04.11.2012

Eine kleine Geschichte der Pyrotechnik in Deutschland

Am Anfang war das Feuer!

Seite 2/3: »Die FCK-Fans haben das in Italien gesehen und haben es mit nach Hause gebracht««
Text:
Uli Hesse
Bild:
Imago

Den Beginn dessen, was man heute unter »Pyro« versteht, also bengalische Feuer und Verwandtes sowie farbigen Rauch, lässt sich für Deutschland vermutlich auf den Tag genau datieren, nämlich auf den 2. August 1985. An jenem Freitagabend wurde auf dem Betzenberg in Kaiserslautern das verspätete Ablösespiel für Hans-Peter Briegel ausgetragen, der ein Jahr davor zu Hellas Verona gewechselt war. »Bei diesem Spiel ging es zum ersten Mal rund mit dem ganzen Kram«, erinnert sich der Fußballhistoriker und Memorabilia-Experte Hagen Leopold, der schon in den siebziger Jahren eine FCK-Dauerkarte besaß. »Zum Teil hatten die Italiener das Zeug mitgebracht.« Aber nur zum Teil, denn bereits im Laufe der vorhergehenden Saison waren immer wieder Lauterer Fanklubs über den Brenner gefahren, um den »Pfälzer Bub« Briegel in Verona zu sehen, wo Hobbyfeuerwerker bereits zu jener Zeit Hochkonjunktur hatten. »Die FCK-Fans haben das gesehen, fanden es geil und haben geschaut, wie sie die Sachen mit nach Hause bringen können«, sagt Leopold. Zu den »Sachen« gehörte auch eine neue Generation von Rauchgranaten, nämlich solche, die farbigen Qualm produzieren. Mit denen sorgten die Italiener nicht einfach für Krawall, sondern nutzten sie, um zum Beispiel die Vereinsfarben choreografiert in den Himmel zu schicken.

Übrigens importierten die Pfälzer Anhänger nicht nur pyrotechnische Elemente aus Italien: Beim erwähnten Spiel gegen Verona sah man auch zum ersten Mal in einem deutschen Stadion eine gigantische Blockfahne, die von den Fans in Zusammenarbeit mit der saarländischen Brauerei Karlsberg produziert worden war. Spektakulärer aber war natürlich die Pyrotechnik, die dank der Verona-Connection original italienisch war und bei besonderen Spielen zum Einsatz kam. In jener Zeit eskalierte zum Beispiel die Rivalität zwischen Kaiserslautern und Mannheim, weil Waldhof ins Südweststadion nach Ludwigshafen ausgewichen war, also ausgerechnet im Vorderpfälzer FCK-Land spielte. »Das alte Stadion hatte hinten eine abfallende begrünte Böschung«, sagt Leopold. »Da wurden die Sachen Tage vor dem Spiel in wasserdichten Plastikbehältern vergraben. Die Lauterer sind durch die Einlasskontrollen spaziert, haben dann die Dinger aus dem Grün geholt und standen voll aufgerüstet im Block.«

Die bunten Rauchpatronen müssen relativ schnell Verbreitung gefunden haben. Beim DFB-Pokalfinale 1987 zwischen dem Hamburger SV und den Stuttgarter Kickers kamen kurz vor dem Anpfiff gleich mehrere Nebeltöpfe aus dem HSV-Block geflogen, welche die Ränge links vom Berliner Marathontor in orangenen Qualm hüllten. ARD-Kommentator Jochen Sprentzel sprach von »Szenen, wie wir sie nicht erleben wollen«, es waren aber im Grunde Szenen, wie sie in den Achtzigern an der Tagesordnung waren. Mit dem feinen Unterschied, dass nun nicht mehr nur die profanen Rauchgranaten aus Bundeswehrbeständen benutzt wurden, die bloß weißen oder grauen Qualm produzierten.

Bei bengalischen Fackeln hingegen besaßen die Lauterer offenbar einen logistischen Vorteil gegenüber den anderen Vereinen, denn erst in der Saison 1990 / 91 wanderten sie den Rhein hinauf und tauchten vermehrt in Städten wie Düsseldorf oder Duisburg auf, wo die Aufstiegssaison des MSV untrennbar mit rotem Feuerschein auf den Rängen verbunden ist. Führend war allerdings weiterhin der FCK, wie ganz Deutschland spätestens am 6. November 1991 sehen konnte. Das war jener legendäre Abend, als die Lauterer um ein Haar den FC Barcelona aus dem Meisterpokal geworfen hätten. Für Freunde des gepflegten Feuerwerks ist die Partie aber in die Geschichte eingegangen wegen der Pyroshow vor dem Anpfiff, als die komplette Westtribüne in Flammen zu stehen schien.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte sollte man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Leute, die seinerzeit Bengalos in die Höhe reckten, keine Ultras waren, denn die gab es in Deutschland noch nicht. »Das waren Kuttenfans, Hools und auch ganz normale Zuschauer«, sagt Volker Goll, der heute bei der Koordinierungsstelle Fanprojekte arbeitet und damals das Kickers-Offenbach-Fanzine »Erwin« herausgab. »Bei uns am Bieberer Berg war das ein Massenphänomen, da hat auch die Sitztribüne mitgemacht. Es diente aber immer nur dem Support. Zu jener Zeit hatte es nichts mit dem Reiz des Verbotenen zu tun, denn Pyro wurde ja geduldet.« In der Tat waren Klubs und Kommunen unschlüssig, wie sie auf das neue Phänomen reagieren sollten. Der DFB untersagte Pyrotechnik in seiner Musterstadionordnung erst nach der Jahrtausendwende, und nicht wenige Klubs standen der Sache zunächst sogar positiv gegenüber.

Die Kickers zum Beispiel druckten ein Foto vom bengalischen Lichtermeer auf ihre Eintrittskarten und warben mit dem Slogan »Der Berg brennt« für eine Art Pyro­tourismus. Goll sagt: »Ich weiß noch, Fans der Bayern Amateure kamen und sagten: ›Wir haben gehört, hier brennt’s immer so schön, das wollten wir uns mal anschauen. Dann machen wir das jetzt auch.‹« Und in Nürnberg, wo Pyro um 1989 von Groundhoppern eingeführt worden war, durften die Fans nach Absprache mit dem Verein während der gesamten Rückrunde 1991/92 auf der Aschenbahn vor der Nordkurve zündeln: Etwa zwanzig Leute standen dort und hielten Handfackeln hoch. »Die Seenotlichter der Firma Comet waren Gefahrenklasse 2 und somit ganzjährig frei erhältlich«, erinnert sich Heino Hassler, der bei diesem kontrollierten Abbrennen dabei war und jetzt Fanbeauftragter beim Club ist.

 
 
 
 
 
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