EM 2008: Deutschland-Türkei im 11FREUNDE-Ticker
07.10.2011

EM 2008: Deutschland-Türkei im 11FREUNDE-Ticker

Wenn Freuen keinen Spaß macht

Gespenstisch, fiebrig, zum Teil albtraumhaft, am Ende sah man sich aber doch zum Jubeln gezwungen. Mit 3:2 gewinnt Deutschland gegen die Türkei und steht im Finale. Hat David Lynch Regie geführt? Lest das Drehbuch hier noch mal.

Text:
Dirk Gieselmann und Fabian Jonas
Bild:
Imago
Ziehen wir unter dieses Spiel den längsten Schlusstrich aller Zeiten: Ein Event für alle Eventfans, ein Tritt ins Gemächt all derjenigen, denen was am Fußball liegt. Die Deutschen spielten desorientiert, ängstlich, und wenn sie doch mal am Ball waren, behandelten sie ihn wie einen Luftballon mit Mickey-Mouse-Motiven drauf. Die Türken konnten ihre Freiheiten kaum fassen und deshalb auch nicht nutzen. Sie sind es gewohnt, Gegner nieder zu ringen. Dass ein Gegner sich aber freiwillig zu Boden wirft und weint – damit konnten sie nicht rechnen. War das die ebenso geniale wie perfide Taktik der Deutschen? Wir wollen es nicht wissen. Oder vielleicht doch. Irgendwann. Aiman Abdallah von Pro7 soll es uns eines Tages erklären.

Wir verabschieden uns, fahren bis zum Finale in den Harz und beobachten Hirsche, wenn welche vorbeikommen. Bis dann.



94. AUS AUS AUS. Das Spiel, wenn es denn eines war, ist aus. Wir sind fix und fertig, starren wie gebannt auf den Bildschirm, der prompt wieder weiß wird. Fordern das ZDF zum Rücktritt auf.

94. Nochmal gefährliche Freistoßsituation für die Türkei nach angeblichem Foul von Ballack. Aber Tümer haut das Ding auf die Tribüne. Failure Delivery.

93. Jansen kommt rein. Orakel Gieselmann unkt: »Jetzt macht Jansen ein Eigentor« Schreibe an Uli Hoeneß, erkläre ihm meine Situation. Failure Delivery.

92. Kollege Gieselmann und ich liegen uns in den Armen. Gieselmann verkündet, ab sofort Bayernfan sein zu wollen. Verbiete es ihm. Er brüllt CSU CSU CSU!!! Ich verbiete es ihm erneut. Jetzt auf Lebensszeit. Immer bis einer heult...

90. JAAAAAAAAAAAAA!!!!!! LAAAAAAAAAAAAAAAAAAHM!!!! Macht den Türken und seinen Fehler wieder gut. Im Strafraum freigespielt knallt er das Ding unter die Latte!!! Nie war Philipp Lahm schöner.

90. Das Spiel wirkt inzwischen in dieser Übertragung, als liefe es auf vier Zeitebenen!

86. WIR STERBEN! TOR! »Genau durch die Unterhose« schreit Rethy, und bevor wir kapieren, was der Mann ungefähr meinen könnte, sehen wir den Ball von Semihs Fuß neben dem kurzen Pfosten vorbei kullern. Lahm sieht ganz schlecht aus, von Lehmann entscheiden wir später, ob er nichts machen konnte oder auch schlecht aussah. Wir waren auch schon mal hübscher.

84. Hätten nie gedacht, dass uns Tonprobleme je so fertig machen könnten. Aber es ist so. Mal laut, mal leise, mal mit mal ohne Fanhintergrund, dann ganz weg.

ungefähr 79. TOOOOOOOR für Deutschland. Klose nickt eine Flanke von Lahm ein, Rüstü sieht ganz dumm aus, und wir können uns kaum freuen. Einmal wegen des Spiels, zum anderen, weil uns der Verdacht beschleicht, dass dieses Spiel überhaupt nicht stattfindet. Rethy weiß inzwischen, eine gefühlte Viertelstunde bevor das Bild eintrifft, schon, was passiert. Das ist nicht schön. Es wird nicht schöner dadurch, dass es ausgerechnet Rethy ist, der vorher etwas sieht als man selbst. Man ist das ja nicht unbedingt gewöhnt in dieser Form.

75. BILDAUSFALL. Man glaubt es nicht. Man glaubt es einfach nicht. Immerhin ist diesmal das Porträt von Bela Rethy sofort zur Hand, der als Radiomann weitermacht. Das ZDF versucht, die Schuld von sich zu weisen. Als das Bild wieder auftaucht, blenden sie das Logo des Schweizer Fernsehens ein.

