Ein Tag mit der Polizei beim Risikospiel

Katz und Maus

Selten zuvor wurden so viele Begegnungen als »Hochrisikospiel« eingestuft wie in dieser Saison. Wie verlaufen diese Partien für die Polizei? Wir haben die szenekundigen Beamten beim Spiel Frankfurt gegen Rostock einen Tag lang begleitet. Ein Tag mit der Polizei beim Risikospiel
Heft#120 11/2011
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Am kommenden Wochenende findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, Soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Für unsere Reportage »Das Ende der Eskalation« aus dem Heft #120 begleiteten wir einen Tag lang Szenekundige Beamte wie den Frankfurter Ulf Stamer bei einem Risiskospiel. Da es sich eben um ein solches handelte, geben die Schilderungen mitnichten alltägliche Vorkommnisse in allen deutschen Stadien bei allen Spielen wider.

7:00 Uhr: Mainufer

Es ist der Morgen vor dem Zweitligaspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Hansa Rostock – bis zum Anpfiff der Partie sind es noch elf Stunden. Doch Frankfurter und Rostocker haben sich verabredet, zu einem »Match«, wie sie es nennen, einer Schlägerei am Mainufer. Mitten in der Nacht sollen sich bereits um die 50 Personen aus Mecklenburg-Vorpommern auf den Weg nach Frankfurt gemacht haben, die Polizei hat einen Tipp bekommen. Wenig später heißt es »Zugriff«, die rund 80 versammelten Frankfurter werden festgehalten, von Rostockern ist nichts zu sehen. »Polizei verhindert Hooligan-Schlacht«, titelt die »Bild« am nächsten Tag. Doch der frühmorgendliche Einsatz ist nur der Auftakt eines unruhigen Tages.

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11:00 Uhr: Frankfurter Hauptbahnhof

Bei der WM 1998 wurde der französische Polizist Daniel Nivel von deutschen Hooligans fast totgeschlagen. Diejenigen, die damals in Lens vor Ort waren, berichten, dass schon den ganzen Tag über die Gewalt in der Luft lag, die aufgeheizte Atmosphäre beinahe körperlich spürbar gewesen war. Auch die heutige Zweitligapartie ist kein gewöhnliches Spiel, sondern ein »Hochrisikospiel« – das verdeutlicht nicht nur die Polizeipräsenz am Frankfurter Hauptbahnhof. Die Frankfurter reklamierten in der vergangenen Saison per Spruchband den Titel »Randalemeister« für sich, in vielen Rostocker Internetforen war vor dem Spiel die Rede davon, sich jenen Titel zurückzuholen. »Es geht ihnen darum zu zeigen, wer tatsächlich die härteste Szene hat«, sagt Ulf Stamer.

Eine Gemengelage aus Gerüchten, Infos und Meldungen

Dann ertönt der Klingelton seines Handys: »Born in the USA« von Bruce Springsteen. Es werden an diesem Tag selten fünf Minuten vergehen, in denen Stamers Handy nicht klingelt.  Springsteen selbst wäre wohl von seinem eigenen Intro ermüdet. Doch Kommunikation ist an diesem Tag alles – Stamer muss aus einer Melange aus Gerüchten, Infos und Meldungen eine Fährte der Gegenseite erkennen. Wo trifft sich der Mob? Ein Kollege aus Göttingen hat einen Neunsitzer mit aus der Szene bekannten Gesichtern auf einem Rastplatz ausgemacht, einige Informanten wähnen potenzielle Gewalttäter in einem Zug aus Berlin, und ein Beamter will gar davon gehört haben, dass sich ein ganzer LKW mit Pyrotechnik von Rostock aus auf den Weg gemacht hat. »Man braucht Erfahrung, um zu wissen, welchen Informationen man vertrauen kann und nachgehen sollte«, sagt Stamer.

