch viele Zuschauer aus Belgien und Holland kämen«. Ein internationales Argument, dass damals allerdings nicht verfing.

Die kulinarische Unterwanderung steht noch aus


Hup Alemanija hup. Aber noch kein Vla im Kühlschrank der Geschäftstelle, keine Salzlakritze neben den Rechnern, kein Schwarzer Afghane im Geheimfach (versichern die Mitarbeiter jedenfalls). Sportmanager Meijer versucht derweil kulinarisch zu missionieren: Mal brachte er, erzählt eine Mitarbeiterin, so einen Zuckerkuchen mit, mal lagen da Goudahäppchen, Bitterballen und einmal »dieses ein Meter breite Irgendwas« – was genau, weiß niemand mehr, nur: Scheußlich süß sei es gewesen. Das Urteil insgesamt: »Naja, gewöhnungsbedürftig.«

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