73. Durch Zufall passiert dann doch mal was. Hitzlsperger packt die linke Klebe aus, verzieht aber knapp.

70. Es ist ein Elend. Hier macht sich Nervosität breit. Selbst schon abgepfiffene Situationen werden mit Entsetzenslauten kommentiert. »UARGH» läse sich so was wohl im Comic. Schluck!

66. Die Deutschen tapsen durch die Gegend wie Dreijährige beim Topfschlagen. Schön, dass das Training in Ascona so abwechslungsreich ist, aber irgendwann sollte man sich dann doch wieder auf seine Kernkompetenzen konzentrieren.

64. Das Spiel ist wieder zu sehen. Das macht diesen Abend auch nicht wesentlich schöner.

60. Der Server bricht zusammen, alle wollen auf 11freunde.de zugreifen. Es schmeichelt uns, liebe Fans, dass sie glauben, wir sähen mehr. Leider müssen wir Sie enttäuschen.

58. Rethy kommentiert, macht einen auf Radiolegende. Wie ich Fußball hasse!

57. Alternative Videotext. Die Kollegen Bock und Apitius sind sofort hypnotisiert, halten sich für Kakadus.

56. Bildausfall. Wir kommentieren von nun an blind. Wahrscheinlich spielen die Deutschen immer noch Grütze.

55. Fernschuss Hitzlsperger, drüber. Alle freuen sich. Wenn die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.

53. Semih foult den Putschisten Frings, sieht zu Recht Gelb.

52. Die Zeitlupe zeigt: Lahm wird vom Bus überfahren. DAS WAR EIN ELFER, SCHIRI! SCHIEDSRICHTER TELEFOOOOOOOOON!!!! Gott sei Dank, das Aufregen funktioniert doch noch.

51. Lahm wird elfmeterreif gefoult, Busacca denkt nicht mit, ein Strafstoß bleibt aus. Wir sind zu schwach, um uns aufzuregen.

49. Frings fällt hin, schläft auf dem Rasen ein. Jogi Löw dreht am Rad, Köpke kotzt.

46. The torture goes on: Wiederanpfiff durch Busacca. Tragisches Missverständnis zu Beginn: Rüstü kommt mit der Frisur von 11FREUNDE-Mann Apitius aus der Kabine. Steht ihm gar nicht mal so gut.

Frings' Putschversuch ist gelungen, er kommt für Rolfes.

Die ZDF-Freaks merken überhaupt nichts mehr. Aus den Boxen ballert »Life is Life« von Opus, Menschen tanzen, Gegenstände fallen zu Boden. Nur Kloppo hat sich einen Rest Übersicht bewahrt, analysiert mit schneidender Stimme die Drecksleistung der Deutschen. Gleich zerlegt er seinen Touch-Screen. Kerner hingegen labert sich um Kopf und Kragen, »alles drin«, »Wienale« usw. Für so was haben unsere Mütter uns garantiert nicht zur Welt gebracht.

11FREUNDE? NULL FREUNDE! Unter dem Eindruck der schrecklichen Performance der deutschen Elf fällt die Redaktion auseinander. Soeben hat Grafikerin Yvonn Barth Redakteur Andreas Bock mit ihrem Pfefferspray niedergestreckt – »aus Frust«, wie sie zu Protokoll gibt. Niemand ruft den Krankenwagen.

11FREUNDE-Mann Benni Apitius verschwindet kurz im WC... Als er wieder erscheint, trägt er die gleiche Frisur wie Recber Rüstü. Wenigstens die Integration funktioniert.

Oh, Gott! Jetzt ist Arnold Schwarzenegger plötzlich Gouverneur von Kalifornien. Es ist ein Albtraum! Wecken Sie mich, liebe Fans!

Was ist nur los? Claus Klebers Gesicht ist noch schiefer als sonst, es ist das schlechteste »heute journal«, das ich jemals gesehen habe! Das Abendland geht unter wie eine gichtkranke Ente. Auf Wiedersehen!


46. Halbzeitpfiff. Das waren die schlimmsten 45 Minuten meines Lebens, ganz ehrlich. Selten habe ich Menschen gesehen, die das, was sie ihren Beruf nennen, dermaßen schlecht machen wie die deutschen Nationalspieler. Zum ersten Mal nach der 1:4-Schlappe gegen Italien im Frühjahr 2006 stellt sich die Frage: Wozu zahlen wir eigentlich Steuern?

45. Das hysterische Gegacker in der 11FREUNDE-Redaktion ist verstummt. Nun herrscht eisiges Schweigen, jeder misstraut jedem, auch hier droht ein Putsch. Die Ravioli, die für acht Monate hätten reichen sollen, sind weggefressen. Holen Sie uns hier raus, liebe Fans. Oder wenigstens mich. Bitte!