13:00 Uhr: Stadionwache

»C, Gewa Spo, Drittortler«, gibt Stamer durch, immer zwischen Funkspruch und Handygespräch changierend. Es ist ein Chiffre für die Beschreibung eines Festgehaltenen, der der »Kategorie C« angehört, also als gewaltsuchend eingestuft wird, einen Eintrag in der Datei »Gewalttäter Sport« hat und an Schlägereien außerhalb der Stadien teilgenommen hat. Auf wen diese Beschreibung zutrifft, der wägt bei Streitigkeiten nicht erst die einzelnen Argumente ab. Für das heutige Spiel scheint sich der harte Kern der Szene angekündigt zu haben. »Es ist nicht ungewöhnlich, dass bei solchen Anlässen auch Personen außerhalb des Fußballs angezogen werden – aus der Türsteher- oder Kickboxszene beispielsweise«, sagt Stamer. Die meisten allerdings kennt Stamer, das geht soweit, dass er sich mit seinen drei Kollegen schon Spitznamen für die üblichen Verdächtigen überlegt hat.

Stamer, 1,90 m groß, Kapuzenpulli und Basecap, schlendert durch die Flure der Stadionwache und holt seine Kollegen aus Rostock ab. Michael und Frank tragen weiße Shirts, Sonnenbrille, Turnschuhe, haben sich den schwarzen Pulli um die Hüften gebunden. Zwischen all den Uniformierten auf der Wache wirken die drei nun wie die beschriebenen Drittortler, die sich verlaufen haben. Sie stehen mit einem Bein in der Kurve, haben Kontakt zur Szene, sind aber diejenigen, die Festnahmen und Strafen wie Stadionverbote in die Wege leiten. Die drei ziehen schnellen Schrittes los,  »Born in the USA« ertönt, ein Bus mit C-Fans soll auf dem Weg sein.

16:00 Uhr: Autobahnbrücke

Die szenekundigen Beamten stehen auf einer Autobahnbrücke und überwachen den Zustrom der Massen. Neben ein paar Rentnern flanieren hier immer wieder einige Jugendliche ohne Fan-Devotionalien. Auch unten fahren junge Leute mit dem Fahrrad umher, immer das Handy am Ohr. »Späher«, sagt Michael. »Die geben durch, wo sich Polizisten aufhalten. Meistens sind es 15-Jährige, die sich hochdienen wollen.« Das Ganze erinnert an ein Katz-und-Maus-Spiel, bei denen sich Jäger und Gejagte belauern. Die Gewinner dieser Szenerie sind die Mobilfunkbetreiber, auf beiden Seiten wird aufgeklärt und geplant via Handy.

Nach einem dieser unzähligen Anrufe hasten die Beamten auf den Parkplatz, ein Bus Rostocker ist eingetroffen, die Insassen sollen eine Tankstelle leer geräumt haben. Die Aufgabe der Szenekundigen ist es, zu identifizieren, um wen es sich handelt. »Zwei B, Rest A«, sagt Frank, heißt: zwei gewaltbereite, der Rest Normal-Fans. Doch sein Blick ist skeptisch. »Es ist gefährlich ruhig.« Mit 120 Rostockern wird gerechnet, 80 B, 40 C, 30 »Gute«, so werden etablierte Schläger in der Szene genannt – nur wo treffen sie ein? Kommen sie per Bus, Auto oder Zug?

Späher, Robocops und böse Jungs

Der Schleier scheint sich zu heben, als per Funk auf der anderen Seite des Stadions Alarm geschlagen wird. Dort sammeln sich an die hundert Frankfurter, sie vermummen sich, gehen dann zielstrebig in das Waldstück. Ulf Stamer spricht ununterbrochen in sein Funkgerät unter dem Pullover. »Der Catwalk«, sagt er, der Weg zwischen Bahnhof und Einganstoren, hier passiert es also. Die Rostocker reisen demnach mit dem Zug an. Die BFE rückt in großer Zahl an, die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, unter Fans »Robocops« genannt.

Sie führen die Rostocker durch den Wald, vorbei am DFB-Gebäude, andere Beamte springen durch das Gebüsch, Äste knicken, ein Böller knallt. Frankfurter bauen sich am Ende der Schneise auf. »In dieser Reihe steht alles an bösen Jungs, was die Szene aufbieten kann«, sagt Ulf Stamer. Der große Knall kann vermieden werden. Die Rostocker gelangen zum Gästebereich, doch sie haben eine sehr späte Anreise gewählt. Auf dem Spielfeld steht es schon 1:0 für Frankfurt.

