Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (1)

Der Aufsteiger

Für viele ist Friedhelm Funkel der klassische Feuerwehrmann. Dabei kennt er die Tabelle auch von oben: Der aktuelle VfL-Coach ist der erfahrenste Aufstiegstrainer. Fünfmal führte er ein Team von der 2. Liga in die Bundesliga. Ergänzung zum Bundesliga-Sonderheft (1)Imago
Heft#105 Sonderheft 2010/11
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Die Straßen heißen Buttring, die Taxis »Funk- und Mietwagen« und selbst in der Nacht sagen die Ostfriesen »Moin«. In Greetsiel ist sogar der VfL Bochum eine große Nummer. Friedhelm Funkel, 56, schaut auf die kleinen Gewitterfliegen auf seinem weißen T-Shirt und schnippt sie mit dem Zeigefinger in Richtung Deich.

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Fahrradfahrer sind dort am Horizont zu sehen. Funkel bereitet nach aufregenden Jahren in Köln, Frankfurt und Berlin an der Nordsee den kleinen VfL auf die Saison vor. Die soll den Wiederaufstieg in die Bundesliga bringen. Funkel gelang dies fünfmal in seiner 19-jährigen Trainerkarriere - in fünf Anläufen. Der VfL stieg ebenfalls in fünf Anläufen fünfmal auf. Statistisch kann so wenig schiefgehen, dass der VfL den Dauerkarten-Käufern ein »Wiederaufstiegs-Zertifikat« zugestellt hat. Sollte der VfL das Ziel verfehlen, gibt's Geld für Heimniederlagen zurück. »Ich finde das ganz okay«, sagt Funkel nüchtern. Er wirkt wie immer, wenn er vor den TV-Kameras sein jahrelang geübtes Analyse-Repertoire runterbetet und seiner Mannschaft ein Riesen-Kompliment ausspricht.

Fünf Aufstiege in 18 Jahren


Die VfL-Spieler lachen in der Hotellobby. Mittagspause. Funkel schaut auf ein paar Mieträder und Strandkörbe auf dem Hotelparkplatz. Und er beginnt zu reden. Von seinen fünf Aufstiegen mit Bayer Uerdingen (1992, 1994), dem MSV Duisburg (1996), dem 1. FC Köln (2003) und Eintracht Frankfurt (2005). Und wenn er so zurückblickt, alle fünf Aufstiege noch einmal nacherlebt, aus dem Kopf jedes Ergebnis, jede Aufstellung aufzählen kann, dann ist er zwar immer noch der Friedhelm Funkel, der mit seinen Aussagen niemals in der Rubrik »Zitat des Tages« auftauchen wird. Aber er erzählt spannend, plaudert.

Von seiner schwersten Stunde, als sein Spieler Michael Klein auf dem Trainingsplatz tot zusammenbrach (1993). Aber auch von den Triumphen. 1992 hießen die Uerdinger Konkurrenten – wirklich – VfB Oldenburg und SV Meppen. So lang ist das her. Zwei Jahre später musste sich Bayer auch mit dem VfL Bochum auseinandersetzen. Bayer gewann das direkte Duell kurz vor Saisonende mit 2:1 – aber das Spiel musste wiederholt werden. Funkel: »Da hat aus der Zookurve jemand Eiswürfel geworfen.« Die Wiederholung gewann Bayer 3:0. Der VfL war schon aufgestiegen. Den MSV übernahm Funkel kurz vor Saisonende auf Empfehlung seines Vorgängers Hannes Bongartz. Und die beste Mannschaft hatte Funkel 2002 in Köln. Mit Lottner, Cullmann, Scherz, Kringe. Bereits am fünftletzten Spieltag stand der Aufstieg fest.

Entfremdung der VfL-Fans

Bei seinem bisher letzten Aufstieg mit Eintracht Frankfurt musste Funkel bis zum Schluss zittern. »Am 12. Spieltag waren wir nach einem Stotterstart so weit vom Aufstieg entfernt wie die Erde von der Sonne.« Fünf Jahre blieb Funkel bei der Eintracht, seiner fünften Station.

Der VfL ist nun Funkels siebte. Nach dem Abstieg mit Hertha übernimmt er einen Verein, dessen Fans sich nach nur fünf Heimsiegen in zwei Jahren vom Klub entfernt haben und die eine Neuausrichtung des Klubs fordern. Funkel bleibt ruhig und greift in die Sätze-die-immer-gehen-Schublade: »Wir arbeiten hart und wollen die Fans zurückgewinnen.« Auch wegen solcher Sätze wirkt er etwas spröde, etwas langweilig. Dabei erzählt der Mann einfach nur keinen Quatsch.

Auch nicht den wenigen VfL-Fans, die nach Greetsiel mitgereist sind. Der Liga-Alltag im Ruhrgebiet ist nicht mehr weit. Funkel ist von Berlin nach Düsseldorf-Oberkassel gezogen und muss sich nun täglich über die A40 nach Bochum quälen. Seine Töchter sieht er wieder häufiger, um seine Mutter in Neuss will er sich kümmern, in Uerdingen vorbeischauen. Dort, beim heutigen Niederrheinligisten, spielt jetzt Ailton. Ein großes Bild vom Spieler Funkel hängt im kleinen VIP-Raum.

»Friedhelm Funkel, du bist der beste Mann«


In Uerdingen steht Funkel aufgrund des Pokalsiegs 1985 für die erfolgreichste Zeit des Vereins. Bilder, die den Trainer Funkel zeigen, der von Fans auf Schultern getragen wird, sind nicht bekannt. »Tribun der Fankurve« nannte der Spiegel einst Peter Neururer. Funkel schüttelt den Kopf. »Das habe ich nie angestrebt. Die Mannschaft soll gefeiert werden.« In Frankfurt und Berlin war Funkel zuletzt der Sündenbock für Misserfolge. »Funkel raus« hat er nicht nur einmal gehört. In der Hitze Ostfrieslands wirkt Funkel, als träume er davon, dass 10.000 Fans »Friedhelm Funkel, du bist der beste Mann« singen.

Vielleicht ja beim VfL. Der Bochumer Schriftsteller Frank Goosen hat dem VfL einen »Gestus der Mittelmäßigkeit« vorgeworfen. Nun hat der VfL den scheinbar mittelmäßigsten Trainer verpflichtet. Dabei scheint kaum einer so zum VfL zu passen. Beide sind in der Bundesliga oft abgestiegen, aus der 2. Bundesliga dafür immer wieder aufgestiegen. Titel haben weder der VfL noch der Trainer Funkel geholt und doch sind beide aus dem Profifußball nicht wegzudenken. Beide stehen für Arbeit und Authentizität – und nicht für Spielkunst und Hollywood.

Deshalb ruft Funkel sein Trainerteam zusammen – und radelt auf den klapprigen Mieträdern Richtung Trainingsplatz. Der liegt irgendwo hinter dem Buttring links.

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