Ein Tag im Leben von Peter Neururer

Peter und das Golf

Peter Neururer ist seit drei Jahren nur Neururer, kein Trainer. Was macht einer, der eigentlich nicht ohne Fußball kann, in dieser Zeit? Ein ganz normaler Tag im Wartestand.

Peter Neururer sitzt in seinem Porsche Panamera und kann den Fußball nicht finden. Irgendwo in der Nähe, Rosenstraße, Gelsenkirchen-Beckhausen, soll er jetzt einen Bolzplatz einweihen. Einen dieser Käfige, Tore aus Eisenstangen. Der Oberbürgermeister wartet schon. Aber Neururer hat die genaue Adresse nicht.

Mit ihm im Wagen: Jörn Andersen als Beifahrer. Früher norwegischer Nationalspieler, 1992 fast Meister mit Eintracht Frankfurt. Und Olaf Thon, Weltmeister 1990, Schalke-Legende, als Stimme in Neururers Freisprechanlage. Er ist schon vorgefahren.

Stimme von Olaf Thon: »Peter, welche Nummer hast du eingegeben?«
Neururer, schaut aufs Navi: »Sechs.«
Stimme von Olaf Thon: »Sex ist immer gut.«
Neururer lacht, Andersen auch.
Neururer: »Ich habe den Schweden dabei.«
Stimme von Olaf Thon: »Ist doch super, so eine Blondine macht sich auf Fotos immer gut.«
Andersen, Norweger: schweigt.
Neururer: »Olaf, ich kann mein Navi nicht hören, wenn du in der Leitung bist.»
»Gut, ich leg dann mal auf.«

Sagt Thon und legt auf. Er wartet dann, Rosenstraße 6, in seinem Mercedes, sitzt da, bisschen hilflos, als Neururer auf seiner Höhe hält. Kein Oberbürgermeister, nirgendwo. Hier stehen lediglich zwei Wohnblocks, graue Platte, dazwischen Teppichklopfstangen und Wäscheleinen unter einem schalen Himmel. Nieselregen.

Sie stehen dort und wissen nicht weiter. Drei Männer, mehr als 1200 Einsätze im deutschen Profifußball, am Gelsenkirchener Rand. Thon, der eigentlich seit Jahren darauf wartet, irgendein Amt auf Schalke zu übernehmen, und bis 2011 Trainer des VfB Hüls war. Andersen, der nur zufällig gerade nicht in Salzburg oder auf Mallorca ist. Und Neururer, der nach eigenen Angaben beste Trainer der Welt, der eigentlich Real Madrid trainieren müsste. Momentan aber vor allem an seinem Handicap arbeitet. Er trägt noch immer seine Golfsachen.

Wer Neururer sucht, muss zum Golfplatz

Wer Peter Neururer sucht, an einem Vormittag wie diesem, findet ihn auf dem Golfplatz, pünktlich um 11 Uhr vor dem Clubhaus, 600 Meter Luftlinie zur Schalker Arena. Alleine. Halber Platz, neun Löcher.

Peter Neururer sieht genauso aus, wie man sich Peter Neururer vorstellt. Das Haar strähnig durcheinander. Die Augen irgendwie weit aufgerissen: der Hundertprozentblick. Er hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Man könnte mit einem Panini-Bild aus den 80ern nach ihm fahnden. In Neururers Oberlippenbart steckt noch immer mehr Bundesliga als in allen Interviews von Thomas Tuchel.

»Was soll das hier für eine Geschichte werden?«, fragt er zur Begrüßung, »Trainer im Wartestand?« Genau. Mal schauen, was der Trainer Neururer eigentlich macht, wenn er nur Neururer ist, kein Trainer.

Peter Neururer hat seit 1987, Debüt bei Rot-Weiss Essen, 13 Profimannschaften betreut. Mehr als jeder andere seiner Kollegen. Nun aber ist er bereits drei Jahre ohne Verein. Am 29. Oktober 2009 wurde er beim MSV Duisburg entlassen. Neururer sitzt seitdem, Tribünengast nur, am Katzentisch der Vergessenen. Rückkehr ungewiss. Drei Jahre sind, in rasenden Profifußballjahren gemessen, eine lange Zeit. Vor allem, wenn man wie Neururer einfach nur wartet. Auf den einen Anruf, das passende Angebot, wenn man sich ständig fit hält für das Comeback, das vielleicht nicht mehr kommt. Vor ein paar Wochen hat Neururer deshalb ein Ultimatum gestellt. An die Bundesliga, mehr aber an sich: »Wenn ich in dieser Saison keinen Job als Cheftrainer oder Sportdirektor bekomme, dann ist Schluss.« Bis dahin wartet er weiter.

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