Eine Begegnung mit Braunschweig-Trainer Torsten Lieberknecht

Besuch beim Bauleiter

Für die neue 11FREUNDE #135 (seit heute im Handel erhältlich) trafen wir Braunschweig-Trainer Torsten Lieberknecht zum Interview. In einem offenen Gespräch erzählt er von Spielern im Empfängermodus, Betonfrisuren der Nachbarin und den rauchenden Jürgen Klopp.

Tara Wolf
Heft: #
135

Es ist kein Geheimnis, dass die 11FREUNDE-Redaktion ihren Sitz in Berlin hat. Genauso wenig ist es ein Geheimnis, dass in dieser Stadt derzeit ein Großflughafen auf seine Fertigstellung wartet. Er wartet allerdings seit Jahren und wie zu vernehmen ist, wird er auch noch ein paar weitere Jahre warten müssen. Baustellen und Berlin, das ist so eine Sache. Und liest man täglich neue Horrormeldungen aus den Tiefen der Pleiten, Pech und Pannen am Bau. Deswegen waren wir froh, als wir uns aufmachten, um den Trainer des Zweitliga-Tabellenführers Eintracht Braunschweig im beschaulichen Niedersachsen zu besuchen. Die kleinstädtische Ruhe sollte uns auch reinwaschen vom Wahnsinn der Hauptstadt. Angekommen an der Hamburger Straße dann der Schock: Das Stadion der Eintracht ist ebenfalls eine Großbaustelle an der Flexscheiben kreischen, Presslufthammer tackern und ein Bauarbeiter eine Grube schufelt, während zwei andere rauchend zuschauen.

Der Verein als Dauerbaustelle

Und wenn man durch den Rohbau der Stadionkatakomben geht, vernahm man weitere Geräusche des Grauens: polternde Betonmischer, brüllende Poliere, das Kratzen eine Maurerkelle. Man kann das Szenario immerhin als Parallele für die derzeitigen Geschehnisse bei der Eintracht sehen: Auch der Klub ist nach dem Aufstieg aus der Dritten Liga vor zwei Jahren im stetigen Umbau. Als Außenseiter stürmten die Löwen in der Hinrunde an die Tabellenspitze der Zweiten Liga und werden mittlerweile schon als sicherer Aufstiegskandidat gehandelt. Entsprechend gut gelaunt empfängt uns dann auch Torsten Lieberknecht in der Heimkabine seiner Mannschaft. In eine flauschige Daunenjacke gehüllt bittet der Erfolgstrainer zum Interview auf einer harte Holzbank.

Es ist ein bemerkenswertes Gespräch mit einem Mann, der so gar nicht in das Bild des verbissenen Profi-Trainers passen will, der in der Hinrunde auch des Öfteren durch bizarre Gesichtsentgleisungen an der Seitenlinien auffällig wurde. Er spricht von den furchtbaren Betonfrisuren in seinem Heimatort Haßloch, seinem rauchenden Mannschaftskollegen Jürgen Klopp, schwärmt vom »Old-School-Stil« an der Hamburger Straße und gesteht, dass man sich in Braunschweig mit Anekdoten über Paul Breitner nicht mehr die Liebe junger Spieler erschleichen kann. Im Gegenteil, er sagt: »Von der Geschichte können wir uns nichts mehr kaufen  – außer vielleicht ein altes Jägermeister-Shirt.« Lieberknecht ist Realist. Tiefenentspannt erzählt er von den charakterlichen Vorraussetzungen, die neue Spieler mitbringen sollten, gestikuliert ab und an Fantasiezeichnungen in die Luft und lacht sehr gerne. Zum Beispiel über seinen kleinen Streit mit Holger Stanislawaski, der im Endeffekt nur positive Folgen hatte: Das Wedeln seiner Wintermütze heizte den Merchandisingabsatz der Klubs extrem an.



Als es dann um seine aktuellen Spieler geht, wird Lieberknecht jedoch eindringlich. »Die Mannschaft ist extrem im Empfängermodus«, sagt er und fordert die nächste Entwicklungsstufe von seinen Jungs. Statt dem Trainer blind zu folgen, soll seine Mannschaft zunehmend zum Selbstversorger werden. Nur zur Erinnerung, hier spricht der Trainer des Tabellenführers der Zweiten Liga, der die gesamte Hinrunde mit nur einer Niederlage und rekordverdächtigen 44 Punkten abschloss.

Torsten Lieberknecht sieht sich als Bauleiter von Eintracht Braunschweig. Sein Klub ist heute »ein kleines nettes Reihenendhaus, an das noch einige Anbauten gemacht werden müssen, damit es ein schönes Gesamtbild ergibt.« Und er hat die Maurerkelle in der Hand. Jeden Tag aufs Neue. Und es ist nicht auszuschließen, dass sein Projekt schneller vor dem Abschluss steht, als der Großflughafen in der Hauptstadt.

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