Eintracht Frankfurt und das Drama von Rostock

»Als wären wir gestorben«

34. Spieltag der Saison 1991/92, Hansa Rostock gegen Eintracht Frankfurt: Eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters Alfons Berg bringt die Hessen um die Meisterschaft. Manfred Binz war dabei und erinnert sich. Eintracht Frankfurt und das Drama von Rostock

»In der Saison 1991/92 spielten wir den ›Fußball 2000‹: aggressives Pressing, extreme Ballsicherheit und tolle Kombinationen. Dieses Konzept brachte Dragoslav Stepanovic mit, als er das Amt des Cheftrainers von Jörg Berger übernahm. Er gab uns durch seine Art, mit uns zu reden und uns spielen zu lassen, ein unheimlich gutes Gefühl.

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Leider kamen wir am vorletzten Spieltag etwas aus dem Tritt und schafften zu Hause gegen die Bremer nur ein 2:2 – und das, obwohl die gerade den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatten und immer noch besoffen waren. So gingen wir punktgleich mit Dortmund und Stuttgart ins letzte Spiel. Wir mussten in Rostock ran und waren absolut siegesgewiss, obwohl die Hansa stark abstiegsgefährdet war und ebenfalls gewinnen musste. Stepi hat uns in der Kabine auf seine typische Zampano-Art noch mal so richtig heiß gemacht. Da war es auch egal, als wir hörten, dass Dortmund schon nach acht Minuten in Duisburg führte.

Wir stürmten und stürmten – aber das Tor war wie vernagelt. Trotzdem war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis wir treffen würden. Doch in der zweiten Hälfte ging Rostock in Führung. Das war ein Stich ins Herz. Gerade als Defensivmann hält man das schwer aus, weil man wenige Gelegenheiten hat, das Ergebnis zu korrigieren. Axel Kruse war es, der den Ausgleich schaffte. Da war die Meisterschaft wieder zum Greifen nah. Nur ein einziges Tor fehlte uns.

In der 76 Minute kam es dann zu der Szene, die ich nie vergessen werde und die die Geschichte der Eintracht maßgeblich beeinflusst hat: Tony Yeboah spielte Ralf Weber frei, der lief allein auf das Tor zu. Er konnte sich die Ecke aussuchen, doch dann zog ihm Stefan Böger von hinten die Beine weg. Der klarste Elfmeter, den ich je gesehen habe! Doch Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz entschied auf Abstoß! Was für eine Fehlentscheidung!

Ralf Weber packte die blanke Wut, er wollte den Schiri verprügeln. Nur mit großem Kraftaufwand konnte ich ihn daran hindern. Es waren ja noch 15 Minuten zu spielen. Wir rannten an wie die Verrückten, trafen mehrmals den Pfosten, ein Tor von Lothar Sippel wurde sogar noch aberkannt, allerdings zu Recht. Je näher der Schlusspfiff rückte, desto näher waren wir dem Nervenzusammenbruch.

Und in der 92. Minute liefen wir auch noch in einen Konter und kassierten das 1:2. Mit einem Mal war alles vorbei, die Meisterschaft, das schöne Spiel, der ›Fußball 2000‹. Es war, als wären wir gestorben. Ralf Weber lief sofort wieder Amok und zertrümmerte noch eine Fernsehkamera. Im Ostseestadion herrschte Endzeitstimmung, Rostock war trotz des Sieges abgestiegen. Ich war leer. An die Ansprache unseres Kapitäns Uli Stein hinterher in der Kabine kann ich mich nur noch dunkel erinnern.

Er hat uns Mut gemacht, dass wir im nächsten Jahr triumphieren würden. Im Bus nach Hause legte er ›The Show Must Go On‹ von Queen auf. Das hat ein bisschen geholfen, so wie auch die halbe Flasche Wodka, die ich sofort trank, als wir beim Bankett in Frankfurt ankamen. Die meisten waren besoffen, und wir konnten sogar auch schon wieder lachen.
Und als uns am nächsten Morgen 5000 Fans auf dem Römer feierten, waren wir alle sehr gerührt. Dennoch war diese Niederlage in Rostock die bitterste Stunde meiner Karriere. Sie hat für die ganze Eintracht eine goldene Ära verhindert. Der Verein wäre später niemals abgestiegen, wenn wir damals gewonnen hätten.«

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