Eine Begegnung mit Henrik Larsson

Am Ende einer Reise

Für die aktuelle 11FREUNDE #152 trafen wir Schwedens einstigen Superhelden Henrik Larsson zum großen Karriereinterview. Redakteur Benjamin Kuhlhoff erlebte einen Mann mit großem Herz, unnahbarer Aura und einem düsteren Geheimnis.

Martin Juul / Imago

Am Ende dieser langen Reise steht Henrik Larsson in einer Scheune und guckt böse. Neben ihm stapeln sich Müllsäcke, Kehrrechen und nasse Trainingsleibchen. Die Kamera klackt, Blitze erhellen den Raum. Larsson verschränkt die Arme, zieht die Augenbrauen zusammen, seufzt genervt. Knapp drei Jahre hat es gedauert, bis der nicht unbedingt als Medienfreund geltende Megastar a.D. endlich an diesem Ort steht. Unzählige Emails, zahllose Anrufe, falsche Fährten, formlose Absagen, peinliche Schwedisch-Übersetzungen, stümperhaftes Englisch, Schweiß und Phasen der Enttäuschung inklusive. Alles für ein Interview, das in diesem Augenblick in einer Scheune in der schwedischen Kleinstadt Falkenberg wie ein Desaster zu wirken scheint.

»Reichen dir 15 Minuten?«

Denn mittlerweile ist Larsson Trainer beim Erstliga-Aufsteiger Falkenbergs FF, befindet sich mitten in der Vorbereitung auf die neue Saison. Und während seine Mannschaft im Gemeinschaftsraum bei einer Partie Eishockey vor der Playstation lümmelt, muss Larsson zum Fotoshooting im Geräteraum des Platzwartes posieren. Darauf hat er Bock wie auf Zahnweh, das spürt man in jeder Sekunde. Als der Fotograf seine Sachen packt, schlüpft Larsson wieder in seinen Trainingsanzug und raunt: »Reichen dir 15 Minuten für das Interview?« Ein, zwei, drei Sekunden später, just in dem Moment, in dem mein Herz auf dem Betonboden zu zerschellen droht, blitzt ein Lächeln auf, dann klatscht seine Hand auf meine Schultern. »Nur ein Scherz«, lacht Larsson, geht in das Büro des Vereinsbosses und besorgt erst einmal Kaffee und Kekse.

Dann blättert er ein wenig in der aktuellen 11FREUNDE, liest in nahezu fehlerfreiem Deutsch aus dem Interview mit Henrikh Mkhitaryan, schwelgt in Erinnerungen an den Sommer 2006, in dem er mit der schwedischen Nationalmannschaft gegen das von Jürgen Klinsmann glücksbesoffen gemachte Deutschland im Achtelfinale aus dem Turnier gekegelt wurde. »Ich hatte mir Deutschland immer ganz anders vorgestellt. Irgendwie strenger«, sagt er. Und es passt perfekt, denn eigentlich hatte man sich diesen Henrik Larsson auch irgendwie strenger vorgestellt. Jener Fußballer, der mit dem immer gleichen wie leeren Gesichtsausdruck die Fußballwelt eroberte. Doch im Gespräch gesteht er, dass diese Fassade nur ein wirksamer Schutzmechanismus vor keifenden Gegenspielern war. Er spricht von wehenden Dreadlocks, knackenden Wadenbeinen und Morphiumräuschen im Flugzeug. Erzählt von der Gänsehaut beim Einlaufen in den Celtic Park, von einem Mitspieler mit dem Namen Ronaldinho, der einst vor ihm stand – schüchtern wie ein kleiner Schuljunge. Spricht von bohrenden Zweifeln, dem Selbstbewusstsein Martin Dahlins und der Partynacht seines Lebens. Er ist ruhig, bedächtig, bestimmt wie ein Diplomat auf einer Stehparty.

Und doch lupft er auch immer wieder den Mantel über der antrainierten Profifußballeraura und lässt ganz tief in sein Inneres blicken. Was bedeutet Freundschaft? Welchen Wert hat der Fan für einen Profi? Und was bleibt, wenn man in der Kabine vom Tod des eigenen Bruders erfährt?

Er lacht, stellt Gegenfragen, zeigt den Kautabak auf seinem Zahnfleisch und ganz am Ende schweigt er nur noch. Weil es in manchen Momenten des Lebens eben nichts mehr zu sagen gibt.

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Das große Karriereinterview mit Henrik Larsson findet sich in der aktuellen 11FREUNDE #152

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