44. Blutwurst Rolfes kann weitermachen, Frings bläst den Putsch ab, setzt sich wieder auf die Ersatzbank. Zunächst...

42.: Urs Siegenthaler schreitet zur Bank, der geheimnisvolle Chef-Scout. Plant er den Putsch? Welche Rolle spielt Frings? Wo ist Ribbeck? Das »heute journal« wird es uns erklären.

41. Entschuldigen sie die geringe Witz-Frequenz des heutigen Tickers, liebe Fans. Aber das, was wir sehen, ist beklemmend, ekelhaft, peinlich. Deutschland spielt wie ne Wurst, die Türken irgendwie auch, aber mutiger. Lassen Sie uns diesen Eintrag mit einem alten bayrischen Sinnspruch schließen und neuen Mut fassen, keine Ahnung woher: »Halte Du den Glauben fest, Angst und Sorge wird's nicht wenden.«

40. Rolfes prallt mit seinem Gegenspieler zusammen, beide bluten. Schiri Busacca findet's amüsant, die Blutenden nicht.

38. Ugur zirkelt einen Freistoß aus spitzem Winkel aufs Tor, Lehmann schützt sein Gesicht. Willkommener Nebeneffekt: Er verhindert das 1:2.

37. Ballack verzettelt sich zusehends in Einzelgesprächen, packt kaum mehr an den Ball. Er wirkt wie ein Lehrer an der Berufschule, der vor lauter Privatproblemen seiner Schüler nicht mehr dazu kommt zu unterrichten.

34. Poldi geht allein aufs Tor zu, müsste abgeben, tut es nicht, verballert eine vielversprechende Chance.

31. Schreck lass nach, da ist sie wieder, die Wirtschaftsdepression – in Gestalt von Jens Lehmann. Bei einem Freistoß aus acht Kilometern verschätzt sich der Dinosaurier kolossal, auch bei der folgenden Ecke muss er gerade an etwas anderes gedacht haben, vielleicht an Angeber-Autos.

28. Durchatmen, liebe Fans! Schon hatten uns der urdeutsche Pessimismus und bleierne Melancholie fest im Griff. Es schien fast, als könnte nur ein Österreicher uns noch verstehen in unserem Leid. Doch dann: Schweini, das coole Ferkel! Eine neue Generation, hinfort der Mief der Wirtschaftsdepression, es riecht nach Alkopops und MTV. Gelobt sei der Jugendwahn!

26. JAAAAAAAAAAAAAAAAAA bzw. JAAAAAAAAAAAAAAAA-HAAAAAAAA! 1:1! Lasst uns alles, ALLES vergessen! Dieses vermaledeite Spiel geht von vorn los. Poldi gibt den Ball von links in den Sechzehner, Schweini chippt ihn rein. JAAAAAAAAAA!

22. TOOOOR!!! Oder OGOTTOGOTTOGOTTT: Tor! Für die Türkei! Und was für ein Ding. Ein Hereingabe über rechts, landet auf dem Fuß von Kazim, geht von dort an die Latte, zurück ins Feld, und Lehmann tritt über den harmlosen Kopfball von Udur. Dann fällt er mit dem Ball ins Tor.

21. Oliver Bierhoff sieht auf seinem Tribünenplatz aus, als hätte er ein kleines Nickerchen eingelegt. Wir nehmen an: Könnte er sich sehen, würde er auch in die Kamera winken, wie die deutschen Fans.

17. Jetzt dann doch mal nach vorne, aber die Bälle springen wie die Flipperkugeln von den Füßen. Aber so langsam fangen sie sich. Gruppenleiter Gieselmann fordert mehr Disziplin im 11Freunde-Tickerraum, erklärt seine Theorie vom Karma, das sich übertragen lasse, fängt an zu summen. Mache den Ton lauter.

13. »Die Türken haben ein enges Netz im Mittelfeld gewoben«, weiß Spider-Man Bela Rethy. Wenn das stimmt, dann haben sich die Deutschen schon darin verfangen. Anders ist nicht zu erklären, was sie da im eigenen Strafraum treiben. Lassen sich schwindlig spielen, bleiben einfach stehen. Aurelio zimmert den Ball an die Latte. Puuuh. Noch mal Glück gehabt.

9. Die Deutschen wirken, als würden sie sich noch aufwärmen. Obwohl: Dann hätten sie mehr Passsicherheit als in dieser zutiefst beunruhigenden Phase des Spiels.

8. Die deutsche Defensive hat ein neues Hobby: Schwimmen. 11FREUNDE-Mann Gereon Detmer fordert: »Frings für Lehmann!« – und wird aufgrund ausgewiesener Allwissenheit sofort zum Chefredakteur befördert.

