Eine Typologie der Stadionflüchtlinge

Dem Feld den Rücken gekehrt

Jeder kennt das Szenario: Es sind nur noch fünf Minuten bis zum Abpfiff – und das Stadion ist schon halb leer. Wer geht da eigentlich während eines Spiels, für das er so viel Geld gezahlt hat? Eine Typologie der Frühaufsteher. Eine Typologie der Stadionflüchtlingeimago

Zwischen 55 und 150 Euro zahlt in etwa, wer als Nicht-Dauerkarteninhaber bei einem Bundesligaspiel in den Zuschauerreihen sitzen möchte. Immerhin halb so viel muss für Partien der Zweiten Liga hingeblättert werden – kein ganz billiges Vergnügen also. Immer wieder verwundert es da, dass Fans vor Spielende das Stadion verlassen. Alles Blasenschwache? Wir haben nachgeforscht – und neun verschiedene Typen gefunden.

Der Betroffene.
Hat felsenfest an den Triumph seiner Mannschaft geglaubt, bei der Hinfahrt allen Anhängern des gegnerischen Teams ins Gesicht gelacht und den kleinen Jungs aus dem Fanbus der anderen schon mal vorsorglich Trostbonbons zugesteckt. Die Begegnung steht seit Wochen rot umrandet in seinem Terminkalender. Definiert sich so sehr über den Erfolg »seiner« Jungs, dass er bei einer Niederlage zutiefst betrübt ist und einfach nur noch nach Hause will, weil er sich anders nicht imstande sieht, die Schmach zu ertragen.  
Zitat: »Bitte lass mich.«

Der Protestler.
Verfolgt jedes Spiel seines Vereins und weiß genau, was Spieler und Trainer hätten besser machen müssen. Begreift die Mannschaft als Dienstleister ihrer Fans, findet die aktuelle Performance ganz und gar inakzeptabel und meint, die da unten das wissen lassen zu müssen, indem er seiner Ablehnung durch vorzeitigen Abgang Ausdruck verleiht. Grinst im Weggehen noch in sich hinein, so sehr freut er sich, dass er diesen überbezahlten Stümpern mal gezeigt hat, wo ihre Grenzen liegen.  
Zitat: »So nicht, Freunde. Nicht mit mir.«

Der Herausforderer.
Erlebt die Führung seiner Mannschaft mit größtmöglicher Genugtuung, lässt anders gesinnte Zuschauer im Umkreis bei jeder Gelegenheit wissen, dass von Vornherein klar war, dass seine Mannschaft die überlegene ist. Gratuliert ihnen großspurig dazu, dass sie noch nicht mehr Gegentore kassiert haben (»Ehrlich, hätt’ ich euch nicht zugetraut, diesen Kämpferinstinkt«). Provoziert die anderen in einem letzten großen Schlussakt damit, dass er die Partie vorzeitig für gelaufen erklärt.  
Zitat: »Tschüs dann, Leute, ich bin weg. Das Ding ist doch durch.«

Der Spießbürger.
Ist bereits drei Stunden vor Anpfiff mit seinem frisch gewachsten Opel oder Audi angereist, damit er in Fußweite des Stadions einen Parkplatz bekommt. Verlässt seinen Sitz spätestens in der 85. Minute, um dem Fan-Fußvolk keine Gelegenheit zu geben, beim Nach-Spiel-Gewimmel die nagelneuen Felgen zu ramponieren. Seufzt auf dem Autobahn-Zubringer erleichtert auf, dass er und sein Auto unversehrt davongekommen sind. Wird aber leichenblass, wenn dann im Radio doch noch Tore vermeldet werden.  
Zitat: »Hab noch einen Termin.«


Der Wirtschaftende.
Liebt Live-Fußball, kann aber Wartezeiten nicht ausstehen. Zitiert mit verlässlicher Regelmäßigkeit Horaz’ »Carpe Diem« und referiert ungebeten über Arbeitseffizienz. Schlangen vor der Getränkebecherrückgabe oder Staus auf dem Parkplatz verabscheut er mindestens so sehr wie das Sitzenbleibenmüssen nach Landung des Flugzeugs. Nimmt ein verpasstes Tor deshalb gern in Kauf, wenn dafür freie Ausgänge winken.
Zitat: »Man muss ja alles im Verhältnis sehen.«

Der Auswärtige.
Genießt es ungeheuer, mittendrin zu sein, wohnt aber auf dem Lande, weil seine Frau nicht möchte, dass ihre Kinder in einer abgasverpesteten Umgebung aufwachsen. Hat versprochen, die Kleinen ins Bett zu bringen, und muss deshalb den Regionalzug kriegen. Grölt in der ersten Halbzeit lauter als alle anderen und macht richtig Party, um sich dann eine Viertelstunde vor Abpfiff heimlich rauszuschleichen. Mit einem letzten, sehnsüchtigen Blick auf den Platz und hängendem Kopf zurück in sein anderes Leben. Zitat: »Meine Familie braucht mich.«

Der Eventfan.
Geht zum Fußball, weil er a) guten Fußball sehen oder b) seinem Sohn eine Freude machen möchte, nicht, weil er einer der spielenden Mannschaften anhängt. Besonders verbreitet ist diese Spezies vor allem in der Münchner Arena, wo bei einem 5:1-Sieg zehn Minuten vor dem Ende schon rund ein Viertel der Besucher auf dem Heimweg ist, weil die Partie aufgrund ihrer Einseitigkeit nicht ausreichend Spannung geboten hat. Falls doch, bricht der Eventfan auch schon mal früher auf, weil es mit der Gattin anschließend noch zum Klassikabend geht.  Zitat: »Schreibt mir ’ne SMS, wenn hier noch was passiert!«

Der Expressive.
Neigt zu extremen Emotionen ebenso wie zum Defätismus. Macht beim Stand von 0:1 in der 89. Minute nach einer Flanke der eigenen Mannschaft hinters Tor den Abgang aus dem Block, hält am Blockausgang aber an, weil der nächste Angriff rollt. Begibt sich dann, als auch der verpufft ist, die Treppe hinunter, wird aber von den Schreien der anderen zurückgelockt. Schwört, sobald die Niederlage besiegelt ist »So schnell seht ihr mich hier nicht mehr!« und ist zwei Wochen später doch wieder dabei.  
Zitat: »Aus, alles aus.«

Der Gelangweilte.
War lange nicht im Stadion und weiß jetzt wieder, weshalb. Schätzt das Fußballgucken vor dem Fernseher mit zahlreichen Kissen im Rücken, mühelosem Biernachschub und Wiederholungen in Nahaufnahme. Vermisst die witzigen, nicht sportbezogenen Anekdoten von Kommentator Béla Réthy und hat das 1:0 glatt verpasst, weil er von dem großen, bunt animierten Werbedisplay abgelenkt war. Zieht mit seinem Dauergähnen im letzten Drittel eine Menge vorwurfsvoller Blicke auf sich, bis er sich endlich dazu durchringt, nach Hause zu gehen.  
Zitat: »Och, naja … Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören.«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!