Eine Reise durch Polen und die Ukraine

Blutwürste um halb sechs

Es hätten wohl nur wenige darauf gewettet, dass die EM 2012 an Polen und die Ukraine vergeben wird. Doch am meisten hat diese Entscheidung offenbar die künftigen Ausrichter selbst überrascht. Eine erste Ortsbegehung. Imago
Heft #68 07 / 2007
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Noch verirren sich nicht allzu oft Fremde nach Ternopil. Bürgermeister Roman Zastawny hat sich jedenfalls eigens den Samstag frei geräumt und seinen weißen Anzug mit den goldenen Nadelstreifen angelegt, um den Gästen aus Deutschland von seinen Bauprojekten zu berichten. Die westukrainische Stadt hat sich zwar vergeblich darum bemüht, Austragungsort der EM 2012 zu werden, den Traum von einem eigenen Autobahnanschluss hat Zastawny dennoch nicht aufgegeben. Schließlich müssen die Leute irgendwie zu den Vorbereitungsspielen kommen, die im städtischen Miskystadion stattfinden sollen. Ach ja, das Miskystadion. Die Vorstellung, wie sich in dieser sozialistischen Bauruine Wayne Rooney oder Cesc Fàbregas auf die EM einstimmen, erfordert noch etwas Fantasie, aber die Jungs von Navi Ternopil müssen hier schließlich auch spielen. Heute geht es gegen Natkom Brovary, der Bürgermeister hat die Tickets besorgt. Es kostet einige Mühe, Zastawnys Gehilfen zu überzeugen, dass ein normaler Tribünenplatz allemal besser ist als ein Klappstuhl in einer selbstgebastelten VIP-Lounge, dann kann es losgehen.

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Der Bürgermeister hat ein Zweitligaspiel versprochen, doch nachdem fünf Minuten gespielt sind und dies aus ästhetischen Gründen immer unhaltbarer wird, räumt sein Assistent ein, dass in der Ukraine die 2. Liga in Wahrheit die dritte ist. Da sind in England auch schon viele drauf reingefallen. Bestenfalls drittklassig benehmen sich auch die 30 bauchfreien Skinheads von der Wild West Firm. Geschlossen heben sie den Arm zum Hitlergruß, als ein Spieler von Brovary vom Platz gestellt wird. Niemand tut was, niemand sagt was, niemand schreitet ein. Roman Zastawny kann sich mit solchen Kleinigkeiten eh nicht aufhalten, er hat andere Sorgen. Es ist nämlich so, dass es in Ternopil auch Korruption gibt. Und weil die Stadt 2012 im Fernsehen einen guten Eindruck machen soll, lässt der Bürgermeister schon mal Seminare und Workshops organisieren, in denen erklärt wird, »was Korruption ist und wie man das bekämpfen kann«. Ein interessantes Detail ist dabei, dass diese Seminare nicht von Polizisten, sondern für Polizisten veranstaltet werden. Auch Anwälte und Beamte sind herzlich eingeladen. Da ist es beruhigend, dass immerhin der Bürgermeister schon genau weiß, was Korruption ist und wie man das bekämpfen kann. Er sagt, es gehe vor allem darum, »menschliche Einflüsse weitgehend zu begrenzen«. Im nächsten Atemzug sagt er, dass er seinen deutschen Gästen gerne dabei helfen kann, »dass jedes Restaurant in Ternopil so lange offen bleibt, wie Sie wollen«. Man darf es auch nicht übertreiben mit dem Anti-Korruptionskampf. Während die Spieler von Navi Ternopil nach ihrem 2:0-Sieg gegen Brovary noch eine Zigarette vor einem klapprigen alten Linienbus rauchen, der jetzt ihr Mannschaftsbus ist, wird der Bürgermeister bereits in seiner schwarzen Limousine davon gefahren. Er hat zum Abschied sein offizielles Lächeln aufgelegt und ist offensichtlich der Meinung, dass die EM kommen kann.

