Eine Reise in die Banlieues

Französisches Abseits

Nach dem Aus der Équipe Tricolore bei der WM 2010 und der anschließenden Moraldebatte versuchen Sozialarbeiter den französischen Banlieues mit dem Fußball ein neues Image zu verschaffen. Mittendrin: Raymond Domenech. Eine Reise in die BanlieuesTilo Mahn Er suchte ein bisschen Ruhe nach all der Aufregung, nach Wortgefechten in den Medien und Prozessen mit dem französischen Fußballverband. Raymond Domenech arbeitet wieder als Trainer. Fernab der gescholtenen Équipe Tricolore, in einem Pariser Vorort, in Boulogne-Billancourt. Statt pöbelnde Weltstars zu einem erfolgreichen Fußballteam und Repräsentanten ihres Landes zu erziehen, erklärt der ehemalige französische Nationaltrainer Kindern das Kicken. Statt Pressekonferenzen zu verlorenen Spielen der einst stolzen Fußballnation zu geben, unterhält er sich mit Eltern über ihre Kinder und deren Probleme.

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Was für Domenech eine neue Aufgabe darstellt, ist in Frankreich seit Jahrzehnten ein Spannungsfeld zwischen Fußball und Politik. In den Vierteln rund um die französischen Großstädte, den Banlieues, in denen häufig sozial benachteiligte Familien leben, Kinder mit unterschiedlichen Herkunftsländern aufeinander treffen, zählt der Fußball als Mittel gegen den Ausschluss aus der Gesellschaft. Die Geschichte von Zinédine Zidane, als Kind von algerischen Eltern, aufgewachsen in La Castellane, dem Armenviertel von Marseille, wird dabei genauso gerne erzählt wie die von Nicolas Anelka, dem spätpubertierenden Ghettojugendlichen aus Chesnay bei Paris. Egal, ob Heldengeschichte oder gescheiterte Existenz – der Fußball in Frankreich kommt beim Thema Jugendarbeit um das Thema Banlieues nicht herum.

Ende der Käfigkicks

Die häufig geforderte Trennung von Fußball und Politik ist dabei in Frankreich schwer vorstellbar. Im Zuge der seit Jahrzehnten angestrebten Dezentralisierung des Landes stellen sich viele Städte in Frankreich die Frage nach einem Modell, um die Randbezirke in das Stadtleben miteinzubeziehen. Stadtplaner versuchen, die umliegenden Banlieues mit dem Zentrum zu einer Metropolregion zusammenzufassen. Damit soll der Ghettocharakter vieler außerhalb der Stadt liegenden Viertel verschwinden. Für den Fußball bedeutet das: keine Käfigkicks mehr am Rande der Stadt, sondern Spielstätten inmitten der Stadt.

In Rennes sind dafür eigens angestellte animateurs sportifs unterwegs, um Kinder und Jugendliche aus den Problemvierteln aufzusammeln und mit ihnen in zentral gelegenen Sporthallen Fußball zu spielen und die Kinder dort zusammenzubringen. Die Sozialarbeiter Eric Delavaigne und Charlène Beucher ziehen Woche für Woche um die Wohnblöcke im Viertel Bréquigny im Westen der Hauptstadt der französischen Bretagne. Für sie geht die Erziehung mit Fußball schon im Kindesalter los. »Wir treffen ständig kleine Gangs von Kindern und Jugendlichen, die nach oder während der Schule zusammen rumhängen, sich aber eigentlich kaum kennen«, sagt Delavaigne. Um die losen Bekanntschaften zwischen den Kindern zu einem Team zu formen, laden die Trainer die Kinder am Nachmittag in die Sporthalle ein, um mit ihnen das zu tun, was sie am liebsten machen: Fußball spielen.

