Elfenbeinküste und die Nerven

Psychotische Züge

Die Elfenbeinküste ist der einzige ernst zu nehmende Titel-Kandidat aus Afrika. Wenn da nur nicht die schwachen Nerven wären, die das Team von Superstar Didier Drogba schon oft am ganz großen Wurf gehindert haben. Elfenbeinküste und die Nerven
Heft#103 06/2010
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Der Einzug der ivorischen Fußballer ins WM-Turnier wird triumphal sein. Didier Drogba, Yaya Touré und Guy Demel sind virtuose Trommler, und wie immer wird auf der Busfahrt zu den Spielen getanzt und musiziert werden. Großartige Bilder für die TV-Sender werden das, Folklore ist ja gefragt wie nie bei dieser WM. Doch hinter dem Ritual der Stars steckt mehr als die Lust an Musik und Tanz. »Das ist eine ernste Sache», sagt Demel, der Defensivallrounder vom Hamburger SV, der im Team der Elfenbeinküste einen festen Platz einnimmt. »Die Trommeln, der Tanz, das erinnert uns an die Schwierigkeiten der Menschen in der Heimat, an die Probleme unseres Landes, das gibt uns Kraft.«

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Während Europäer sich auf dem Weg ins Stadion hinter ihren Kopfhörern abschotten, erzeugen die Ivorer ein Gruppenerlebnis. Das war auch vor dem hinreißenden Vorrundenspiel gegen Argentinien bei der WM 2006 nicht anders. Diese Partie ging als erste magische Nacht in die Geschichte des Turniers ein, seither hat die Elfenbeinküste den Ruf, das beste afrikanische Team aller Zeiten zu sein. Zumal viele Spieler zentrale Positionen bei den edelsten Klubs der Welt einnehmen. Drogba zählt mit dem FC Chelsea Jahr für Jahr zum Favoritenkreis der Champions League, und auch Yaya Touré glänzt nun schon im dritten Jahr als Defensivstratege im Mittelfeld des FC Barcelona. »Dort macht er die dunkle Arbeit, er ist sehr wertvoll, aber viele Leute nehmen ihn kaum wahr«, sagt Demel.

Individuell vielleicht sogar besser als Deutschland

Hinter den beiden Weltstars aus England und Spanien organisiert Yayas älterer Bruder Kolo Touré (Manchester City) die Viererkette mit Linksverteidiger Emmanuel Eboué (FC Arsenal). Doch auch Didier Zokora (FC Sevilla), Salomon Kalou (Chelsea), Abdulkader Keita (Galatasaray Istanbul), Bakary Koné (Olympique Marseille), Gervinho (OSC Lille) und Demel, Leute mit etwas geringerem Glamourfaktor, waren zuletzt regelmäßig und erfolgreich im Europapokal unterwegs. Individuell ist dieses Team vielleicht sogar besser besetzt als die Truppe des DFB. Verständlich, dass Trainer Sven-Göran Eriksson von einer »extrem talentierten Mannschaft« spricht. Bessere Einzelspieler kann kein anderer afrikanischer WM-Teilnehmer aufbieten.

Und weil es irgendwie schick ist zu glauben, in Südafrika könne ein Team vom Schwarzen Kontinent um den Titel mitspielen, werden auch die Ivorer genannt, wenn der Kreis der Weltmeisterschaftsfavoriten abgesteckt wird. Dabei wird leicht übersehen, dass die zur »Goldenen Generation« verklärten Spieler stets versagen, wenn große Wettbewerbe anstehen. »Mit dieser Mannschaft nichts zu gewinnen, wäre eine wirkliche Verschwendung«, meint Zokora. Der Schmerz der Afrikameisterschaften 2006, 2008 und 2010 sitzt tief. In allen drei Turnieren war die Elfenbeinküste das individuell beste Team, doch je größer die Erwartungen waren, desto erfolgloser blieb die Mannschaft.

Besonders schlimm war es in Angola im vergangenen Februar. Wie die Stars das Viertelfinale gegen Algerien abschenkten, hatte fast schon psychotische Züge. In der Verlängerung gerieten selbst einfachste Pässe zu schrägen Querschlägern, jede Ordnung war verloren, der totale Zusammenbruch des Teams wurde zu einem makaberen Schauspiel des Zerfalls. »Wie immer haben die Ivorer es nicht geschafft, die Erwartungen zu erfüllen«, sagte der hilflose Trainer Vahid Halilhodzic. Dann wurde der Bosnier entlassen und durch den Schweden Eriksson ersetzt.
Gervinho, einer der Besten in Angola, diagnostizierte nach dieser Katastrophe gar einen Kollaps der Gruppe. »Früher haben wir uns stärker als Mannschaft verstanden und alle an einem Strang gezogen«, sagt der Stürmer. »Um wieder auf höchstem Niveau zu spielen, müssen wir vor allem wieder zu einem solch solidarischen Miteinander zurückfinden.«

Der Mann mit den flatternden Nerven

Die Ivorer sind also auch vor dieser WM ein heißer Kandidat für die Rolle des Hochbegabten, der an sich selber scheitert. Zumal sich dieses Schicksal nicht auf die Nationalmannschaft beschränkt. Kolo Touré und Emmanuel Eboué sind als langjährige Spieler des FC Arsenal vertraut mit dem Gefühl, die überlegenen Fußballer zu sein, große Titel aber anderen zu überlassen. Besonders schlimm ist es um den Chef und Anführer des Teams bestellt. Didier Drogba stand mit dem FC Chelsea seit 2005 viermal mindestens unter den besten vier Teams der Champions League, zweimal flog der Mann mit den flatternden Nerven in diesen Partien wegen Tätlichkeiten vom Platz. Ein internationaler Titel fehlt ihm.

Die Hoffnungen liegen deshalb auf den psychologischen Fähigkeiten des Sven-Göran Eriksson, der kurioserweise bei den letzten Weltmeisterschaften als Trainer Englands gegen Brasilien (2002) und Portugal (2006) ausschied. Das sind die beiden ersten Gegner der Ivorer in Südafrika. Im letzten Vorrundenspiel trifft die Mannschaft dann auf die schlagbaren Nordkoreaner.

Kolo Touré spricht von einer »enormen Herausforderung« für Eriksson und sagt: »Wir haben zwar viele sehr gute Spieler, aber die Mannschaft braucht Selbstvertrauen und den Glauben an die eigene Stärke.« Das afrikanische Land mit den besten Spielern liegt jetzt gerade zur Unzeit am Boden, und deshalb ist die Gefahr groß, dass die Elfenbeinküste in den Weltmeisterschaftsrückblicken vor allem mit stimmungsvollen Bildern von trommelnden Superstars vertreten sein wird.

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