13.09.2013

Eine Reise zur »Schalker Meile«

Kein Kreisel mehr

Seite 3/4: Opium fürs Volk
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Thilo Schmülgen

»Ich stand auf der Gegengerade und hab auf der Großbildleinwand gesehen, dass das Spiel in Hamburg noch nicht vorbei war. Die ersten waren schon unten, mein Kumpel Geiger hat mit dem Taschenmesser einen Quadratmeter Rasen ausgesägt. Ich hab’ geschrien: »›Geiger, schmeiß den Rasen weg, das Spiel ist nicht zu Ende!‹« Er schrie zurück: ›Du Pessimist, du scheiß Schalker!‹« Und dann traf 400 Kilometer entfernt Patrick Anderson. Aber ist es nicht für den Schalker Mythos fast schöner, dass es so ausging? Weil es die bessere Geschichte und glamourösere Legende abgibt als eine schnöde errungene Meisterschaft? Nun, das hat man davon, wenn man als postmodern geschulter, zwanghaft ironischer Schreiberling an die Sache herangeht: Battos Blick könnte verständnisloser nicht sein. Zweiter besser als Erster? Warum denn das?

Legalisierter Straßenhandel

Später stößt sein Fanklub-Kumpel Michael Otte dazu. Es wird ein sehr unterhaltsamer Abend, weil beide anschaulich erzählende Zeugen des Schalker Lebens sind. Es wird ein die körperliche Unversehrtheit beeinträchtigender Abend, weil der Zapfhahn im Bosch locker sitzt. Und es wird ein etwas anstrengender Abend, weil man den Namen der Stadt Dortmund nicht in den Mund nehmen darf. Sobald man vergisst, »Doofmund« zu sagen, was als zur Neu-tralität verpflichteter Journalist durchaus passieren kann, verschwindet ein weiterer Euro im Sparschwein des Fanklubs »Kuzorras Enkel«. Also besser nicht über den schwarz-gelben Nachbarn reden, sondern über das neue Schalke. Es ist der Tag vor der Mitgliederversammlung und Ralph Barthlomaycyk, Schalkefan qua Geburt, ist stolz, weil er morgen für seine 25-jährige Vereinsmitgliedschaft geehrt wird. Er freut sich auf das Unterhaltungsprogramm und wird seine Töchter mitnehmen, doch die Sache mit Viagogo schlägt auch ihm auf den Magen. »Ich find’ das absolute Scheiße, für mich ist das legalisierter Straßenhandel.« Schon heute könnten sich viele Schalke-Anhänger die Tickets nicht mehr leisten, und überhaupt, unter Rudi Assauer wäre das nicht passiert. Hätte, wäre, wenn ... Batto reißt sich am Riemen und schüttelt den Kopf. »Hätte meine Tante Klötze, wär’ sie mein Onkel.« Drei Neue, bitte.

Schalke Unser

Stößt sich schon Batto – der, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, kein besonders politischer Fan ist – an manchen Phänomenen der Schalker Gegenwart, so gilt dies erst recht für die Leute von der Faninitiative.
Die sind bekannt für ihr unermüdliches Engagement gegen Rassismus, unterhalten einen Fanladen, machen Kulturarbeit und geben das beliebte Fanzine »Schalke Unser« heraus. An diesem Morgen aber, wenige Stunden vor der Mitgliederversammlung, haben Susanne Franke und Helmut Schiffer die Krise. »Das ist ein Familienevent, nicht mehr das höchste Gremium einer demokratischen Veranstaltung«, klagt Susanne Franke. Man muss in der Tat kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu konstatieren, dass die Vereinsführung die Versammlung genial vorbereitet hat – so als hätte ein Spin Doctor dabei Regie geführt. Ist es Zufall, dass die »Bild«-Zeitung just an diesem Morgen meldet, Schalke hätte ein Angebot für Julian Draxler in Höhe von 45 Millionen Euro abgelehnt? »Natürlich nicht!«, stößt Susanne hervor. Opium fürs Volk.

 
 
 
 
 
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