Knapp 500 Kilometer weiter südlich, in Bordeaux, stehen am Flussufer der Garronne neben einer weiten Flaniermeile Fußballplätze mit Kunstrasen, auf denen die Jugendlichen dank Flutlicht bis in den Abend hinein mitten im Zentrum der Stadt kicken können. Der amtierende Bürgermeister und neu ernannte Verteidigungsminister Frankreichs, Alain Juppé, kann solche Projekte als Erfolge seiner Stadtplanung verkaufen. »Für uns ist das ein großer Erfolg. Die bisher vernachlässigten Viertel auf der anderen Flussseite sind jetzt besser angebunden.« Das Zuhause von Zuwanderern aus Spanien, Portugal und Afrika in Bordeaux soll auch mit Hilfe des Fußballs aufgewertet und das Bild der Problemviertel und der Kicker aus den Banlieues damit neu geprägt werden.



Denn in Frankreich stehen der Fußball und die Nationalmannschaft mehr als in Deutschland für die gesamte Gesellschaft. Was bei uns Mesut Özil verkörpert, ist in Frankreich schon lange ein Thema. Die verschiedenen Gesellschaftsschichten und Kulturen finden sich im Fußball wieder. Ein Yoann Gourcuff aus gut bürgerlich französischem Milieu spielte neben dem Sohn von Einwanderern aus Martinique, Nicolas Anelka, der als der unbeherrschte Flegel gilt. Gleichermaßen als Sinnbild für den Traum, mit Fußball zum Erfolg zu kommen und sich als unnahbarer Einzelgänger mit Kopfhörer auf den Ohren abzuschotten, steht dieser Fußballspieler für einen Konflikt zwischen Integration und Abgrenzung. Filme wie »Le drôle de rêve des banlieues« nutzen dies, um die Geschichte vom Aufstieg aus der sozialen Ausgrenzung in den bezahlten Fußball zu erzählen.

Die Organisation »Étoiles des banlieues«, der namhafte französische Fußballer wie Didier Dechamps oder Florent Malouda angehören, will helfen, das Thema in die richtige Richtung zu lenken. Viele selbst von Migration betroffene wie Lilian Thuram, der sich seit Jahren mit Fußball und Rassismus auseinandersetzt, unterstützen das Projekt. Kinder sollen durch den Fußball Werte vermittelt bekommen. Als Nicolas Sarkozy noch französischer Innenminister war, kritisierte Thuram den Politiker als »Ignoranten, der jedes Risiko scheut, die Probleme in den Banlieues in Angriff zu nehmen«. So sind es die Spieler, die ihr Gesicht und Namen für die Organisation zur Verfügung stellen, um ihr Anliegen, die soziale Integration der Jugendlichen in Problemvierteln durch den Fußball, klarzumachen.

Wie bei den Sopranos

Doch die Möglichkeiten des Fußballs sind beschränkt. Häufig sind die Jugendlichen mehr durch ihr Umfeld geprägt als der Fußball ihnen geben kann. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut fühlt sich durch die Ereignisse in der französischen Nationalmannschaft während und nach der WM in Südafrika an Mafiaserien wie »Die Sopranos« statt an ernst zu nehmenden Sport erinnert. »Der Geist der französischen Ghettovororte, der Banlieues, herrscht in unserer Nationalmannschaft, mithin das Gesetz der Straße. Nicht mehr der Trainer, sondern Bandenchefs haben die Zügel in die Hand genommen.« Was die Jugendlichen in den Banlieues lernen, tragen sie laut Finkielkraut in den Fußball. »Heute beanspruchen die Leute zuerst Respekt, wollen aber auf keinen Fall die Form wahren. So geht es leider in unseren Banlieues zu. Und nun auch in unserer Nationalmannschaft.«

Das Debattieren über Rückwirkungen der Gesellschaft auf den Fußball und umgekehrt hat in Frankreich Tradition. Die Grande Nation, die sich in der Nationalmannschaft widerspiegelt, will auch im Fußball aufräumen. Die Banlieues sollen ein neues Umfeld und Image bekommen und stehen wieder einmal im Mittelpunkt. Genau dort, wo Raymond Domenech seine Ruhe vor Medien und Debatten finden will.

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