Elf Dinge über die Copa America

2000 Meilen über dem Meer

Ein brasilianischer Japaner in Peru, ein Frosch in Chile und Fairplay in Uruguay. Zum Start der Copa America haben wir elf Dinge über die Südamerikameisterschaft zusammengetragen – für all die nächtlichen Nerdgespräche. Elf Dinge über die Copa AmericaArchiv

1.
Beim ältesten kontinentalen Turnier der Welt ist Heimvorteil fast alles. »Wenn unsere Fußballer Brasilien verlassen, rutscht ihnen das Herz in die Hose«, sagte der ehemalige Santos-Spieler Ney Blanco einmal. Tatsächlich gewann die Selecao ihre ersten vier Copas allesamt vor heimischen Publikum. Verhasst waren den Nationalteams vor allem die Turniere in Bolivien. In La Paz, auf 4000 Höhenmetern, gewann Boliviens Auswahl 1963 ihre bis dato einzige Copa, 1997 wurde sie Zweiter.

Sapo2.
Außerordentlich nützliches Wissen für die Mittagspause: Die meisten Tore in der Copa America, nämlich 17, erzielten Norberto Mednez (Argentinien) und Zizinho (Brasilien). Das Match mit den meisten Treffern fand 1942 statt, Argentinien besiegte Ecuador mit 12:0. Rekordspieler mit 34 Einsätzen ist u.a. ein Mann mit dem wunderbaren Namen Sergio Roberto »Sapo« Livingstone Pohlhammer. Der chilenische Torwart spielte zwischen 1941 und 1954 für sein Nationalteam. Bei seiner ersten Copa America 1941 wurde er zum besten Torwart des Turniers gewählt. Sapo heißt übrigens »der Frosch«. Ein Blick aufs Bild verrät, warum Pohlhammer so genannt wurde.

3.
Immer wieder kommt es vor, dass der südamerikanischen Fußballverband Gastnationen zur Copa America einlädt (etwa Mexiko, die USA, Honduras, Costa Rica oder dieses Jahr Spanien, das aus Termingründen absagte). Als allerdings 1999 Japan bei der Copa teilnahm, weil Toyota als Hauptsponsor des Turniers darauf drängte, wurde es einigen zu bunt. Eine Zeitung fragte etwa: »Wird China eines Tages Europameister?« Manch ein Experte blickte schon beim Eröffnungsspiel zwischen Peru und Japan nicht mehr durch. In der siebten Minute hatte dort ein japanischer Spieler einen Freistoß ins eigene Tor bugsierte. Der Torschütze hieß allerdings Wagner Lopes und ist eigentlich Brasilianer. Man erfuhr, dass er eingebürgert wurde. Man erfuhr außerdem: »Ich bin japanischer als mancher Japaner.« All das mag den Argentinier Martin Palermo so verwirrt haben, dass er wenige Tage später gegen Kolumbien drei Elfmeter verschoss, was ihm die größte Krise seiner Fußballlaufbahn bescherte und einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

4.
Über Jahrzehnte ließen uruguayische Nationalcoaches ihre Mannschaften gerne mit acht, neun oder zehn Mann trainieren. Das hatte keineswegs mit einem Mangel an Spielern zu tun, sondern war eine Anpassung an die Verhältnisse: Uruguay hatte sich bei der Copa den Ruf ergrätscht, das härteste und unfairste Team Südamerikas zu sein. Oscar Tabarez war Ende der achtziger Jahre einer der ersten Nationaltrainer, der seiner Mannschaft verständlich machen konnte, dass es sinnvoller ist, eine Partie mit elf Spielern zu beenden. Die folgenden Trainer versuchten diese Idee zu übernehmen. Die Öffentlichkeit reagierte empört, eine Zeitung schrieb nach einem Sieg bei der Copa 1995: Was ist nur passiert? Auf dem Platz stand eine »Equipo de senoritas«, eine Mannschaft von Frauen. In Uruguay darf man das getrost als Beleidigung verstehen.

5.
In jenen Jahren ging das Fan-Interesse an der uruguayischen Nationalmannschaft rapide zurück. Beim Eröffnungsspiel der Copa 1995 in Uruguay kamen gerade mal 40.000 Fans in das 70.000 Zuschauer fassende »Estadio Centenario«. Und selbst das Fernsehen schaltete sich ab – es gab keine Bewegtbilder von der Partie des Gastgebers gegen Venezuela. Der Politiker Luis Bernardo Pozzolo pöbelte: »Das ist ein Komplott gegen die Menschen dieses Landes!« Später liefen die Geräte wieder, Uruguay gewann das Turnier im Elfmeterschießen gegen Brasilien und Hector Nuñez wurde als Trainerfuchs gefeiert. Dass er auch eine »Equipo de senoritas« spielen ließ hatte man da irgendwie verdrängt »Ich will, daß sich unsere Spieler aufs Fußballspielen konzentrieren und nicht auf Boxkämpfe und Schlägereien.«

