Ein WM-Star auf dem Eis

Die Mansiz-Pirouette

In 11FREUNDE #109 berichteten wir über den kuriosen Fall Ihan Mansiz. Der türkische WM-Held von 2002 steht inzwischen auf dem Eis. Sein Ziel: Sein Land bei den Olympischen Spiele 2014 als Eiskunstläufer zu vertreten. Ein WM-Star auf dem EisThomas Koy
Heft#109 12/2010
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Eine weitere leere Kabine der Nebelhornbahn schwebt in die Höhe. Dahinter wird der Sprungturm sichtbar, der diesen Ort berühmt gemacht hat. Zur Vierschanzentournee pilgern jedes Jahr Zehntausende nach Oberstdorf. Sonst geht es in der kleinen Gemeinde im Oberallgäu eher beschaulich zu. Im Schatten der Schanze stehen ein paar Kühe auf einer Koppel. Es ist ein ganz normaler Donnerstag im Oktober, kurz nach zwölf Uhr. Direkt neben der Talstation: das Bundesleistungszentrum für Eiskunstlauf. Wenn man den Hallenkomplex betreten will, muss man an der hauseigenen Heldengalerie vorbei. Norbert Schramm, Claudia Leistner und das englische Traumpaar Jayne Torvill/Christopher Dean, alle sind hier hinter Glas verewigt. Der integrierte Fachhandel, der unter »Bruni´s Boutique« firmiert, bietet Schlittschuhe feil. Zwanzig Meter weiter, in Trainingshalle 3,
hängen nicht weniger als 25 Länderfahnen von der Holzdecke herab, als fände ein internationales Schaulaufen statt und nicht nur ein ordinäres Training. Karel Fajfr, der bekannteste deutsche Eiskunstlauftrainer, steht dick eingemummt auf dem Eis und erteilt einsame Kommandos. Die leeren Sitzschalen ringsherum leuchten grell: orange-braun und grün-braun. Die Halle wurde vor 30 Jahren erbaut, damals war das modern.

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Ilhan Mansiz taucht neben der Bande auf. Er hat die Eisfläche bereits fünfmal umrundet, in Sportschuhen. Er wärmt sich auf, zusammen mit Olga Bestandigowa, seiner slowakischen Partnerin. Mansiz trägt eine rote Trainingsjacke mit selbst aufgenähtem türkischen Halbmond. Jeder Trainingstag beginnt mit dem Dauerlauf über die schwarzen Gummimatten. Danach folgen Trockenübungen, bei denen er die zierliche Frau vorsichtig in die Höhe stemmt, als wolle er sie nicht kaputtmachen. Mansiz ist 1,84 Meter groß, Bestandigowa 30 Zentimeter kleiner, eine ideale Konstellation für den Paarlauf. Was die beiden ungleichen Partner üben, ist zwar noch etwas langsamer als bei Torvill/Dean, sieht aber unzweifelhaft wie Hochleistungssport aus. Mansiz kommt schnell stark ins Schwitzen.

Kein PR-Gag

Seit neun Wochen stehen sie gemeinsam auf dem Eis: sechs Tage in der Woche, dreimal am Tag, jeweils bis zu zehn Stunden. Einmal in der Woche gibt es zusätzlich eine Tanzstunde, zweimal steht Krafttraining auf dem Programm. Sie trainieren für Sotschi, sie nennen es »Projekt 2014«. Mansiz sagt: »Mein Traum ist es, in zwei Jahren die türkische Meisterschaft zu gewinnen und mit etwas Glück bei Olympia zu starten.« Ein ehemaliger Fußballer wird Eiskunstläufer – das russische und japanische Fernsehen waren schon da. Ist das alles etwa nur ein PR-Gag? Er sagt: »Ich habe niemals in meiner Karriere einen so engen Zeitplan gehabt. Selbst in der schlimmsten Vorbereitungsphase nicht.«

Die Fußball-WM 2002 brachte zwei Helden aus Deutschland hervor, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Oliver Kahn und Ilhan Mansiz. Kahn legte, kaum aus dem Bayerntor geschieden, ein seltsames Motivationsbuch vor, trainierte junge Torhüter in asiatischen Schwellenländern und wäre um ein Haar Manager beim FC Schalke 04 geworden. Mansiz, der die Türkei als 26-Jähriger mit einem Golden Goal ins Halbfinale geschossen hatte – das wichtigste Tor in der Geschichte der türkischen Nationalmannschaft – entdeckte eine neue Sportart für sich. Und er genießt es, es so ganz anders zu machen als die anderen, die ihr zweites Leben als Trainer, Manager oder Experte verbringen.

