England - Deutschland 1966

„Über allem steht der Verlust“

Wolfgang Weber ist ein Held – wenn auch ein trauriger. Im Europapokal-Duell seines 1. FC Köln gegen Liverpool 1965 spielte er mit gebrochenem Bein. Nur ein Jahr später stand er im so tragischen WM-Finale von Wembley, von dem er hier berichtet. Imago
Heft #66 05 / 2007
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Beim WM-Finale 1966 erlebte ich nur ein Jahr nach dem Ausscheiden mit dem 1. FC Köln gegen Liverpool im Europapokal das nächste Drama. Die Wembley-Niederlage war jedoch eine größere Enttäuschung, denn es war das wichtigste Spiel der Welt, und wir haben es verloren. Andererseits bedeutete die Partie für mich auch einen kleinen persönlichen Erfolg, ich erzielte in der letzten Minute der regulären Spielzeit den Ausgleichstreffer – aber über allem steht natürlich der Verlust.

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Unser großes Handicap war, dass wir 90.000 Zuschauer gegen uns hatten. Aber wer einmal ein Endspiel erreicht hat, der will auch unbedingt gewinnen. Und es liegt doch in der Natur der Sache, dass man sich mit einem Halbfinalsieg nicht zufrieden gibt und den ganz großen Coup landen will. Trotz der vielen Vorzeichen, die gegen uns sprachen, waren wir überzeugt, das Spiel gewinnen zu können. Wir waren zwar nicht der große Turnierfavorit, aber wir hatten eine ausgewogene Mannschaft mit erfahrenen Spielern wie Uwe Seeler, Willi Schulz und Hans Tilkowski und mit jungen Wilden wie Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath und mir. Die Mischung stimmte, denn unsere Mannschaft vereinte Erfahrung und jugendliche Frische.

Vor dem Spiel, in den Katakomben des Wembley-Stadions, kann ich mich besonders an ein Detail erinnern: Als wir in die Kabine kamen, roch es unglaublich stark nach Pfefferminz, Eukalyptus und Kampfer – das machte sofort die Atemwege frei. Im Wembley wurden ja vorher schon viele WM-Spiele absolviert und so duftete es in den Gängen nach Kräutern und Ölen aus Südamerika. Und bevor wir auf das Feld liefen, hat uns Uwe Seeler als vorbildlicher Kapitän mit einem Kabinenschwur noch einmal richtig aufgerüttelt.

Das Spiel war ein ständiges Auf und Ab der Gefühle: unsere schnelle Führung, der Ausgleich der Engländer und ihr Treffer zum 2:1 Mitte der zweiten Halbzeit. Die englischen Zuschauer haben ihre Mannschaft frenetisch angefeuert, jedoch ohne uns zu beleidigen. Das gesamte Spiel verlief sehr fair, obwohl es doch um soviel ging. In der letzten Viertelstunde der regulären Spielzeit waren wir ganz klar am Drücker. Und mit einer „Last-Second-Aktion“ haben wir dann auch den Ausgleich erzielt. Wir bekamen einen Freistoß, Emmerich brachte den Ball in den Strafraum – und auf einmal, zwischen tausend Beinen, lag der Ball vor meinem rechten Fuß. Ich habe eine Lücke gesehen und gedacht, da muss er durch. Wir haben uns dann natürlich in den Armen gelegen, aber zu dieser Zeit waren die Freudebekundungen doch etwas diskreter als heute. Durch einen Zufall waren es jedoch die drei Jungen, Overath, Beckenbauer und ich, die sich zuerst umarmten.


Schon vor Beginn der Verlängerung waren wir stehend k.o. Unsere Mannschaft hatte doch innerhalb von 18 Tagen sechs Spiele absolviert. Außerdem kostete es unglaublich viel Kraft, auf dem Wembley-Rasen zu spielen. Der Untergrund war sehr weich und der Rasen so flaumig wie trockenes Moos. Der Ball lief darauf natürlich fantastisch, aber uns Spielern kostete dieses Geläuf auch mehr Kraft und Energie. In der kurzen Pause während der Verlängerung haben sogar alle Mannschaftskollegen von der Ersatzbank die Feldspieler massiert und versorgt. Alle haben angepackt, um uns aufzufrischen.

