EM-Boykott ja oder nein?

»Die Politiker sollen Zuhause bleiben!«

Am vergangenen Donnerstag trafen sich deutsche, polnische und ukrainische Schriftsteller in Berlin. Thema: Was wird jetzt aus der EM in Polen und der Ukraine? Die deutsche Autorennationalmannschaft hatte geladen. Ein Ortsbesuch.

Während die Berliner Hertha im Relegationsspiel gegen Düsseldorf versuchte, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, trafen sich am anderen Ende der Stadt Schriftsteller aus Deutschland, Polen und der Ukraine. Die Deutsche Autorennationalmannschaft hatte in Zusammenarbeit mit der DFB-Kulturstiftung unter dem Motto »Im Osten geht die Sonne auf« zur Lesung gebeten. Eigentlich sollte es einzig um kulturelle Ausdrucksformen und fußballliterarische Meisterwerke gehen. Doch nicht Prosa und Lyrik standen im Vordergrund, sondern ein Drama, dass sich momentan in einem der Gastgeberländer der 14. Fußball-Europameisterschaft um die nahe vor dem körperlichen Zusammenbruch stehende ukrainische Politikerin Julia Timoschenko abspielt.

Als Symbol für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit steht die sich bis vor kurzem im Hungerstreik befindende Oppositionsführerin im Fokus, was deutsche wie internationale Medien dazu veranlasste, sich in den vergangenen Wochen mit Berichterstattungen zu überschlagen. Und immer stand dabei eine Frage im Vordergrund: Boykottieren oder nicht? Darf man ohne Gewissensbisse in die Ukraine reisen? Sind Fußball und Politik untrennbar miteinander verknüpft oder ist das Ganze nur ein Spiel ohne gesamtgesellschaftliche Bedeutung? Und so erwarteten die für eine naturgemäß eher trockene Veranstaltung ungewöhnlich zahlreich erschienenen Zuschauer und Medienvertreter – allein sechs Fernsehkameras waren zugegen – an diesem luftfeuchten Berliner Abend eine hitzige Diskussion über Wohl und Wehe der kommenden Europameisterschaft für das politisch so gebeutelte zweitgrößte Land Europas.

Hinfahren oder nicht hinfahren?

Nach einer halben Stunde schien das in der Hitze des Saales darbende, politisch interessierte Publikum endlich auf seine Kosten zu kommen. Und während die Schriftstellerkollegen zur relativ kurzfristig anberaumten Diskussionsrunde auf zwei abgewetzten Sofas Platz nahmen, hoffte man, nun endlich Antworten auf die im Raum stehenden Fragen aus den linksintellektuellen Kreisen der Gastgeberländer zu bekommen.

Wie schwer es jedoch ist, sich zur Boykottthematik eine abschließende Meinung zu bilden, wurde in der folgenden halben Stunde deutlich. Während die deutschen Diskutanten Moritz Rinke (»Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel«) und Christoph Nußbaumeder (»Die Kunst des Fallens«, »Eisenstein«) sich weitestgehend gegen einen Boykott aussprachen und sich dem Medienecho folgend gegen eine Vermischung von Sport und Politik aussprachen, sowie Doppelmoral und Populismus kritisierten, taten sich die landeskundigeren Schriftsteller aus der Ukraine, Yevhen Polozhiy und Sergij Zhadan, sichtbar schwer.

Der aktuell wohl bekannteste Schreiber der Ukraine Sergij Zahdan (Herausgeber von Totalnij Futbol, einer kürzlich erschienen Geschichtensammlung) war von Beginn an zwiegespalten. Dennoch nahm Zhadan eine klare Trennung vor: Fußballer und Fans sollten gerne kommen, sie müssten »nicht bei Merkel fragen«. Die Politiker könnten Zuhause bleiben, sie liebten den Fußball sowieso nicht, nur das Geld. Und vor zwei Jahren, als die ersten Strafverfahren gegen Timoschenko eingeleitet wurden, habe ja auch niemand etwas gesagt. Zhadans Mitstreiter Yevhen Polozhiy, ein weniger bekannter ukrainischer Schriftsteller, versuchte ebenfalls eine einfache Trennung zwischen Staatsvertretern und einfachem Volk zu vertreten.

Ist Fußball politisch?

Er machte mit seiner Kritik dabei auch vor Timoschenko nicht halt, die, unabhängig von ihrer fraglos schlimmen Situation, auch »nur eine Politikerin« sei. Die Fans hingegen sollten in jedem Fall kommen, um das Leben in der Ukraine kennenzulernen und die Situation aus einem eigenen Blickwinkel beurteilen zu können. Zudem spielte er den Stellenwert eines Boykotts herunter, das Drama um Timoschenko werde so oder so positiv ausgehen – und vor Ort kann man Janukowitsch ohnehin umso besser kritisieren. Auch wenn sich Polozhiy in der Runde auf den ersten Blick politisch eher zurückhaltend zeigte, wies er mit letzterer Aussage auf die Crux der Situation hin: Es gibt keine einfache Lösung für das Problem. Beides – ein Boykott wie auch ein Erscheinen – haben ihre Vor- und Nachteile.

Auch der Schriftsteller und Sportjournalist Robert Kolton aus dem polnischen Partnerland sah die Sache zwiegespalten: Auf der einen Seite sei Fußball auch Politik und eine Stellungnahme deshalb wichtig, auf der anderen Seite »war Timoschenko bei der Auslosung auch schon im Gefängnis und keiner hat damals etwas gesagt«. Koltons Kollege Artur Szlosarek tat einen Boykott als »lächerlich« ab, sprach dem Fußball aber dennoch eine gesellschaftliche Bedeutung zu, da generell alles politisch sei. Eine klare Einordnung von richtig und falsch – Boykott oder nicht – fiel auch ihm schwer.

Am Ende der zweieinhalbstündigen Veranstaltung stehen eigentlich genauso viele Fragezeichen wie vorher. Vielleicht sollten sich zumindest die Fans an Yevhen Polozhiy halten und sich vor Ort selbst ein Bild machen. Julia Timoschenko ist derweil in eine andere Klinik verlegt worden, wird dort von einem deutschen Arzt der Charité behandelt und ist somit wohl zumindest schon mal auf dem Weg der Besserung.

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