6.
Nach der enttäuschenden Copa America 1993, bei der Brasilien schon im Viertelfinale ausschied, tobten die Journalisten. Die Tageszeitung »Folha de Sao Paulo« sprach von »verhassten Ausländern, die lieber in Europa bleiben sollten«. In der Kritik standen vor allem der damals für den VfB Stuttgart spielende Dunga, Bayerns Jorginho und der nach Japan ausgewanderte Careca. Sie hätten den brasilianischen Fußballzauberern mit ihrem Biedermann-Gekicke den Krieg erklärt. Während auch die Fans wegen der vielen »Europäer« auf die Barrikaden gingen und von den guten alten Zeiten schwärmten, machten ein paar eifrige Selfmade-Verkäufer auf den Straßen von Rio und Sao Paulo das Geschäft ihres Lebens. Sie vertickten selbst zusammengeschnittene Videos der Weltmeisterschaften 1958 und 1962.

7.
Im Frühjahr 1994 waren sich die Experten einig: Mexiko ist einer der heißesten Favoriten auf den WM-Titel in den USA und Stürmer Luis Roberto Alves der kommende Superstar bei Inter Mailand. Schließlich hatte dieser wenige Monate zuvor bei einem Länderspiel sieben Tore geschossen und die Mannschaft sich bei der Copa America 1993 souverän ins Finale gespielt und war dort nur knapp an Argentinien gescheitert. Außerdem rechnete man bei der WM 1994 mit großer Unterstützung. »Wir sind ja neben den Vereinigten Staaten so etwas wie der zweite Gastgeber«, sagte Alves in Siegeslaune. Dass man Leistungen bei der Copa nicht überbewerten sollte, zeigte der folgende Sommer 1994: Mexiko schaffte nur aufgrund des Torverhältnisses den Sprung in Achtelfinale. Dort scheiterte das Team gegen Bulgarien. Alves wechselte in den folgenden Jahren zu Atlante, später nach Necaxa. Der Sprung nach Europa gelang nie.

8.
Außerordentlich nützliches Wissen für den Kneipentresen: Argentinien und Uruguay haben die meisten Copas gewonnen, nämlich 14. Dahinter Brasilien mit acht Titeln. Sensationen bisher: Peru gewann das Turnier 1975, Kolumbien 2001. Die meisten Tore pro Spiel fielen 1927 (6,17). Bei diesem Turnier besiegte Uruguay Bolivien mit 9:0. Es war der bis dato höchste Sieg der Copa America. Die Torschützen: 1:0 Petrone (18.), 2:0 Figueroa (19.), 3:0 Arremon (43.), 4:0 Petrone (65.), 5:0 Figueroa (67.), 6:0 Castro (68.), 7:0 Figueroa (69.), 8:0 Petrone (81.), 9:0 Scarone (86.).

9.
Als wahrlich groteskes Turnier entpuppte sich die Copa 2001 in Kolumbien. Der Gastgeber marschierte ohne Punktverlust und Gegentor ins Finale, wo die Mannschaft Mexiko mit 1:0 besiegte. Auf dem Weg ins Endspiel musste das Team allerdings gegen keinen einzigen »Großen« ran. In der Vorrunde spielte Kolumbien gegen Chile, Venezuela und Ecuador, im Viertelfinale gegen Peru und im Halbfinale gegen Honduras. Die Mittelamerikaner hatten nach Argentiniens Absage (Terroristenwarnung) erst wenige Tage vor Beginn des Turniers eine Einladung erhalten. Der honduranische Verband rief seine Spieler aus den Urlauben zurück und reiste mit einer Rumpftruppe an. Trotzdem spielte sich die Mannschaft phänomenal ins Viertelfinale, wo der bis dato größte Erfolg in der Geschichtes des honduranischen Fußballs gelang: Ein 2:0-Sieg gegen Brasilien. Torschützenkönig des Turniers wurde der Kolumbianer Víctor Aristizabal, dem einige eine große Karriere in Europa voraussagten. Doch dazu kam es nie. Noch vor der WM 2006 zerstritt er sich mit seinem Trainer Francisco Maturana. Dieser bezeichnete Aristizabal später als »Bester Fußballspieler ohne Ball auf der Welt«.

10.
Außerordentlich nützliches Wissen für den nächsten Smalltalk an der Käsetheke bei Lidl: Lange Zeit hieß es, dass die erste Copa America bereits 1910 unter dem Namen Torneo America del Sud ausgetragen wurde. Richtig ist: Die Torneo war das erste internationale Turnier in Südamerika, an dem mehr als zwei Fußballnationen teilnahmen. Die Copa America fand erstmals 1916 statt und heißt offiziell Campeonato Sudamericano de Futbol Copa America. Das erste Tor des Copa America schoss Uruguays Jose Pienbibene bei einem 4:0-Sieg über Chile.

11.
Zum Abschluss noch ein Video von 1989 und die Erkenntnis, dass bei der Copa selbst Gott nicht immer alles gelang:



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