6. Schweini muss am eigenen Fünfer per Kopf klären. Da die Kameraperspektive trügt, glauben die hier Anwesenden, er sei im Begriff, ein Eigentor zu erzielen. Panisch nageln sie die Fenster zu, fressen die Hamsterkäufe (Ravioli für acht Monate) in sich hinein. Sie sehen, liebe Fans: Die Nerven liegen blank.

5. Stummfilmfrau Jonas spricht erstaunlicherweise: »Die Türken stehen tief.« Ein Satz, der richtig klingt und zugleich wahnsinnig hohl.

2. Wann verbietet White-Stripes-Boss Jack White endlich das Absingen seines Gassenhauers »Seven Nations Army«? Er kann nicht wollen, dass seine Komposition in einem Atemzug mit »Ein knallrotes Gummiboot« und »Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen« genannt wird.

20:45 Uhr Anstoß! Kollege Jonas ist soeben wie eine Stummfilmfrau aus den 20er Jahren kollabiert, will nun offenbar von mir betreut werden. Timing war noch nie seine Stärke.

20:44 Uhr Was sollen wir davon halten, dass Rüstü spielt? Angestrengtes Philosophieren in der 11FREUNDE-Redaktion. Ergebnis: Er könnte das Siegtor für die Türken machen. Oder auch nicht.

20:42 Uhr Die Hymnen. Die türkische diesmal seltsam verhalten, geradezu dahinplätschernd – eine Vorentscheidung? Nun die deutsche: Das Übliche, ein echter Ohrwurm, »VATALAND« usw. Auch Angela Merkel singt mit, hat es allerdings nicht mehr geschafft, den Arm um Ballack zu legen. Etwas beleidigt wirkend, hockt sie auf der Tribüne.

20:35 Uhr Wie hat es die Türkei ins Halbfinale geschafft? Laut einer 11freunde.de-Umfrage sind die Gründe für den Sensationscoup so gelagert: 15 % sagen, es habe am Können gelegen, 54 % glauben an Dusel, immerhin 31 % an ein Wunder.

20:33 Uhr So wollen sie spielen (auf beiden Seiten fehlt Torsten Frings):

Deutschland: 1 Lehmann/FC Arsenal (38/60) - 3 Friedrich/Hertha BSC Berlin (28/60) , 17 Mertesacker/Werder Bremen (25/48), 21 Metzelder/Real Madrid (28/46), 16 Lahm/Bayern München (24/46) - 6 Rolfes/Bayer Leverkusen (26/12), 15 Hitzlsperger/VfB Stuttgart (26/37) - 7 Schweinsteiger/Bayern München (23/55), 13 Ballack/FC Chelsea (32/86), 20 Podolski/Bayern München (22/53) - 11 Klose/Bayern München (29/80). - Trainer: Löw

Türkei: 1 Rüstü/Besiktas Istanbul (35/118) - 20 Sabri/Galatasaray Istanbul (23/19), 4 Gökhan/Besiktas Istanbul (26/23), 6 Mehmet Topal/Galatasaray Istanbul (22/9), 3 Hakan Balta/Galatasaray Istanbul (25/13) - 22 Hamit Altintop/Bayern München (25/47), 7 Mehmet Aurelio/Fenerbahce Istanbul (30/23), 19 Ayhan/Galatasaray Istanbul (31/12), 16 Ugur/Fenerbahce Istanbul (26/10) - 9 Semih/Fenerbahce Istanbul (25/9), 18 Kazim/Fenerbahce Istanbul (21/9). - Trainer: Terim

Schiedsrichter:
Massimo Busacca (Schweiz)


20:31 Uhr Sangria-geschwängerte Atmosphäre auf der ZDF-Ferieninsel. Der Schiri am Pult sagt in zwei Minuten dreihundert Mal »schlussendlich«, die Eventtouristen jubeln wie weggetreten. Gespenstisch.

20:30 Uhr Liebe Fans, das Fieber steigt in den dreistelligen Bereich: Das Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei beginnt in wenigen Minuten. Ist es das »Fest der Kulturen«, eine Chance für Integration und Völkerverständigung? Oder besteht andererseits die Gefahr bürgerkriegsartiger Ausschreitungen, die manche Boulevardmedien hinterwäldlerischer Provenienz wittern? Wir sagen: Weder, noch. Es ist ein Fußballspiel, mehr nicht. Dieser Sport dient nur sich selbst. Was gibt es Schöneres, als den Ball aus 30 Metern in den Winkel fliegen zu sehen? Darauf kann es nur eine Antwort geben: Den Ball aus 50 Metern in den Winkel fliegen zu sehen. Viel Vergnügen bei einem hoffentlich unvergesslichen Spiel.


Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden