Eine Begegnung mit Mario Gomez

Ein langer, ruhiger Fluß

Vielen gilt der Beruf des Sportjournalisten als aufregend und glamourös. Dabei geht es, wie etwa auch beim Film, vor allem ums Warten. Zum Beispiel auf Mario Gomez. Die größte Geduldsprobe seit Metallica. Eine Begegnung mit Mario GomezImago
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Versuchen Sie mal, eine Audienz bei einem Spieler zu bekommen, dessen Verein im UEFA-Cup spielt. Das ist fast noch schwieriger als bei den Teilnehmern der Champions League, weil sich da quasi die englischen Wochen die Klinke in die Hand geben, wenn denn englische Wochen dazu in der Lage wären. Aber irgendwann ist es doch soweit, Mario Gomez ab halb zwölf, maximal 60 Minuten, immerhin.

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Wer aus Berlin kommt und um halb zwölf einen Termin in der Geschäftsstelle des VfB Stuttgart wahrnehmen will, muss früh aufstehen, so oder so. Entweder mitten in der Nacht ab Berlin Hauptbahnhof oder mit einer der ersten Morgenmaschinen, denn am Stuttgarter Flughafen angekommen, ist man noch lange nicht in Stuttgart. Man könnte gar sagen, Stuttgart verhält sich zum Stuttgarter Flughafen wie die Erde zum Mond, man kommt irgendwie hin, doch es dauert. Da aber dem Kollegen Jürgens die Logistik im Blut liegt, werden wir pünktlich am Tresen der VfB-Geschäftsstelle vorstellig. Eine Dame fragt nach unseren Bedürfnissen, wir antworten wahrheitsgemäß, und nachdem sie sich bei der Presseabteilung rückversichert hat, geleitet sie uns in Zimmer 1984. Wir werden aufgefordert, uns an den bereitgestellten Kaltgetränken zu vergehen und kurz zu warten.

Danach passiert erst mal gar nichts. Ungefähr eine halbe Stunde lang. Jürgens und ich plauschen ein wenig, aber irgendwann geht uns der Gesprächsstoff aus, wir kennen uns einfach zu lange. »Ja, ja«, sagt Jürgens. »Ist richtig«, antworte ich. Die Augen schweifen umher, doch die Details sind rasch erfasst: Zimmer 1984 ist allenfalls acht Quadratmeter groß. »Du...«, sage ich. »Ja?«, meint Jürgens. »Schon gut«, sage ich. Dann wieder Stille. Plötzlich erscheint ein Mitarbeiter der Presseabteilung. Man hätte uns nicht vergessen, meint er, aber es würde noch etwas dauern, wir sollten uns an den bereitgestellten Kaltgetränken vergehen. Machen wir. Stille. »Du...«, sagt Jürgens. »Ist richtig«, sage ich. Es macht durchaus Spaß, mit Tim Jürgens Zeit zu verbringen, aber doch bitte schön in einer Kneipe, mit Alkohol. Eine Fanta später erscheint Oliver Schraft, der Pressesprecher des VfB. Es würde noch ein bisschen dauern, meint er, wir sollten uns an den bereitgestellten Kaltgetränken vergehen. Mittlerweile ist es zwanzig vor eins. Wir sacken mental weg, die Gedanken zerfasern. Wieso eigentlich Zimmer 1984? Orwell, der Überwachungsstaat? Hat das Ganze hier etwas mit der Versteckten Kamera zu tun, ein überdimensionaler Scherz? Ich sage, das sei mir noch nie passiert. Jürgens sagt, er habe mal fünf Stunden auf ein Interview mit Metallica gewartet. Wir öffnen noch eine Fanta. Längst kommt auch niemand mehr vom VfB Stuttgart vorbei. Anfangs wirft eine der Tresendamen ab und zu einen mitleidigen Blick ins Zimmer, bald bleibt auch das aus. »Ja«, sage ich. »Nun«, antwortet Jürgens. Dann geschieht absolut nichts mehr. Verdammter Orwell. In einigen Monaten werden sie unsere skelettierten Leichen finden.

So weit kommt es dann doch nicht. Das Zimmer heißt 1984, weil der VfB Stuttgart in jenem Jahr Meister geworden ist. Und um kurz nach zwei erscheint Mario Gomez. Er habe noch einen virtuellen Rundgang für den Fanshop des VFB drehen müssen, entschuldigt er sich. »Nun«, sage ich. »Ist richtig«, sagt Jürgens. Eigentlich hätte er ja jetzt einen Sponsorentermin, sagt Gomez, »aber wo ihr schon mal den ganzen Weg gekommen seid...« Zwanzig Minuten später muss ich zum Flugzeug, zum Glück reist Jürgens mit dem Zug weiter nach Aachen und hat noch Zeit. »Hat mich gefreut«, sagt Mario Gomez. »Ganz meinerseits«, sage ich.

Das Interview ist in der neuen Ausgabe von 11 Freunde zu lesen.

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