Ein Tag mit Thomas Hitzlsperger

»Es ist kein neues Leben«

Während Deutschland und die Welt über das Coming-out von Thomas Hitzlsperger diskutierte, hat unser Redakteur Christoph Biermann den Tag mit ihm verbracht. Er traf einen glücklichen Mann im Stress.

Florian Bachmeier

Donnerstagmittag verlässt der Kollege einer großen deutschen Boulevardzeitung, wie es immer so schön heißt, ein Hotel in der Münchner Innenstadt. Er zieht einen Trolley hinter sich her und muss sich sputen, der Zug fährt gleich. Sein Fotograf macht im Besprechungsraum »von Reger« noch ein paar Fotos, dann ist 11FREUNDE dran. Oder erst einmal noch nicht. »Noch 20 Minuten«, sagt Thomas Hitzlsperger. Er will sich mit dem Herrn von einer Kölner Agentur besprechen, die er damit beauftragt hat, die riesige Zahl von Presseanfragen zu bearbeiten, in den ersten 24 Stunden waren es ungefähr 400.

Dann sind wir dran und staunen. Thomas Hitzlsperger wirkt nicht wie der Mann, über den in Deutschland gerade am meisten gesprochen wird. Würde nicht fast jeder andere von dieser Springflut von Aufmerksamkeit einfach nur hinweggespült werden? Hektisch mit flackerndem Blick herumlaufen? Oder sich für einen Superhelden und Übermenschen halten? An diesem Morgen ist Thomas Hitzlsperger auf dem Titel fast aller deutschen Tageszeitungen, alle Nachrichtensendungen haben am Abend zuvor über ihn berichtet. Aber jetzt sitzt er gelassen wie immer vor uns, freundlich und überhaupt nicht gehetzt.

Der erste Tag im neuen Leben

Wie war der erste Tag im neuen Leben? »Es ist kein neues Leben«, sagt er. Am Tag seines Coming-out war er zuhause vor dem Computer, den Kopfhörer seines Handys im Ohr. »Ich habe bewusst kein Fernsehen geschaut und auch im Netz nichts gelesen. Ich war die meiste Zeit damit beschäftigt, mit Familie und Freunden zu schreiben. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viele E-Mails und SMS bekommen.« So war er dann doch über alles informiert, was an dem Tag passierte. »Ich wusste natürlich nicht, wie die Reaktionen ausfallen würden. Diese Welle von Glückwünschen und Respektbekundungen hätte ich allerdings nicht erwartet.« Sein Telefon klingelt, und er muss drangehen. Zuhause gibt es noch kurz was zu regeln, denn abends geht es weiter nach England. Hat ihn eine Reaktion besonders umgehauen oder besonders gefreut? »Nein, ich habe mich wirklich über alle gefreut, wenn sie positiv waren. Da ist mir ein Spieler nicht mehr wert als ein Freund.«

Feedback von Premierminister

Im Besprechungsraum zischt leise der Samowar fürs Teewasser vor sich hin, und das Telefon des Herrn von der Agentur klingelt. Er blickt von seinem Laptop hoch und schaut über den Rand seiner Hornbrille. Die neue Familienministerin Manuela Schwesig hat die volle Gleichstellung der Homo-Ehe gefordert. »Wow!«, sagt Hitzlsperger, aber so richtig überrascht klingt er nicht. Aber wie sollte ihn auch noch etwas verwundern, wenn sich am Mittwoch schon zwei Stunden nach seinem Coming-out die Bundesregierung positiv dazu äußerte. Und sein Witz im Interview mit dem englischen »Guardian« hielt auch nicht lange. »Wo ist David Cameron, er ist doch ein Villa-Fan?«, hatte Hitzlsperger gesagt, der zwischen 2000 und 2005 bei Aston Villa gespielt hat. Kurz darauf kam der Tweet des englischen Premierministers: »Als AVFC-Fan habe ich Thomas Hitzlsperger immer für seine Leistungen auf dem Platz bewundert – aber heute bewundere ich ihn noch mehr. Ein mutiger & wichtiger Schritt.«

Das und die prompte Reaktion durch den deutschen Regierungssprecher Steffen Seibert haben ihn überrascht. »Aber ich hatte ja gesagt, dass ich eine öffentliche Diskussion vorantreiben will, und scheinbar wollen sich einige Leute daran beteiligen.«

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