»In diesem Land muss man mit der Wahrheit vorsichtig umgehen«


Das sieht Petro Petrowitsch Deminski nicht anders. Und zu ihm nach Lemberg (Lwiw) kommt sie ja auch, die EM. Deminski ist zwar weder Bürgermeister noch Fußballfunktionär, noch bekleidet er sonst ein offizielles Amt, trotzdem ist er eine der zentralen Organisationssäulen dieses Turniers. Er ist die graue Eminenz im Hintergrund des Erstligisten FC Karpaty und er wird den Ukrainern mit dem Geld, das sich auf seinen Privatkonten stapelt, eine moderne Arena schenken. Deminski nennt sich selbst einen Businessman, andere nennen ihn einen Oligarchen. Er gilt als der mächtigste Mann Lembergs, und wenn man den Gerüchten in der Stadt glauben darf, ist er auch der kaltblütigste. Wie seine ukrainischen Oligarchen-Kollegen Grigorij Surkis aus Kiew und Rinat Achmetow aus Donezk ist Deminski nach dem Zusammenbruch des Kommunismus’, im Schlepptau des ehemaligen Präsidenten Leonid Kutschma durch illegale Reprivatisierungen reich geworden. Zu dieser besonderen Form der Illegalität gehörten auch Morde an denjenigen, die den Reprivatisierungen im Weg standen, behauptet jedenfalls der ukrainische Publizist und Politikwissenschaftler Antin Borkowski. Von konkreten Namen will er lieber nicht sprechen. »In diesem Land muss man mit der Wahrheit vorsichtig umgehen«, sagt er.

Es wird schnell klar, was damit gemeint ist, wenn sich nach 30 Minuten Wartezeit die Flügeltür zu Deminskis Büro öffnet; vielleicht sollte man besser sagen: zu Deminskis Thronsaal. Dort sitzt ein von fleischigen Gestalten bewachter Mann auf einem überdimensionalen goldenen Sessel, hinter einem überdimensionalen Marmortisch, und sagt: »Wenn man nicht selbst die Politik macht, wird man von der Politik beeinflusst.« Also macht Deminski selbst Politik. Er entfaltet einen bunten Papierbogen mit den Plänen des neuen Ukraina-Stadions. Ein patriotisches Projekt sei das, sagt Deminski, bei dem der Staat kaum beteiligt sei und manchmal mit seinen Regularien sogar störe. Doch zum Glück gibt es im Leben eines Oligarchen auch freudige Nachrichten. Gerade hat ihm die Stadt Lemberg das Grundstück übertragen, auf dem sein moderner Sportpark entstehen soll. Wie viel ihn dieser attraktive Bauplatz gekostet hat, verrät Deminski nicht, die Zahlen seien schließlich in der Wochenzeitung »Karpaty« veröffentlicht worden. Auf Nachfrage merkt er fairerweise noch an, dass die Zeitung »Karpaty« einem gewissen Petro Deminski gehört. »Von der transparenten Politik in Deutschland habe ich natürlich auch viel gelesen. Aber das sieht hier ein wenig anders aus«, sagt er. Nicht einmal die Oligarchen machen ein Geheimnis daraus, dass die Ukraine diese EM nur mit gütiger Hilfe ihrer Oligarchen stemmen kann. Nicht einmal die Oligarchen verhehlen, dass es dabei selten mit rechten Dingen zugeht.

Polen hat keine Oligarchen. Das heißt zwar nicht, dass es ohne Korruptionsaffären und Misswirtschaft auskommen muss – noch immer sitzen rund 60 Drahtzieher des polnischen Wettskandals in Haft, und noch immer sitzt der polnische Verbandsfürst Micha? Listkiewicz, der diesen Wett-skandal geduldet hat, in seinem Bürostuhl –, es heißt aber, dass Polen seine Investoren und Geldgeber erst noch akquirieren muss.


Zugegeben, vor dem 18. April, als die Europameisterschaft 2012 in Cardiff vergeben wurde, hat kaum einer auf Polen und die Ukraine gewettet. Wenn man sich aber in Warschau so umhört, gewinnt man den Eindruck, dass die Ausrichter selbst von dieser Entscheidung am meisten überrascht wurden. Vereinfacht gesagt, teilt sich die polnische Bevölkerung derzeit in zwei Teile: jene, die nach alten kommunistischen Spionen suchen, und jene, die nach England auswandern. Nötig wären aber vor allem eine paar Leute, welche die gut 1000 Straßenkilometer bauen, auf denen im Frühsommer 2012 die Fußballfans in die Stadien rollen sollen, die es freilich auch noch nicht gibt.

