Eintracht Braunschweig im Abstiegskampf

Chancenlos und glücklich

Sie wissen, dass sie zu schlecht sind für die Bundesliga. Doch die Braunschweiger stehen zu ihrer Eintracht – und feiern Woche für Woche ihren Untergang.

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Das lange Spalier vom Stadion bis zum Trainingsplatz macht sie alle mächtig stolz. Rund 500 Fans von Eintracht Braunschweig, dem derzeit schlechtesten Verein der Bundesliga, sind wieder mal richtig gut drauf. »Einmal Eintracht, immer Eintracht« schallt es ihrem Liebling entgegen, zu dessen Ehren sie erschienen sind. Torsten Lieberknecht.
Dabei ist Lieberknecht angesichts der vielen Niederlagen seines Teams über die eigene Rolle als Chefcoach ins Grübeln gekommen. »Ich kann der Mannschaft im Moment nicht helfen« – in anderen Vereinen muss ein Profitrainer für einen solchen Satz um seinen Job bangen. Lieberknecht hat ihn gesagt und wird von den Fans gefeiert.

»Das Gefühl voll auskosten«

»Wir sind hier nicht irgendein Verein. Wir sind Eintracht Braunschweig«, sagt Lieberknecht nun und lächelt freundlich in die auf ihn gerichtete Fernsehkamera. Es ist eine Woche zum Staunen in Braunschweig. Sonntag, nach dem bitteren 0:4 gegen den VfB Stuttgart, das Geständnis des ratlosen Trainers. Mittwoch, es sollte ein ganz normaler Trainingstag werden, erobern die Fans das Vereinsgelände und huldigen Lieberknecht, damit er bloß nicht aufgibt. Und am morgigen Samstag, wenn das Auswärtsspiel beim ungeliebten Nachbarn VfL Wolfsburg ansteht, singen sie wieder ihre Lieder. Die handeln von der besonderen Tradition ihres Vereins, über die nicht enden wollenden Hassgefühle gegen Hannover 96 und kurioserweise auch vom meilenweit entfernten »Euroooopapooookal«. »Die Leute wollen das Gefühl, nach 28 Jahren wieder in der ersten Liga zu sein, so richtig auskosten. Sie möchten sich zeigen in Deutschland. Und sie wissen genau, dass es ganz schnell wieder vorbei sein kann«, sagt Markus Meyer. Er ist kein Ultra, er trägt keine Kutte. Der 49-Jährige ist Fan aus Leidenschaft und hält seiner Eintracht schon seit 1977 die Treue. Block 8. Mit Dauerkarte? Blöde Frage. In Block 8 wird wie in der gesamten Südkurve des Eintracht-Stadions voller Inbrunst gesungen und gefeiert, selbst wenn es 0:4 gegen Stuttgart steht. Markus weiß ganz genau, dass die aktuelle Mannschaft zu schlecht für die Erste Liga ist. »Klar, es tut weh, immer zu verlieren. Aber die Leute hier sind sehr leidensfähig. Die werden auch am 25. Spieltag noch hinter der Mannschaft stehen«, versichert er voller Stolz.

Was gibt es da eigentlich noch zu singen?

Vielleicht hat der Rest der Liga noch gar nicht so richtig verstanden, mit wem man es hier zu tun hat. Die Eintracht verliert und verliert und wird trotzdem bejubelt. Braunschweig benimmt sich wie das berühmte gallische Dorf, das seine eigene Regeln hat und die anderen da draußen eher komisch findet. Um die Rolle perfekt ausfüllen zu können, fehlt dummerweise nur der Zaubertrank für die Spieler. Sieben Spieltage, sechs Niederlagen, 18 Gegentore. Was gibt es da eigentlich noch zu singen und zu hoffen?

»Nach sieben Spieltagen ist noch niemand abgestiegen. Und ich gebe mich nicht mit dem Gedanken zufrieden, dass es so weitergeht«, sagt Norman Theuerkauf. Der defensive Mittelfeldspieler gehört zu jenen Braunschweiger Helden, die es ohne viel Geld und Tamtam von der Dritten Liga bis in die Bundesliga geschafft haben. Außerhalb von Braunschweig wird dem Klub nicht mehr viel zugetraut – außer der Chance, als bisher schlechtester Erstligaaufsteiger in die Geschichte des deutschen Fußballs einzugehen. In Braunschweig selbst wissen alle zu schätzen, was der »Theuer« und die Jungs geschafft haben. Mancher spricht von einer einjährigen Fortbildung für die Spieler, die ruhig mit dem Abstieg enden darf. »Die Fans können sich in unsere Lage versetzen. Die wissen, wo wir herkommen. Solange sie das Gefühl haben, dass wir uns zerreißen, unterstützen sie uns«, sagt Theuerkauf.

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