Ein Wort gibt das andere
21.10.2009

Ein Wort gibt das andere

»Schtänn, wat macht die Alte?«

Nirgendwo ist die Frequenz von Beleidigungen höher als zwischen Verteidiger und Stürmer. Stan Libuda wurde so in den Eifersuchtswahn getrieben, Zinedine Zidane vergaß sich selbst, andere blieben stehen und versuchten, Acapulco zu buchstabieren.

Text:
Prof. Dr. Klaus Hansen
Bild:
imago

„Du alter Zigarettenschmuggler!“
(Thomas Brdaric beleidigt im Zweikampf den Polen Tomasz Hajto)

Zwei Milliarden Augenzeugen. Schon am Tag danach war das Ereignis in ein Gedicht des Büchner-Preisträgers Volker Braun eingegangen: „Als der Fußballer Zidane / Vor dem Eingang in die Unsterblichkeit stand / Beendete er seine Karriere / Mit einem Kopfstoß. Nicht unüberlegt / Sondern sich umwendend / Und den Nischel senkend wie ein weidwunder Stier / Warf er sich gegen die Brust Materazzis…“. Über den Anlass rätseln wir noch immer. Die Worte ihres kurzen Dialogs, den Zidane und Materazzi an jenem 9. Juli 2006, kurz nach 22 Uhr MEZ im Berliner Olympiastadion führten, sind bis heute nicht rest- und zweifellos bekannt. Wir nehmen an, dass der Latino Materazzi den Berber Zidane in seiner Familienehre verletzt hatte.



Nach wie vor ist es ein Geheimnis, was Fußballspieler beim Kampf um den Ball zueinander sagen, wenn sie überhaupt miteinander sprechen. Verteidiger Herbert Finken von Tasmania 1900 Berlin war da eine große Ausnahme. Er hatte die Angewohnheit, gleich zu Spielbeginn seine Visitenkarte beim Gegenspieler abzugeben: „Gestatten, mein Name ist Finken – und du wirst gleich hinken.“ Bekannt ist, dass Ausländer wegen ihrer Herkunft oder Hautfarbe verbal gemobbt werden: „Nigger!“ „Fidschi!“ „Bimbo!“ Bekannt auch, dass sexuelle Andersartigkeit ein beliebtes Beleidigungsmotiv ist: „Bist du schwul, oder warum rückst du mir so nah auf die Pelle?“, fauchte Stürmer Axel Kruse seinen Bewacher an, der ihm nicht von der Seite wich. Manndecker Borowka hatte für solche Fälle die Standardantwort parat: „Jawoll, ich werd’ dein Zäpfchen sein!“

Hilflos liegen sie auf ihren sinnlos nummerierten Rücken

„Trash-Talk“ nennt man das bewusste Beschimpfen von Gegenspielern. Wichtig sei es, meint Fredi Bobic, immer den wunden Punkt zu treffen. Ein Wort kann wie ein Blattschuss sein. „Wenn du zum Beispiel weißt, dass deinem Gegenspieler gerade die Frau weggelaufen ist, wirst du das schon mal thematisieren“, sagt der coole Axel Kruse, der ein Verbalprovokateur der Extrasorte war. Viele gibt es davon zum Glück nicht. Manche meinen, früher seien es mehr gewesen. Wolfgang Overath zum Beispiel, der habe 90 Minuten lang gebrabbelt, gemurmelt, gezischt, und nichts davon sei druckreif gewesen. Heute steht so einer einem großen rheinischen Fußballverein vor, der sich als „schlafender Riese“ versteht und doch nur ein träumender Zweitliga-Zwerg ist.
Aber auch andere Helden von damals sind unrühmlich in Erinnerung, vor allem Otto Rehhagel und Uwe Klimaschefski. Ihr berühmtes Opfer war Reinhard „Stan“ Libuda. Libuda galt Ende der sechziger Jahre als einer der besten Rechtsaußen der Welt. Für seine bemitleidenswerten Gegenspieler blieben oft nur kafkaeske Bilder übrig: Reihenweise fallen sie um, durch raffinierte Finten und Tricks aus dem Gleichgewicht gebrachte Tollpatsche. Hilflos liegen sie auf ihren sinnlos nummerierten Rücken und strampeln wie nach Atem ringende Maikäfer mit viel zu pummeligen Beinen in der Luft herum.

„Weißt du eigentlich, watt deine Alte gerade macht?“

Libuda war mit Gisela verheiratet, der Schönheitskönigin von Schalke und Umgebung, die aber deshalb ihr Interesse an anderen Local Heroes nicht verlor. Das bedrückte Stan und machte ihn noch melancholischer, als er von Natur aus schon war. Libudas Gegenspieler hatten schnell herausgefunden, wie einfach man dem Dribbelwunder allen Schneid abkaufen konnte. Ein einziger Satz genügte, im hitzigen Zweikampf beiläufig fallen gelassen, um dem maßlos eifersüchtigen Ehemann jeglichen Elan zu nehmen. Lauterns Verteidiger Otto Rehhagel soll ihn erfunden haben, den goldenen Schlüsselsatz, nachdem der Fummelkönig ihn wiederholt zum Maikäfer degradiert hatte und der grobmotorische Otto sich nicht mehr anders als mit der verbalen Keule zu helfen wusste. „Du, Schtänn“, soll Rehhagel im giftigen Duell gesagt haben, „weißt du eigentlich, wat deine Alte gerade macht?“ Das habe genügt, um das Fintenluder komplett lahm zu legen. Andere Abwehrtölpel kamen direkt zur Sache. „He Stan, deine Frau fickt rum“, schleuderte der säbelbeinige Uwe Klimaschefski von Hertha BSC seinem Kontrahenten entgegen – und mit aller Dribbelherrlichkeit war es auf der Stelle vorbei.

Das alles ist fies und gemein. Dabei geht es auch eleganter. Bernd Sobeck von Tennis Borussia Berlin hatte eine feine Methode gefunden, um seine Gegner verbal zu verwirren. „Buchstabier mal Acapulco!“ flüsterte er beim Spiel Mann gegen Mann seinem Widersacher ins Ohr. Der eine oder andere sei tatsächlich ins Überlegen gekommen, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, aber das reichte Sobeck, um ihm den Ball abzuluchsen und auf und davon zu gehen.

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