Arbeitskräfte aus China, Indien und Vietnam sollen es richten


»Im Prinzip ist hier seit der Entscheidung von Cardiff noch nichts passiert, außer dass ein paar Listen erstellt wurden, was alles zu tun ist«, sagt der Warschauer Lokalreporter Maciej Szczepaniuk von der Tageszeitung »Rzeczpospolita«. Der stellvertretende Arbeitsminister Kazimierz Kuberski gibt zu: »Es bereitet mir Kopfzerbrechen, wenn ich daran denke, wer uns die Stadien und die Straßen bauen soll.« Eine nahe liegende Lösung wäre es natürlich, höhere Löhne zu bezahlen, um einen Teil der rund eine Million Polen wieder zurückzuholen, die seit der EU-Erweiterung im Mai 2004 über die deutschen Spargelfelder hinweg nach Großbritannien ausgewandert sind. Doch das würde die Probleme des Arbeitsministeriums wohl nur in den Zuständigkeitsbereich des Finanzministeriums umleiten. Billige Schwarzarbeiter aus der Ukraine kommen auch nicht in Frage, die werden zu Hause nun selbst gebraucht. Wenn es nach Kuberski geht, sollen es daher Arbeitskräfte aus China, Indien und Vietnam richten. Aber nach Kuberski geht es nicht. Polens national-konservativer Ministerpräsident Jaros?aw Kaczy?ski hat sich rechtzeitig an die Spitze des EM-Organisationskomitees gesetzt, und er gilt nicht unbedingt als Befürworter progressiver Migrationsgesetze.

All diese kleinen und großen Probleme ändern nichts daran, dass die Stimmungslage in Polen mit jener Erwartungshaltung vergleichbar ist, die vor der WM 2006 in Deutschland herrschte. Das Hochfest des Fußballs wird auch hier als dankbares Wahlkampfthema aufgegriffen – und als ein von der EU subventioniertes Entwicklungshilfeprojekt missverstanden. Die polnische Bauwirtschaft ist euphorisiert, einige Unternehmen verzeichneten nach der Entscheidung von Cardiff Kursgewinne von bis zu 20 Prozent. Fast alle Politiker freuen sich, wenn sie zur Europameisterschaft befragt werden, man darf bloß keine konkreten Antworten erwarten. Zum Beispiel dazu, aus welchen Töpfen die rund 350 Millionen Euro kommen sollen, um das neue Nationalstadion am östlichen Weichselufer in Warschau zu bauen. Oder wie die Stadt mit dem Problem umgeht, dass an dieser Stelle bereits ein Stadion steht, das nicht so einfach wegzukriegen ist. Dort wird zwar längst kein Fußball mehr gespielt, dafür aber gutes Geld verdient.

Man muss früh aufstehen, um diesen Ort zu begreifen. So gegen halb sechs. Direkt hinter dem Stadioneingang dampfen im Morgengrauen wie selbstverständlich Blutwürste und Zwiebelringe. Zwei zahnlose Gestalten beginnen den Tag mit Wodka aus Plastikbechern. Sie sehen nicht so aus, als machten sie das zum ersten Mal. Von einem Stadion, das »Stadion des Jahrzehnts« heißt und in dem 1983 das letzte offizielle Spiel stattgefunden hat, erwartet niemand elektronische Einlasskontrollen und solarbetriebene Anzeigetafeln. An einem Ort, an dem in fünf Jahren das Eröffnungsspiel der EM stattfinden soll, kann aber auch keiner mit so etwas wie dem »Jahrmarkt Europa« rechnen – einem Umschlagplatz für Waren und Dienstleistungen aller Art. Gut 4000 Händler, die wie Ameisen durcheinander wuseln, bieten auf dem heruntergekommenen Oberrang jeden Tag ab Sonnenaufgang alles an, was sich mit Geld bezahlen lässt: Bibeln, Bärenfelle, Trompeten, SS-Mützen, Dynamit und Frauen. Eine ältere Dame, die unter einem schwarzen Kopftuch steckt, hat sich auf den Vertrieb von Luftgewehren spezialisiert. Afrikaner verkaufen gefälschte Turnschuhe, Vietnamesen die dazu passenden Socken. Viele leben illegal in Polen, keiner will sich fotografieren lassen.


