EM 1988: Deutschland-Niederlande 1:2

Als der Kokser Lehrgeld zahlte

Wie siamesische Zwillinge verbrachten Jürgen Kohler und Marco van Basten das Halbfinale 1988. Doch zweimal entschlüpfte der Niederländer dem Deutschen. Eine Lektion, die den »Kokser« zum besten Abwehrspieler seiner Generation machte. EM 1988: Deutschland-Niederlande 1:2

Das Spiel im Hamburger Volksparkstadion ist fast vorbei. Zwei Minuten noch bis zur Verlängerung. Jan Wouters passt den Ball flach in den Strafraum. Marco van Basten ist, halb springend, halb rutschend, eine Sekunde eher am Ball als sein deutscher Bewacher Jürgen Kohler. Mit der rechten Fußspitze gibt van Basten dem Ball die entscheidende Richtungsänderung. Torhüter Eike Immel kann den Einschlag im langen Eck nicht verhindern. Holland gewinnt 2:1 und steht im Finale, Deutschland ist draußen.

Kohler klebte so eng an seinem Gegenspieler, dass der gemeine Fan im Stadion die optisch ineinander verschmolzenen Körper nur durch die unterschiedlichen Trikotfarben als Kontrahenten identifizieren konnte. Und doch hatte er das Nachsehen. 88 schweißtreibende Minuten fußballerischer Schwerstarbeit lagen zu diesem Zeitpunkt schon hinter dem deutschen Abwehrmann. Rennen, grätschen, rempeln. Der »Kokser« hatte bis zum Umfallen gekämpft, sich aufgerieben im Duell mit der holländischen Kaltschnäuzigkeit in Person. Bewundernswert war das. Allein den Lohn seiner harten Arbeit durfte der Handwerker an diesem Abend nicht in Empfang nehmen. Der blieb dem holländischen Künstler in Form des EM-Finales überlassen.

Zwei Mal kam der Kokser zu spät

Wer jemals in seinem Leben Fußball gespielt hat, vorzugsweise als Kettenhund für des Gegners Stürmer, kann halbwegs nachvollziehen, wie sich Kohler in diesem Moment gefühlt haben musste. Der Junge aus der berüchtigten Waldhof-Schmiede in Mannheim hatte seine Möglichkeiten ausgeschöpft, und seinem Widerpart  in einer legendären Dauerfehde fast Paroli bieten können. Aber eben nur fast. Zwei Mal entwischte der schlitzohrige Holländer, zwei Mal landete der Ball im Netz. In der 74. Minute war Kohler zum ersten Mal zu spät gekommen und wusste sich im Strafraum nur noch durch ein Foul zu helfen. Ronald Koeman verwandelte den Strafstoß sicher. Das zweite Mal ist oft genug beschrieben, kommentiert und gesendet worden.

Doch Kohler wäre nicht Kohler, wenn der damals 23-Jährige nicht seine Lehren aus dieser Begegnung gezogen hätte. »Ich habe Marco van Basten meine Karriere zu verdanken«, sagte er einst. »Damals habe ich gelernt, dass ich noch mehr an mir arbeiten muss.« Kohler arbeitete intensiv an seinen Fähigkeiten. Das Duell fand später in der italienischen Liga und im Trikot der Nationalmannschaft noch einige packende Fortsetzungen. Und siehe da, der »Kokser« ging fortan nicht immer als Verlierer vom Platz.


Aufstellung

Deutschland: Eike Immel, Matthias Herget (45. Hans Pflügler), Andreas Brehme, Jürgen Kohler, Ulrich Borowka, Lothar Matthäus, Olaf Thon, Wolfgang Rolff, Frank Mill (79. Pierre Littbarski), Jürgen Klinsmann, Rudi Völler. Trainer: Franz Beckenbauer

Niederlande: Hans van Breukelen, Berry van Aerle, Ronald Koeman, Frank Rijkaard, Adrie van Tiggelen, Gerald Vanenburg, Jan Wouters, Erwin Koeman (89. Wilbert Suvrijn), Arnold Muhren (59. Willem Kieft), Ruud Gullit, Marco van Basten. Trainer: Rinus Michels


Statistik

1:0 Matthäus (55., Foulelfmeter), 1:1 Koeman (74., Foulelfmeter), 1:2 van Basten (89.)

Gelbe Karten: van Breukelen
Schiedsrichter: Igna (Rumänien)
Zuschauer: 61 300
Stadion: Volksparkstadion Hamburg
Datum: 21. Juni 1988
Wettbewerb: Europameisterschaft


Stimmen

»Neunmal hätte ich diesen Ball von Marco van Basten gehalten – dieser Schuss war leider der zehnte.« (Eike Immel zum entscheidenden 1:2)

»Es wäre schön, wenn wir heute ein Heimspiel gehabt hätten.« (Frank Mill zur Tatsache, dass drei Viertel der Zuschauer Niederlande-Fans waren)


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