Mansiz war mal der Prototyp des Jungprofis

Mansiz war einmal der Prototyp des modernen Jungprofis. Sein Zopf, seine Tätowierungen würden in den modernen Nachwuchszentren der Klubs längst nicht mehr geduldet. Heute gehen vielen Spielern jugendlicher Übermut und flotte Sprüche ab. Mansiz war jemand, der immer seine Meinung sagte und damit regelmäßig aneckte. Nach der WM war er ein Star in der Türkei: Er wohnte in Istanbul in einem abgeriegelten Promiviertel. Wenn er abends zum Essen ging, warteten zehn, fünfzehn Paparazzi auf ihn. Jedes Mal, wenn ihm der Trubel zu viel wurde, flüchtete er nach Bayern. Beim Italiener auf der Münchner Maximilianstraße erkannte ihn allenfalls Dr. Müller-Wohlfahrt. Seine erfolgreichen Jahre waren kurz, aber intensiv: Sein größtes Spiel bestritt er 2003 in der Champions League. 2:0 gewann Besiktas beim FC Chelsea. Der einzige Schönheitsfehler an der Stamford Bridge: Mansiz musste nach 50 Minuten unter die Dusche, sah Gelb-Rot wegen wiederholten Ballwegschlagens.

Der Ilhan Mansiz, der über das Eis läuft, hat kurze Haare. Ein bisschen sieht er aus wie ein japanischer Popstar. In Japan hat er auch gespielt, gleich nach der WM. Es war mehr ein Marketingdeal als ein sportliches Intermezzo. Wer geht schon mit 28 Jahren nach Japan, sagt Mansiz selbst. Er war in seiner Jugend ein Hochbegabter, aber diese Hochbegabung wäre beinahe verborgen geblieben. Mansiz stammt aus Kempten, eine halbe Stunde von Oberstdorf entfernt. Mit 14 Jahren kickte er erstmals im Verein, vier Jahre später war er Deutscher Meister, mit der A-Jugend des FC Augsburg. Er hat alles immer etwas anders gemacht, jetzt ist er eben Eisläufer: Das erste Jahr in Oberstdorf kostet ihn 80  000 Euro, für Hallenmiete, Privattrainer, Kost und Logis.



Als die klassische Musik verstummt, »irgendetwas von Vivaldi«, sagt Trainerguru Karel Fajfr, knarzen die Kufen ohrenbetäubend über das Eis. Mansiz hat seiner Partnerin gerade gestenreich bedeutet, wie er bei der nächsten Hebefigur nach ihr zu greifen gedenkt. Sie üben: die Todesspirale. Mansiz ist inzwischen 35 Jahre alt. Wenn er eisläuft, könnte man meinen, er wäre jünger. Zum ersten Mal auf Schlittschuhen stand er vor drei Jahren. Er gehört zu jenen Menschen, die selbst dann, wenn sich die Ereignisse überschlagen, den Überblick behalten. »Für einen Neuling ist er wirklich schon sehr weit«, sagt Daniel Wende, amtierender deutscher Paarlaufmeister und aktueller Trainingspartner von Mansiz. Im Februar war er mit seiner Partnerin in Vancouver bei den Olympischen Winterspielen. Sie wurden Siebzehnte. Er musste »Ilhan Mansiz« erst einmal googeln, als der urplötzlich in der Eishalle auftauchte. Der Ex-Kicker, sagt der 26-Jährige heute, habe das Zeug, den Eiskunstlauf wieder populärer zu machen. Was er meint: Ein Kamerateam, das wegen dieser ungewöhnlichen Geschichte in Oberstdorf auftaucht, ist besser als gar kein Kamerateam in Oberstdorf.

Sie lernten sich kennen: Bei »Stars on Ice«

Mittagspause im Eislaufzentrum: Bestandigowa/Mansiz sitzen in der Gaststätte »Zorbas«, die im Obergeschoss angesiedelt ist. Sie haben sich 2007 bei der türkischen Fernsehshow »Stars on Ice« kennengelernt, sind inzwischen auch außerhalb des Eiszirkus ein Paar, laufen während des Trainings auch mal händchenhaltend über das Eis. Nach der Show haben sie sich entschieden, die Sache professioneller aufzuziehen. »Ich habe überhaupt keine Furcht, dass Ilhan mich bei einem Sprung fallenlässt«, sagt Olga Bestandigowa, »ich habe ihn überhaupt erst überredet, dass er es als mein Partner versucht.« Sie hat bereits eine Olympia-Teilnahme hinter sich, startete 2002 in Salt Lake City mit ihrem Bruder für die Slowakei. Sie ist das genaue Gegenteil von Mansiz, stand bereits mit drei Jahren auf dem Eis. Wenn sie sich streiten, geht es oft darum, welche Sportart anspruchsvoller ist: Profifußball oder Eiskunstlauf. Olga Bestandigowa sagt: Beim Eislaufen kann man nicht schummeln, man kann sich während der Kür keine Sekunde verstecken. Mansiz erwidert: Wenn du beim Fußball schlecht gespielt hast, weiß es am nächsten Tag die ganze Welt. Sie: Warte mal ab, bis du deinen ersten Wettkampf bestreiten musst, wenn 10 000 Menschen zuschauen. Er: Beim Fußball fluchen die Zuschauer, beschimpfen deine Mutter. Sie: Glaubst du, dass ich es mag, wenn du auf Türkisch fluchst? Er: Das ist Teil meiner Trainingsarbeit.

