Dass man als Tim Wiese sogar auf überfüllten Herrentoiletten Probleme kriegen kann, weiß Fußball-Deutschland seit Dienstag aus dem Boulevard. Ich wusste es schon seit Freitag: Dittsche stand neben mir an der Keramik. Er wankte bedrohlich. Entsprechend dauerte es einige Zeit, bis er mein Hoffenheim-Trikot erkannte. Dann meine aufgepumpte Brust. Dann meine Haare. Die Hasstiraden prasselten auf mich nieder. »Kommerzverein«, »Hopp-Hure«, ja, der Mann im Bademantel war sogar überzeugt, ich würde »seinen Sport kaputtmachen«. Ich versuchte erst gar nicht, mich zu rechtfertigen. Ich hatte sowieso keine Chance. Als die Stimmung rund ums Pissoir schließlich zu kippen drohte, rettete mich zum Glück ein hilfsbereiter G.I. aus der misslichen Lage. Was er nicht wusste: Im echten Leben war ich Kriegsdienstverweigerer.
Die heiligen drei Könige
Wir zogen weiter in die nächste Kneipe und da passierte es: das Wunder! Wie aus dem Nichts erschienen plötzlich die Heiligen Drei Könige mit schwäbischen Akzent neben mir. Sie schauten kurz, grinsten sich an – und ließen mich hochleben. Ich schwebte vor Glück, denn ich hatte sie gefunden: Die drei einzigen Karneval feiernden Menschen aus Sinsheim. Es gibt sie also wirklich: Hoffenheim-Fans. Stolze zwei Minuten badetete ich in der wohltuenden Wonne der Zuneigung. Und ja, es fühlte sich falsch an. Doch nach Stunden der Abneigung, der Beschimpfungen, des Spießrutenlaufs war der Geist getrübt und das Fleisch sehr schwach. Das Kölsch, das Melchior mir grinsend in die Hand drückte, schmeckte königlich. Doch auch dieser Moment des Ruhms verging zu schnell. Nach dem ersten Kölsch gab ich endlich zu, weder Wiese- noch Hoffenheim-Sympathisant zu sein. Die Gesichter meiner drei neuen Freunde erstarrten. Jetzt hatte ich auch noch die letzten drei Heiligen gegen mich aufgebracht. Ich war am Ende.
Wir schwankten also zurück nach Hause. Noch einmal zog der Tag an mir vorbei: Dittsche. Der Soldat. Tobias Weis. Melchior. Und gerade als mein Kumpel die Haustür aufschloß, trat ein wankender Braunbär in mein Blickfeld. »Guck mal, da ist Tim Wiese«, sagte er ungläubig. Man mag es naiv nennen, aber ich drehte mich tatsächlich voller Hoffnung um. Würde mir ausgerechnet ein Bär den Glauben an die Menschheit zurückgeben? Würde der Tag doch noch versöhnlich enden? Ich sah ihn freundlich an. Der Bär blickte zurück. Erst müde, dann neutral, schließlich grimmig und sagte: »Na, Du Arsch!«