Eine Begegnung mit Vedad Ibisevic

Kein Otto Normalprofi

Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #145 trafen wir Stuttgarts Vedad Ibisevic zum großen Interview. Es wurde ein offenes Gespräch, welches bewies, dass das Abendland »Profifußball« doch noch nicht verloren ist.

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Trainieren, schlafen, spielen, PR-Termine überstehen, Interviews geben– Die Terminkalender der Bundesliga-Stars sind wahrlich eng getaktet. Das ist anstrengend für alle Beteiligten. Nicht selten verkommt deswegen ein vereinbarter Termin mit einem Profi zur Farce, weil der Spieler mit dem Kopf noch in der Kabine oder bereits im lang ersehnten Feierabend ist. Das kann frustrierend sein, gehört aber zu den Tücken des Geschäfts. Doch zum Glück kann es auch ganz anders kommen.

Vedad Ibisevic, brandneuer Trainingsanzug, brandneue Sneaker, blendend weiße Zähne, steht im Foyer der Geschäftsstelle des VfB Stuttgart und reibt sich die Augen. Er habe extra für dieses Interview auf seinen Mittagsschlaf verzichtet und außerdem nicht allzu viel Zeit, macht der Pressesprecher direkt zu Beginn klar. Der Stürmer nickt und trottet zu seinem Stuhl. Ein Traumstart sieht anders aus.

Vom Krieg zur WM

Und während der ersten Fragen ist Ibisevic offenbar tatsächlich mehr mit dem Deckel seiner Trinkflasche als mit seinem Gegenüber beschäftigt. Doch als er hört, dass es nicht um die momentane sportliche Situation seines Klubs gehen soll, blitzt es plötzlich in seinen Augen. »Das ist gut«, sagt der 28-Jährige und ergänzt: »Darüber rede ich nicht so gerne.« Dann folgt ein Lächeln. Er stellt die Flasche zu Seite. Das Eis ist gebrochen.



In der Folge spricht Ibisevic erstaunlich offen über sein beeindruckendes Leben und bewegt sich dabei so traumwandlerisch sicher zwischen lustigen Anekdoten und hartem Tobak wie sonst nur zwischen gegnerischen Abwehrreihen.

Er erzählt, wie er zwischen detonierenden Granaten und Fliegerangriffen versuchte, ein ganz normales Kind zu sein und sagt dann einen Satz, der unter die Haut geht: »Wäre ich damals älter gewesen, wäre ich vielleicht tot.« Er berichtet, wie sein Traum vom Profifußball beinahe auf den Baseballfeldern von Amerika verglimmt wäre. Wie gierige Berater versuchten, den unerfahrenen Jungstar über den Tisch zu ziehen. Wie er sein Heimatland zur Weltmeisterschaft nach Brasilien schoss, wie sehr ihn das Geprotze einiger Jungprofis manchmal nervt. Und wie er gezwungenermaßen sein Talent für Sprachen entdeckte. Nur einmal stockt Ibisevic. Was denn seine prägendsten Eigenschaften sein? »Was heißt Eigenschaft?«, fragt er den Pressesprecher. Der überlegt kurz und wirft das gehobene Synonym »Charakterzüge« ein. »Ah, okay«, sagt der Bosnier. Er hat verstanden. Heute spricht Ibisevic Bosnisch, Englisch, Französisch und Deutsch nahezu perfekt, verdingt sich auch schon mal als Simultanübersetzer für ausländische Neulinge in seiner Mannschaft. Er hat gelernt, sich zu integrieren. Egal wo. Dieses Wissen will er weitergeben. Darauf kann er stolz sein. Vielleicht ist das neben seinen sportlichen Leistungen der größte Erfolg seiner Karriere.

Der Alltag eines Profis

Die Zeit mit Vedad Ibisevic vergeht schnell. Weil er mehr zu erzählen hat als der Otto Normalprofi. Und weil er mehr erzählen will. Doch irgendwann ist auch dieses Gespräch vorbei. Ibisevic muss gehen. Trainieren, schlafen, spielen, PR-Termine überstehen, Interviews geben. Profialltag. Doch dreißig Minuten später steht er plötzlich wieder in der Lobby. Er habe vergessen sich zu verabschieden, sagt er. Dann schüttelt er ausgiebig Hände, bedankt sich und ist weg.

Jetzt ist er mit dem Kopf endgültig wieder in der Kabine. Oder im Feierabend. Wie auch immer: Er hat er es sich verdient.

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