Eine Begegnung mit Joachim Löw

»Sie sind doch... der Klinsmann!«

Erst trifft 11FREUNDE Bundestrainer Joachim Löw zum großen Interview. Dann trifft Bundestrainer Joachim Löw Passanten zum Smalltalk. Passanten jedoch, die ihn nicht erkennen. Eine Begegnung der dritten, wahrscheinlich sogar vierten Art. Eine Begegnung mit Joachim LöwJonas Unger
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Hektische Szenen vor einem Freiburger Hotel: Der Bundestrainer muss seine Frau abholen – und ist zu spät dran. Ein eiliges Händeschütteln noch mit den 11FREUNDE-Redakteuren, die das Interview um eine halbe Stunde überzogen haben, ein Schulterklaps für den Fotografen, der ihn weitere 20 Minuten seiner Zeit gekostet hat, ein Nicken in Richtung seines Pressesprechers Harald Stenger – aber dann muss er auch wirklich los, der Bundestrainer, schon sprintet er in Richtung Tiefgarage, den Autoschlüssel in der Hand.

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Doch Joachim Löw kommt nicht weit. Eine junge Dame verstellt ihm den Weg, die sehr rosafarben ist und auch – man muss es so sagen – sehr dick. Löw trippelt, täuscht links an, will rechts vorbei, doch wenn er je vergeblich gegen eine Abwehr angerannt ist, dann hier und heute, vor dem Freiburger Hotel, auf dem Weg zu seinem Auto.

Der Mann aus dem Fernsehen – aber welcher?

»Sie sind doch…«, schnappt die junge Dame, die sich wie eine rosafarbene Wand vor ihm auftut. »Sie sind doch…« Weiter kommt sie nicht. Den Mann, der nicht an ihr vorbeikommt, kennt sie aus dem Fernsehen, ganz bestimmt, aber aus welcher Sendung bloß? Für »Familien im Brennpunkt« ist er zu elegant gekleidet, für »Goodbye Deutschland« dürfte er ja gar nicht hier in Freiburg sein. Vielleicht Rach, der Restauranttester? Es ist zum Verzweifeln. »Sie sind doch…« Äh.

Harald Stenger will nicht länger mitansehen, wie der Bundestrainer seine Frau nicht abholen kann, weil jemand nicht weiß, wer er ist. Der Pressesprecher hilft spontan: »Das ist der Jürgen Klinsmann!« Die junge Dame ist sehr erleichtert: »Ja, genau!«, juchzt sie und macht sogar einen Hüpfer, ohne allerdings den Boden zu verlassen. »Der Klinsi!«

Löw ist nicht Klinsmann, aber ohne Klinsmann wäre er nicht Löw

Wie falsch sie liegt und wie richtig zugleich, das kann sie nicht wissen. Natürlich ist Löw nicht Klinsmann. Aber ohne Klinsmann wäre er nicht Löw, wie wir ihn kennen. »Wenn Jürgen mich im Spätsommer 2004 nicht angerufen hätte«, hat er uns zwei Stunden zuvor oben im Hotelsaal gesagt, »wäre ich heute vielleicht Trainer in Leoben.« Der DSV Leoben spielt übrigens in der österreichischen Regionalliga, Sektion Mitte. So schlimm?

Nein, es ist ja gut gegangen. Und genauso spricht Löw: Wie einer, bei dem es gut gegangen ist. »Ich hatte viel Glück«, sagt er.

Dieses Glück hat er, soviel kann man festhalten, bestens genutzt. Heute ist Joachim Löw, weit weg von Leoben, der Bundestrainer, der die Nationalmannschaft nicht nur erfolgreichen, sondern auch schönen Fußball gelehrt hat. Der das, was dem Visionär Klinsmann vorschwebte und zunächst allzu fantastisch klang, tatsächlich realisiert hat: Es macht Spaß, Deutschland-Spiele zu anzuschauen. Zum ersten Mal seit 1972, wie Greise berichten. Zum ersten Mal überhaupt, wie die Jüngeren unter uns meinen.

»Auf hässliche Weise gewinnt man heute keine Titel mehr«

Löw spricht deshalb auch wie einer, der die Nation hinter sich weiß. Eine Nation, die nicht mehr aus 80 Millionen anderen Bundestrainern besteht, die alles besser wissen, sondern aus lauter Fans, die ihm folgen und vertrauen. Dieser Mann weiß offenbar, wie es geht. Nämlich so: »Auf hässliche Weise gewinnt man heute keine Titel mehr«, sagt Löw. Und auf schöne Weise? »Natürlich streben wir danach«, sagt er. Natürlich sagt er das.

Er sagt in diesem Interview Dinge, die er sagen muss. Er sagt aber auch Dinge, die er nicht sagen muss. Nach der ersten Interviewstunde, die Löw nach vorn gebeugt verbracht hat, die Ellbogen auf den Knien, wachsam, präzise, auf Gefahren lauernd, lässt er sich schließlich nach hinten in den Sessel zurückfallen. Seine Stimme wird sonorer, das berühmte eingeatmete »Fffffffff«, das so vielen seiner Antworten vorausgeht, als müsste er erst einmal Druck aufbauen, bleibt nun gänzlich aus. Das ist also der Joachim. Und der sagt: »Olli Bierhoff sitzt mir ständig im Nacken mit seiner Organisationsmanie.« Wir lachen. Er lacht. Bierhoff hoffentlich auch, wenn er das liest.

Schade, dass wir nicht erfahren, was in der dritten Stunde passiert wäre. Ob er noch seine himmelblauen Wildlederschuhe ausgezogen und die Füße auf den Couchtisch gelegt hätte? Aber der Bundestrainer muss ja weg, seine Frau abholen. Wir verstehen das.

»Klinsi und ich.« Herzchen. Smiley.

Da kann sich eigentlich nur jemand dazwischen werfen, der nicht weiß, wen er vor sich hat. Die junge Dame bekommt trotzdem noch ein gemeinsames Handy-Foto. Jetzt, da unser Interview in der neuen Ausgabe von 11FREUNDE erscheint, hängt die Aufnahme möglicherweise schon in einer Freiburger Wohnung – mit dem Edding-Schriftzug: »Klinsi und ich.« Herzchen. Smiley.

Joachim Löw lächelt, als er sich aus der rosafarbenen Umarmung löst. »Kein Ding«, sagt der Bundestrainer. »Ich wurde auch schon mal mit Felix Magath verwechselt.«

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