13.09.2013

Eine Reise zur »Schalker Meile«

Kein Kreisel mehr

Seite 2/4: Marketing aus der Geschichte
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Thilo Schmülgen

Dass er dabei auf den FC Schalke nicht zählen kann, weiß Kruschinski. »Der Verein kokettiert mit seiner Gründungsgeschichte und macht damit Marketing, aber er hat sich vom Stadtteil abgewendet«, sagt er. Alles, was in der Gegend passiert, kommt durch die Fans. Oli4 selbst, einer der Köpfe des Schalker Supporters Club, bietet Führungen an: zur Kampfbahn, zu Ernst Kuzorras Geburtshaus, zum Schalker Markt. Es gibt mittlerweile eine S-Bahn-Haltestelle, die »Schalker Meile« heißt, Strommasten wurden in Vereinsfarben angemalt, leere Schaufenster dekoriert und Schilder aufgestellt. Immer noch würde niemand von blühenden Landschaften reden, doch auf den 800 Metern zwischen der Glückauf-Kampfbahn und der Berliner Brücke residieren heute die wichtigsten Fanorganisationen.


Der Schalker Fanclub-Verband (SFCV), Dachorganisation der blau-weißen Anhänger mit rund 90 000 Mitgliedern, betreibt die Kneipe »Auf Schalke«, die ehemalige Gaststätte Wellhausen. Die Supporters verkehren in einem eigenen Lokal, das sinnigerweise »Anno 1904« heißt. Die Faninitiative hat ihren Laden auf der anderen Straßenseite. Sogar die Haudraufs von der »Gelsen-Szene«
wohnen mit ihrem »Private Members Club« in der Nachbarschaft.

»Das Kind kommt ins Kinderheim«

Und dann gibt es noch das Bosch. Das liegt direkt an der Kampfbahn und ist vielleicht das authentischste Lokal an der Meile. Früher tranken auch die Spieler hier, die Plakette an einer Sitzbank verweist auf den Stammplatz des legendären Ernst Kuzorra. Freilich ist das lange her, der letzte Aktive, der sich sehen ließ, war Youri Mulder. Und ja, der sehr junge Manuel Neuer ist einmal spät abends wegen einer Bulette vorstellig geworden. Heute ist das Bosch die Heimat des Fanklubs »Kuzorras Enkel«, dessen Vorsitzender Ralph Barthlomaycyk heißt, und weil das kaum jemand aussprechen oder unfallfrei schreiben kann, sind alle erleichtert, wenn er sagt: »Hallo, ich bin der Batto.«

Batto ist nach eigener Aussage »eine Schalker Hausgeburt« und hat das königsblaue Fantum in seiner DNA festgeschrieben. »Hätte ich damals gesagt, ich werde Doofmund oder Bayern-Fan, hätte es geheißen, das Kind kommt ins Kinderheim!« Der 47-Jährige kann erdige Geschichten über den Verein und das Viertel erzählen. Über die Straßengangs, die – »Schalker Straße gegen Grenzstraße, Herdstraße gegen Grillostraße« – einst gegeneinander kickten oder sich auf die Fressen hauten. Oder beides. Er erzählt von den letzten Schalker Spielen in der Glückauf-Kampfbahn, die seine ersten als Zuschauer waren, und natürlich von 2001, als S04 vier Minuten lang Deutscher Meister war.

 
 
 
 
 
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