Seit neun Wochen sind sie jetzt in Oberstdorf, Zeit für den ersten Lagerkoller. Die besten Kumpel, die sie hier haben, sind ihr Trainer Alexander König und der Kellner aus dem »Zorbas«. Sie haben sich einen Hund gekauft, gehen zwischen dem zweiten und dritten Training mit ihm spazieren. Die Infrastruktur einer Großstadt kann Nemo, der Labrador, nicht ersetzen. Es ist nicht zu übersehen: Bestandigowa/Mansiz fühlen sich in Oberstdorf etwas einsam. Sie haben eine möblierte Wohnung angemietet, zwei Minuten von der Eishalle. Wenn Mansiz »möbliert« sagt, klingt das wie »isoliert«. Wenn man Bestandigowa fragt, wie die Tage im selbstverordneten Exil sind, antwortet sie: »Wolkig? Es regnet jeden Tag.« Wer zehn Stunden am Tag für den Sport aufwendet, hat keine Zeit mehr für größere Unternehmungen. Mansiz sagt: »Wir trinken mal einen Kaffee mit den anderen Läufern oder fahren ins Kino.« Der nächste große Filmpalast liegt in München, zweieinhalb Stunden entfernt. Schwer zu sagen, ob sie bis 2014 durchhalten werden. »Wenn wir nicht daran glauben würden, würden wir es nicht machen«, sagt Mansiz.

Er hörte plötzlich auf – »Aus privaten Gründen«

Für ihn war es keine leichte Entscheidung. Im Sommer letzten Jahres, als er noch einmal bei 1860 München mittrainierte, wollte ihn der Klub tatsächlich verpflichten. Doch vor dem entscheidenden Testspiel gegen Ingolstadt ging Mansiz in die Trainerkabine und sagte zu Ewald Lienen, dass er per sofort mit dem Fußball aufhöre, »aus privaten Gründen«. Lienen schaute ziemlich verdutzt aus der Wäsche, er hatte bereits mit Mansiz geplant. Doch der wollte seine Freundin nicht enttäuschen. Er hatte ihr schließlich versprochen, dass sie noch einmal an Olympischen Spielen teilnehmen werde. Als er die Kabine von Ewald Lienen verließ, begann sein zweites Leben.

Es ist kurz nach 17 Uhr. Nach der obligatorischen Behandlung folgt die letzte Eiszeit. Wer Mansiz so über das Eis gleiten sieht, ahnt nicht, dass er eigentlich einen Sportinvaliden vor sich hat. Eine Zeitlang schien es so, als hätte Mansiz für jeden guten Tag bei der WM 2002 mit mehreren Monaten Schmerzen bezahlen müssen. Wie viel Pech verträgt ein Fußballerleben? Nach der erfolgreichen Weltmeisterschaft musste Mansiz erstmals am Knie operiert werden. Seitdem ist er nie wieder richtig auf die Beine gekommen. Der traurige Höhepunkt: Als er in der Winterpause 2005/06 im Englischen Garten in München joggen gehen wollte, er war inzwischen bei MKE Ankaragücü untergekommen, fuhr ihn auf dem Weg dorthin ein PKW an.

Das andere Knie war jetzt ebenfalls lädiert; er musste seine Karriere beenden. Mansiz fand erst Jahre später einen Heilpraktiker, der seinen Körper komplett neu ausrichtete. Wenn er heute beim Eislaufen auf die Knie fällt, hilft ihm dieser immer noch weiter. Der Patient auf Kufen sagt: »Dann muss ich eben mal schnell nach München zum Mechaniker, um mich richtig einstellen zu lassen.«

Die Chancen für Sotschi stehen nicht schlecht

Mansiz, der Mann mit dem großen Ziel, hat bereits sieben Stunden trainiert, aber heute ist er noch nicht mit sich zufrieden. Er hängt noch eine Einheit dran, als die Kollegen schon bei der Massage sind. Um ihn herum: sechs- und siebenjährige Mädchen, die denselben Traum träumen wie er, »meine aktuelle Leistungsklasse«, sagt Mansiz. Die Chancen stehen trotzdem nicht so schlecht, dass er in vier Jahren nach Sotschi fährt. Es gibt keine wirkliche Konkurrenz. Paarlauf firmiert in der Türkei kurz hinter Pressefreiheit. Costa Cordalis ist auch einmal für Griechenland gestartet, im Skilanglauf.

Bestandigowa/Mansiz wollen es aber mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen können, keine Lachnummer werden wie Eddie the Eagle, der in den achtziger Jahren für England im Skispringen antrat, mit dicker Hornbrille. Mansiz sagt: »Ich werde nie so gut laufen wie die anderen, aber wir können es schaffen.«

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