Eine Begegnung mit Mario Jardel

Für eine Handvoll Stockfisch

Stell dir vor, du träumst ein Leben lang davon, einmal deinem Helden gegenüber zu stehen. Und wenn es endlich passierst, kannst du nichts anderes sagen als: »Warum hast du zehn Kilo Stockfisch dabei?«

imago

HINWEIS: Die Geschichte ist eine Fantasiereise. Unser Autor Sebastian Knoth stellte sich vor, dass der Zollbeamte, der Jardel am Flughafen abfing, sein größter Fan ist. Dass Jardel tatsächlich mit 10 Kilo Fisch aufgehalten wurde, entspricht allerdings der Wahrheit.

Mein Name ist José. Ich komme aus Porto Alegre, das liegt im Süden Brasiliens. Und ich sage es gleich vorab: Ich bin glücklich verheiratet, mit einer Frau. Aber die Liebe meines Lebens ist ein Mann. Ein Fußballer. Mário Jardel. Super-Mário. Ich habe mal nachgezählt, pro Tag denke ich im Schnitt 257 Mal an ihn, noch öfter als an meinen Verein, Grêmio – an den denke ich nur ungefähr 113 Mal. Dann kommen meine Familie, das Wetter, das Essen und andere unwichtige Nebensächlichkeiten.
 
Wer Mário Jardel nicht kennt, hat nicht gelebt. Pelé? Garrincha? Ronaldo? Könnt ihr vergessen! Alle waren sie weit weg, als er an meinem achten Geburtstag, am 23. August 1995, Grêmio gegen Nacional aus Kolumbien in den Libertadores-Himmel aufsteigen ließ. Seinen Atem in den Locken spürend hatte Keeper René Higuita zittrige Hände bekommen, gepatzt – und Mário schob ein.

»Dann steigt mein Naphthalinspiegel«

Aber er sorgte nicht nur bei mir an dem Abend für Freudentränen: Trainer Felipe Scolari hüpfte, die schwarz-blaue Masse ließ Estádio Olímpico Monumental beben, ich hatte soeben den Sinn des Lebens entdeckt und alle Brasilianer lachten kurze Zeit später, weil Mário vor den Kameras erklärte: »Wenn das Spiel am spannendsten ist, steigt eben mein Naphthalinspiegel.«
 
Nichts trennte uns. Auch als er im Juni 1996 nach Portugal aufbrach, um fortan der Torfabrikant Europas zu werden. Wie kann man jemanden nicht lieben, der in vier Spielzeiten hintereinander für den FC Porto Torschützenkönig wird, dabei 130 Tore schießt und ein paar Jahre später im Dress von Sporting Lissabon 42 Kisten in einer Saison macht? 42 Tore. Zweinundvierzig! In 30 Spielen. Nur Eusébio, der schwarze Panther, traf 1968 genauso oft wie Super Mário. Die Fußballwelt staunte und fragte sich: »Ist das der beste Jardel aller Zeiten?«

Auch in Istanbul kennt ihn heute noch jeder, weil er Iker Casillas im August 2000 gekonnt ausguckte, auf dem monegassischen Rasen immer goldrichtig stand und so Galatasary gegen die Galaktischen aus Madrid zum UEFA-Supercup führte. »M-A-R-I-O«, schrien die Türken seinen Namen in die Welt hinaus. »Jardel besiegt Real im Alleingang«, titelte die Presse am nächsten Morgen.

M-A-R-I-O – beim Buchstabieren bekomme ich immer noch eine Gänsehaut.

Jardel war krank, gab sogar betrunken Interviews
 
Ich verteidigte ihn stetes wie mein eigen Fleisch und Blut. Vor allem, als sich nach seinem Abschied von Sporting Lissabon 2002 viele über ihn lustig machten, weil er umherzog, fortan bei kleineren Klubs spielte und in Zypern, Argentinien, Australien, Bulgarien und Saudi-Arabien anheuerte. Kein ganz Großer sei er, weil er den Durchbruch in der Seleção nie geschafft habe, kritisierten ihn ahnungslose Journalisten. Meine Meinung: alles Schwätzer.

Was sie nicht begriffen: Er war krank. Der einstige Glückspilz Super-Mário fühlte sich einsam, griff zur Flasche und gab sogar betrunken Interviews. Die Masse schüttelte unverständlich den Kopf. Ich aber erkrankte mit ihm und litt, während der Boulevard seine Tore vergaß und ihn an den Pranger stellte.

Doch mein Jardelão, der große Jardel, ist und bleibt ein Kämpfer, auch ohne die 16 auf dem Rücken. 2009 stellte er sich den Kameras, erklärte den Werdegang seiner Erkrankung: »Nach meinem Weggang von Sporting 2002 fehlten Angebote, ich hatte familiäre Probleme und die falschen Freunde«, und gab sich bezüglich seiner Zukunft optimistisch: »Ich habe viele Fehler gemacht, aber jetzt bin ich ein neuer Mensch.«
 
Heute scheint Mário Jardel dieser neue Mensch zu sein. Seit 2014 ist er Lokalpolitiker, Abgeordneter im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul.

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