Eine Hommage an die Kreisliga

Biotop Kreisliga

Länderspielpause heißt auch: Ein Wochenende ohne Bundesliga-Fußball. Was nun? Warum nicht mal wieder ein Kreisligaspiel besuchen? Eine Hommage an den unterklassigen Fußball.

Man sagt, Fußballfans müssen leiden können. Wahre Leidenschaft für einen Klub lässt sich an der Vereinstreue ablesen und die kennt keine Klassenzugehörigkeit. Es ist wie in einer schlechten Tele-Novela: ein richtiger Fan sieht gute wie schlechte Zeiten und lässt sich auch durch die größten Misserfolge nicht von seinem Verein abbringen. Wenn das stimmt, dann sind die größten Fans diejenigen, die sich Woche für Woche Kreisliga-Partien anschauen. Dort, wo die Frustrationstoleranz der Zuschauer keine Grenzen kennt.

Im Biotop der Kreisliga lebt noch all das, was Fußballromantiker an den Achtzigern so idealisieren. Hier geht es nicht um die Ästhetik in Bewegungsabläufen und nicht um die Kunst des Fußballspielens. In diesen Gefilden dreht sich das Spiel um knackige Zweikämpfe und kompromisslose Grätschen. Selbst Libero und Vorstopper haben in der Kreisliga ihre ökologische Nische gefunden und schlagen lange Bälle unter archaischen »Raaaaus!«-Schreien in die Wicken. Es gibt billige Bratwurst, günstiges Bier und Graupelschauer ohne überdachte Sitzplätze. Fußballspiele sind hier vor allem eins: unmittelbar.


Knackende Schienbeinschoner und keuchende Schiedsrichter


Statt einer Zeitlupe, Abseitskamera und anderem technischem Schnickschnack gibt es für Foulspiel zuverlässigere Indikatoren wie knackende Schienbeinschoner und das Geschrei der Angehörigen des am Boden liegenden Spielers nach einer unfairen Aktion. Da Abseits nur auf Zuruf gepfiffen wird, können die Zuschauer hier mit verstärkter Wirkung das tun, was sie auf Fußballplätzen in aller Welt versuchen: Einfluss auf das Spiel nehmen. Der keuchende Schiedsrichter versucht ohnehin vergeblich, gegen seine Adiposität anzukommen und auf Ballhöhe zu bleiben, da kommen ihm gut gemeinte Beurteilungsvorschläge der Zweikampfsituation vom Spielfeldrand gerade recht.

Hier gibt es Fans, die ihrem Verein ein Leben lang die Stange halten, auch wenn die  Vereinsgeschichte noch nicht einmal einen Kreismeistertitel aufweisen sollte. Jahrzehntelang gehen altgediente Spieler und Vereinsangehörige zu den Partien ihres Dorfvereins, um dem Rumpelfußball auf ihre Weise Tribut zu zollen. Denn auch wenn die Stammzuschauer einer Kreisliga-Partie ohne Fangesänge und Tröten beiwohnen, bringen sie doch stille und aufrichtige Leidensfähigkeit mit und das Wissen, dass sie nächste Woche wieder da sein werden. Selbst wenn ihr Verein an einem grauen Tag gegen TSV Büdelsdorf mit 5:0 verliert und niemals Kreismeister wird. Man sagt, Fußballfans müssen leiden können, in der Kreisliga gilt das mehr als irgendwo sonst.

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