Doch dann kam es relativ schnell zu dieser komischen Aktion von Geoff Hurst. Ich war tausendprotzig der Meinung, dass der Ball nie im Tor gewesen sein konnte, denn das Leder sprang ja weg von der Linie. Mein direkter Gegenspieler Roger Hunt hat in diesem Moment abgeschaltet, ist abgedreht und hat die Arme hochgerissen, eine vollkommen normale Reaktion. Ich habe den Ball über die Querlatte geköpft, hätte ich den Ball im Spiel gehalten und ein englischer Spieler hätte den Nachschuss im Tor versenkt, wäre ich doch wohl erschlagen worden. Anstatt der Erste zu sein, der den Ball nach dem „Wembley-Tor“ berührte, wäre ich natürlich lieber der Siegtorschütze gewesen und hätte mich, wie zwölf Jahre zuvor Helmut Rahn, feiern lassen.

In dem Moment als Hurst an den Ball kam, sind die Zuschauer schon aufgesprungen und haben mit dem Treffer gerechnet, denn Hurst ist ja sechs Meter vor dem Tor frei zum Schuss gekommen. Auch Bobby Charlton hat reflexartig seine Arme hochgerissen und ich habe ihn umklammert und seine Arme festgehalten, denn er sollte nicht jubeln. Ich war mir so sicher, dass der Ball nicht hinter der Linie war. Allerdings konnte ich den Aufprall auf der Linie nicht genau sehen, weil Hans Tilkowski mir die Sicht versperrte. Aber der Hans schwört Stein auf Bein, dass der Ball auf der Linie aufgetickt ist. Und das ist auch richtig.

Wenn man streng nach den Regeln geht, hätten übrigens beide englischen Tore in der Verlängerung nicht gegeben werden dürfen. Beim Wembley-Tor war der Ball niemals mit vollem Umfang hinter der Linie. Das 4:2 war natürlich drin, ein wundertoller Schuss von Hurst. Aber dieses Tor hätte auch nicht zählen dürfen, denn als Hurst in der letzten Minute der Verlängerung auf unser Tor rannte, liefen in der englischen Spielhälfte schon drei oder vier Zuschauer über den Rasen. Der Schiedsrichter hätte das abpfeifen müssen. Hurst war dann allein auf weiter Flur vor Hans Tilkowski, dabei hätte Wolfgang Overath ihn fast noch eingeholt – das war wirklich beeindruckend – er konnte ihn jedoch nicht mehr am Schuss hindern. In den Minuten nach dem Spiel wurde mir bewusst, wie nah Glück und Pech zusammen liegen im Fußball: Ich hatte den Ausgleich erzielt, und wir haben durch eine Fehlentscheidung doch verloren. Die gesamte Mannschaft war ausgepumpt und völlig kaputt. Hans Tilkowski hat bitterlich geheult nach dem Abpfiff. Viele Spieler haben noch lange mit dem Finalausgang gehadert. Was uns aufgebaut hat, war der tolle Empfang in Frankfurt. Auch in meiner Heimatstadt Köln haben die Leute ein Autokorso organisiert und das war natürlich Balsam auf die Wunden.

Nichts desto trotz war der 30. Juli 1966 der Tag der englischen Nationalmannschaft. Sie sind verdient Weltmeister geworden, und wir haben in der Verlängerung ja kein Tor mehr geschossen. Auch wenn das Spiel verloren ging, ich möchte die Erfahrung nicht missen, in dieser Partie, in einem WM-Finale, dabei gewesen zu sein. Jeder Junge träumt davon und dass es mir gelungen ist – Wahnsinn. Das Verhältnis zu den englischen Spielern ist immer noch sehr, sehr gut. Roger Hunt und ich sind gute Freunde. Wir haben uns alle schätzen gelernt. Die Schiedsrichter-Entscheidungen konnten unserer Freundschaft nichts anhaben.

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Hier www.11freunde.de/international/101677 findet Ihr Wolfgang Webers Erzähling vom dramatischen Europacupduell Köln-Liverpool im Jahr zuvor.



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