Energies Superlativ

Die billigsten Transfers

Wenn Energie Cottbus neue Spieler kauft, gibt es nur zwei Kriterien: Möglichst unbekannt und preiswert müssen sie sein. Doch nach dem frühen Klassenerhalt stiegen die Erwartungen – und die Transferpolitik wird zum Vabanque-Spiel. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Sommerpause ist nicht gleich Sommerpause, vor allem nicht für Steffen Heidrich. Der Manager des FC Energie hatte kaum Zeit für Urlaub, schließlich musste er die unorthodoxeste Transferpolitik der Bundesliga in Betrieb halten. Schon am 31. Spieltag hatten sich die Cottbuser in der abgelaufenen Saison die Klasse gesichert. Mit frechen Angriffen, einer 10-0-0 Formation und Stutzen tragenden Spielverderbern, die außerhalb Brandenburgs nur Auswendig-Lerner des Kickers kennen. Der Boulevard jubelte über das »achte Weltwunder« – und die Lausitz war glücklich.

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Steffen Heidrich war einer der ersten, der unter den rosaroten Schleier blickte. Er ahnte, dass Sensationen in dem ewigen Außenseiterverein FC Energie schnell ins Gegenteil umschlagen können. »Der frühe Klassenerhalt weckte Begehrlichkeiten«, sagt er. Kapitän Kevin McKenna, dessen Vertrag bis 2010 datiert war, hatte bereits nach dem entscheidenden Sieg gegen Leverkusen (2:1) einen verbesserten Kontrakt gefordert. Heidrich war enttäuscht und musste McKenna ziehen lassen. Er wechselte zum 1. FC Köln – in die 2. Liga.

»Es geht nur um den Verein«

Es war der Beginn des ostdeutschen Flüchtlingsstroms. Die Rumänen Sergiu Radu und Vlad Munteanu, die zusammen 25 Saisontore erzielt hatten, flüchteten zum VfL Wolfsburg. Reservist Daniel Gunkel zog zu Absteiger FSV Mainz 05. Sie erlagen dem Lockruf des Geldes, künftig werden sie das Doppelte bis Dreifache verdienen. Es ist Tradition, dass der Erfolg beim FC Energie Schwierigkeiten mit sich bringt. Im vergangenen Sommer, nach dem überraschenden Aufstieg in die Bundesliga, wechselte der damalige Spielführer Gregg Berhalter zu 1860 München. Manager Heidrich sagt: »Der Einzelne ist nicht so wichtig und im Zweifelsfall immer austauschbar. Es geht nur um den Verein.« Der Satz klingt gut, er zählt aber zur Top Ten der Fußballer-Phrasen. Klubchef und Sparfuchs Ulrich Lepsch dürfte sich derweil die Kontoauszüge im Juni über das Bett geklebt haben. 5,2 Millionen Euro hat der FC Energie eingenommen, auf einen Schlag waren die Schulden Geschichte, mit denen sich der Verein Jahre lang herumschlagen musste. Deutlich wurde die Rendite besonders bei Radu und Munteanu. Sie waren für etwa 300 000 Euro gekommen, und sie haben Energie nun 4,5 Millionen gebracht. »Darauf können wir stolz sein«, sagt Lepsch. Viele Fans sehen das anders. Sie glauben, der FC Energie würde die Bundesliga verscherbeln. Lepsch sagt hingegen: »Uns blieb nichts anderes übrig, wir können mit den meisten Klubs finanziell nicht mithalten.« Deshalb war Manager Heidrich viel unterwegs in den vergangenen Monaten. »Die Sichtung von Spielern kostet Zeit. Sie müssen nicht nur gut sein, sie müssen auch zu uns passen.« Es ist unwahrscheinlich, dass sich der ehemalige Spieler des FC Energie und von Dynamo Dresden in der englischen Premier League oder in der spanischen Primera División umgeschaut hat. Vielmehr dürfte die Wahl auf den ganz nahen Osten gefallen sein, auf Sofia, Zagreb, Budapest – oder Bukarest. Heidrich nimmt die abenteuerlichen Dienstfahrten gerne auf sich, so lange ihn die Spieler auf dem Rasen belohnen.

Etwa 2,5 Millionen wurden letztendlich in neues Personal investiert. Wofür andere Klubs die Anzahlung eines Spielers leisten, verpflichtete der FC Energie gleich neun neue Kräfte. Wieder handelt es sich um Unbekannte, die im Cottbuser Schaufenster auf den großen Karriere-Sprung hoffen. Sie kommen aus der Regionalliga, aus Dänemark, Bulgarien, Frankreich, Kroatien, Rumänien und sogar aus Zypern: Efstathios Aloneftis, 24, wechselte vom griechischen Pokalsieger AE Larisas nach Cottbus und soll nun die Offensive verstärken. Er ist die neue Symbolfigur des nächsten Zwergenaufstandes. »Wir haben eine interessante und vielversprechende Mischung gefunden«, glaubt Heidrich. Wie im vergangenen Jahr gleicht der FC Energie einem Überraschungsei. Inhalt ungewiss. Dennoch gilt der Verein angesichts der Abgänge und dem Wahrscheinlichkeitsprinzip als einer der heißesten Abstiegskandidaten.

Dass auch die Neulinge keine Millionen verdienen werden, wurde ihnen vor Vertragsabschluss mitgeteilt. Und dennoch werden sie um Gehaltserhöhungen bitten, sofern der Ball konstant nach Wunsch rollt. Sogar Trainer Sander, der Hüter der Minimalismus-Offensive, ließ sich das nicht nehmen. Wenige Tage vor dem Trainingsbeginn machte er seiner Enttäuschung Luft, dass sein bis 2008 andauernder Vertrag noch nicht verlängert wurde. Er soll um eine Erhöhung des Jahressalärs um 20
Prozent gebeten haben. Klubchef Lepsch lehnte das strikt ab, die Verhandlungen wurden auf die Winterpause verschoben, er duldet keine Ausnahmen. Nicht mal bei Sander.




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