Der polnische Mafiaexperte Piotr Pytlakowski nennt den Markt einen Lebensraum für die Unterwelt und einen Vulkan der Kriminalität. »Bereits Mitte der 90er wusste jeder Verbrecher, dass man dort Sprengstoff, Waffen und falsche Dokumente kaufen kann. Und die Polizei wusste das auch.« Es ist kein Geheimnis, dass sich hier jahrelang das europäische Zentrum des Handels mit Raubkopien befand. Die Polizei nutzt den Ort, um Erkenntnisse über die polnische Mafia zu sammeln, und das Sportministerium, dem das Grundstück gehört, hat bislang wenig getan, um das bunte Treiben zu unterbinden. Das soll sich nun ändern – und zwar schnell. Sportminister Tomasz Lipiec hat verfügt, dass am 30. Juni Schluss ist mit Blutwürsten, Zwiebelringen und Waffenhandel. Wo sich heute einer der größten und dubiosesten Flohmärkte Osteuropas befindet, soll in drei Jahren eine repräsentative Arena für 70000 Zuschauer stehen. Die Händler, von denen nur wenige aussehen, als würden sie sich mit gutem Zureden von diesem Ort vertreiben lassen, haben schon mal angekündigt, mindestens eine Woche lang die Straßen zu blockieren.

In Form von Visabestimmungen, Korruptionsseminaren, Grundstücksvereinbarungen und Blockadeverlautbarungen ist die Europameisterschaft also angekommen in Polen und der Ukraine. Nur um ein Thema geht es bislang selten: um Fußball. Nirgendwo wird das anschaulicher als am Beispiel von Krakau. Nach Lage der Dinge wird die EM in der ehemaligen polnischen Königsresidenz nur auf Großleinwänden zu sehen sein. Die zweitgrößte Stadt Polens beherbergt mit den Erstligisten Wis?a und Cracovia die traditionsreichsten Fußballklubs des Landes und kann im Gegensatz zu den vorgesehenen Ausrichterstädten Warschau, Breslau und Danzig immerhin auf ein fast EM-taugliches Stadion, ein reges Hotel- und Gaststättengewerbe sowie eine Autobahnanbindung in Richtung Ukraine verweisen. Eine EM in Polen ohne Krakau, das wäre wie Deutschland ohne München, Spanien ohne Barcelona, Italien ohne Mailand. Zur Verwunderung der Öffentlichkeit hat Ministerpräsident und OK-Chef Jaros?aw Kaczy?ski der Stadt trotzdem lediglich einen Nachrückerplatz zugedacht.

Dafür gibt es nur einen plausiblen Grund, einen politischen: Kaczy?ski gehört der national-konservativen Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) an, Krakaus Bürgermeister Jacek Majchrowski ist einer seiner härtesten Widersacher aus der oppositionellen Linkspartei SLD. Er muss den Bewohnern Krakaus jetzt unter erdrutschartigen Popularitätsverlusten erklären, warum die EM wohl ohne sie stattfindet, Kaczy?ski reibt sich derweil in Warschau die Hände. »Unsere Regierung arbeitet eben so«, heißt es dazu im Krakauer Rathaus. Majchrowski hat nun eine Taskforce gegründet, die an einer Petitionsschrift an den UEFA-Präsidenten Michel Platini werkelt. Denn letztlich verfügt der emsige Franzose, welche Städte mitmachen dürfen und welche nicht. Für 2010 hat er einen letzten Kontrollgang angekündigt, erst dann wird entschieden, wo die EM tatsächlich stattfindet. In Krakau tun sie jetzt einfach mal so, als wäre gar nichts passiert. Sie fangen an zu bauen, genauso wie all die anderen Städte. Die ganzen neuen Straßen und Autobahnanschlussstellen dürfen sie schließlich auch behalten, wenn der Fußball nicht kommt.


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In der Bildergalerie: Die Rohbauten aus der Vogelperspektive

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