Eine Internetseite als Ergänzung zu Reif, Réthy und Co.

Die kommentierende Frauen-WG

Bei fußballerischen Großereignissen haben seit Jahren dieselben Kommentatoren das Sagen. Moritz Eckert sah dies nicht ein und gründete deshalb eine Internet-Seite, die es jedermann ermöglicht, Fußballspiele zu kommentieren. Zur EM startete marcel-ist-reif.de und wurde zum großen Erfolg.

Er hatte ihn zur Weißglut getrieben, dieser Kommentator, an dessen Namen sich Moritz Eckert nicht mehr erinnern kann. Auf das Europapokalspiel Sampdoria Genua gegen Bremen hatte sich Eckert, Werder-Fan, vor gut zwei Jahren sehr gefreut. Zur Halbzeit brauchten seine Ohren frische Luft. Ein Spaziergang mit Folgen. »Ich ging an einer Kneipe vorbei und hörte, wie ein paar Studenten über das Spiel fachsimpelten. Am nächsten Kiosk ging es weiter, der Verkäufer drückte mir seine Meinung zum Spiel auf.« Und plötzlich hatte Eckert eine Idee: Warum diesen Stimmen nicht eine Plattform geben? Warum nicht eine Internetseite für Hobbykommentatoren in Angriff nehmen? Gesagt, getan. Zur Europameisterschaft ist marcel-ist-reif.de online gegangen.
 
Fußballkommentator. Ein Berufsstand, der seit jeher seit Fett wegbekommt. »Nur die Deutsche Bahn wird öfters kritisiert«, glaubt Eckert. Und findet das ein wenig ungerecht. »Man kann es eben nun mal nicht jedem Recht machen. Aber genau deswegen haben wir unserer Seite ins Leben gerufen. Wir wollen den Zuschauern mehr Alternativen bieten.« Und das ganze läuft folgendermaßen ab: Man nimmt einen PC, Internet, ein Headset, loggt sich auf der Seite ein, schaltet den TV an, den Ton aus, kommentiert – fertig. Wer zuhören will, ist eingeladen. Und das wollen viele. Zum Eröffnungsspiel verirrten sich noch 20 Leute auf der Seite. Nach einer Woche waren bereits über 1000 Zuhörer – und über 100 Kommentatoren.
 
Diese unterscheiden sich in der Regel vom altbekannten Angebot aus dem Fernsehen. »Wir haben die unterschiedlichsten Kommentatoren-Konstellationen«, erläutert Eckert und nennt exemplarisch eine Frauen-WG, die Spiele als Gruppe begleitet. Extravaganz ist das Zauberwort und wird gefördert. Fangesänge, Zwischenrufe – alles ist erlaubt. »Ich bin beispielsweise ein Fan davon, wenn jemand das Spiel parteiisch kommentiert«, so Eckert, der selbst ebenfalls zum Mikrofon greift, beispielsweise beim Eröffnungsspiel oder bei Deutschland gegen Niederlande. Wer die neutrale Schiene fahren will, ist indes auch willkommen. Ein 16-Jähriger beispielsweise orientiert sich an dem, was er aus dem Fernsehen kennst, versucht durch Fachwissen zu glänzen – und punktete bei den Zuhörern wie ein alter Hase.
 
Wenn Eckert selbst nicht kommentiert, sorgt er dafür, dass die Seite läuft. Gemeinsam mit Wendelin Hübner und drei Technikern, die er teilweise bezahlen muss. Aus eigener Tasche, denn: »Das ganze ist nur ein Hobby von uns. Wir machen das neben dem Beruf.« Wichtig ist ihm zu betonen, dass er seine Community nicht als Konkurrenz zu den etablierten Kommentatoren sieht, sondern als Ergänzung. »Wir wollen niemanden verdrängen«, sagt Eckert, »doch man sagt doch immer, dass es 80 Millionen Bundestrainer in Deutschland gibt. Da schlummert ein enormes Potenzial, und das wollen wir ausschöpfen.« Erstmal zur EM, doch das Projekt läuft gut. Es ist unwahrscheinlich, dass das Projekt zur Bundesliga eine Ende findet. Auch dann soll sich jeder seinen Kommentator nach eigenen Wünschen aussuchen können. Und Spaziergänge zur Abregung der Vergangenheit angehören.

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