18:47 Uhr: Stadion, Beginn zweite Halbzeit

Bis auf wenige Zwischenfälle wie das Aufeinandertreffen der Frankfurter und Rostocker Stadionverbotler bleibt die erste Halbzeit ruhig. Doch mit Wiederanpfiff scheint der Rostocker Fanblock zu brennen. Bengalos, Böller und Leuchtraketen – mit einer Pyroshow sorgen die Rostocker für eine zehnminütige Spielunterbrechung. Einige Leuchtraketen fliegen in Richtung Tribüne, wo Rollstuhlfahrer und Familien sitzen. Doch auch hier greift der Randaletourismus um sich. Während manche die Treppen hochjagen, bleiben andere stehen und filmen mit der Handykamera das Spektakel. Der Rostocker Anhang feiert sich ausgiebig und lautstark.

Leuchtraketen fliegen in Richtung Tribüne

Ulf Stamer und seine Kollegen flitzen umher, ein Frankfurter Fan fragt: »Warum habt ihr das nicht verhindert?« Doch die Sache sei kompliziert, sagt Michael, der Rostocker SKB. »Diese Raketen sind nicht größer als ein Kugelschreiber. Es ist schwer, bei den Einlasskontrollen das zu finden.« Die Anhänger seien zudem kreativ, Rauchpulver ins Stadion zu bekommen. »Manche haben einen doppelten Boden im Schuh, andere nähen es in die Innenseite der Jacke.«

Die Publicity für die Rückeroberung des Randalemeister-Titels haben die Rostocker zumindest, die Fernsehsender halten drauf, nur wenige Tage nach dem Spiel hat ein Youtube-Video dazu Klicks im sechsstelligen Bereich. Verletzt wird zum Glück niemand. »Wenn man die Verursacher darauf anspricht, sagen sie: Jeder, der mit Schal ins Stadion geht, muss damit rechnen, etwas abzubekommen«, berichtet Michael. Auf dem Rasen verliert Hansa deutlich mit 1:4, für einige ist das aber nicht das Interessanteste an diesem Abend.

22:30 Uhr: Bahnhof

Rostocks Fans wurden nach dem Spiel lange in der Kurve gehalten, um ein Aufeinandertreffen der Gruppierungen zu vermeiden. Und dennoch führt der Weg zum Bahnhof an einem Treffpunkt der Frankfurter vorbei. Stamers Handy klingelt wieder unaufhörlich, dennoch wirken die Beamten ruhig. 80 bis 100 sollen sich auf Frankfurter Seite versammelt haben, mindestens 50 C-Fans. Als Rostocks Anhang durch den Wald geleitet wird, knallen Raketen, es wird laut, die Frankfurter kommen über einen Parkplatz gelaufen.

Viele tragen Sturmhauben. Steine fliegen, Böller knallen, ein Frankfurter rennt mit einem Straßenschild in der Hand los. Bevor beide Gruppen aufeinander treffen, laufen erst die Polizeipferde, dann die BFE dazwischen. Das Pfefferspray zischt, die ganze Luft riecht nach Pfeffer, auf beiden Seiten lautes Gebrüll. Die szenekundigen Beamten zücken den Schlagstock, laufen durchs Getümmel und identifizieren die Aggressoren. Frankfurter jagen den Rostockern über Bahngleise hinterher.

Verabredungen für Treffen im Wald

Nach einigen Minuten bekommt die Polizei die Situation in den Griff, die Massen lösen sich auf, manche Fans bleiben liegen. Zwei Rostocker halten sich tränenüberströmt die Augen vom Spray, zwei Frankfurter sind von Steinen getroffen worden, einer am Kopf, einer am Arm. Letzterer soll der Rädelsführer sein. »Damit«, so Ulf Stamer, »haben die Rostocker endgültig den Fehdehandschuh für das Rückspiel geworfen.«

Das Handy klingelt wieder. Es soll Verabredungen für ein Treffen im Wald geben. Frankfurter und Rostocker sollen sich in Sachsenhausen aufhalten, 70 B, 20 C, mindestens zehn »Gute«.

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