Es hätte alles so schön sein können. Die Idee, Karneval als Tim Wiese verkleidet durch die Straßen zu torkeln, erfreute meine Kollegen, meine Freunde und irgendwie auch mich. Klar, mit dem ein oder anderen Spruch hatte ich gerechnet. Auch dass ich mich für das Hoffenheim-Trikot hätte rechtfertigen müssen. Doch allen Zweifeln zum Trotz sah ich mich bereits Arm in Arm mit mir vollkommen unbekannten Personen schunkeln, über den 1. FC Köln scherzen, ein bisschen bützen und was so alles dazu gehört in diesen wilden Tagen. Die Realität sah anders aus: Zwar gab es FC-Fans, es wurde natürlich Arm in Arm geschunkelt und natürlich wurde auch gescherzt. Allerdings über die TSG Hoffenheim und vor allem über Tim Wiese. Also über mich.
»Wiese, Du Arschloch«
Freitag, 19 Uhr. Der Weg zur anvisierten Kneipe war kurz, vielleicht 50 Meter. Die Zülpicher Straße, das Herzstück der Kölner Jecken-Partymeile, war gefüllt mit Menschen, die ihrerseits auch bereits gut gefüllt waren. Doch anstatt unauffällig durch die wogende Menge zu gleiten, dauerte es keine zehn Sekunden bis zu meinem ersten Kontakt mit der Karneval-Außenwelt. Ich merkte, was es heißt, Tim Wiese zu sein. Das Feindbild Nummer Eins bzw. Nummer Drei. »Wiese, Du Arschloch«, schallte es mir entgegen. Dabei hatten wir noch nicht einmal die Haustür verlassen. Ich ahnte bereits, dass die nächsten Tage doch etwas anders verlaufen könnten, als ich es mir ausgemalt hatte. In der Schlange vor der Kneipe wurde ich erneut zur Zielscheibe: Ein Dinosaurier, ein Footballspieler und Captain Jack Sparrow waren extra stehen geblieben, hatten sich schwankend positioniert und skandierten lautstark: »Absteiger, Absteiger«! Ich war froh, als wir endlich ins Lokal gelassen wurden.
In der Folge lernte ich als Tim Wiese zwei Arten von Menschen kennen: Betrunkene Männer, die mich mit den Worten »Tim Wiese, Du Arsch« begrüßten und betrunkene Frauen, die Tim Wiese nicht kannten und sich alle Mühe gaben, mir die Perücke vom Kopf zu reißen. War das gelungen, hörten die Sticheleien aber keinesfalls auf, denn ohne meine schwarze Langhaarfrisur mutierte ich – so wollte es der Zufall – kurzerhand zu »Tobias Weis, du Arschloch«. Ich hatte die Wahl zwischen Tim Wiese und Tobias Weis. Ich hatte ein Problem.
Feindesland: Herrentoiletten
Dass man als Tim Wiese sogar auf überfüllten Herrentoiletten Probleme kriegen kann, weiß Fußball-Deutschland seit Dienstag aus dem Boulevard. Ich wusste es schon seit Freitag: Dittsche stand neben mir an der Keramik. Er wankte bedrohlich. Entsprechend dauerte es einige Zeit, bis er mein Hoffenheim-Trikot erkannte. Dann meine aufgepumpte Brust. Dann meine Haare. Die Hasstiraden prasselten auf mich nieder. »Kommerzverein«, »Hopp-Hure«, ja, der Mann im Bademantel war sogar überzeugt, ich würde »seinen Sport kaputtmachen«. Ich versuchte erst gar nicht, mich zu rechtfertigen. Ich hatte sowieso keine Chance. Als die Stimmung rund ums Pissoir schließlich zu kippen drohte, rettete mich zum Glück ein hilfsbereiter G.I. aus der misslichen Lage. Was er nicht wusste: Im echten Leben war ich Kriegsdienstverweigerer.
Die heiligen drei Könige
Wir zogen weiter in die nächste Kneipe und da passierte es: das Wunder! Wie aus dem Nichts erschienen plötzlich die Heiligen Drei Könige mit schwäbischen Akzent neben mir. Sie schauten kurz, grinsten sich an – und ließen mich hochleben. Ich schwebte vor Glück, denn ich hatte sie gefunden: Die drei einzigen Karneval feiernden Menschen aus Sinsheim. Es gibt sie also wirklich: Hoffenheim-Fans. Stolze zwei Minuten badetete ich in der wohltuenden Wonne der Zuneigung. Und ja, es fühlte sich falsch an. Doch nach Stunden der Abneigung, der Beschimpfungen, des Spießrutenlaufs war der Geist getrübt und das Fleisch sehr schwach. Das Kölsch, das Melchior mir grinsend in die Hand drückte, schmeckte königlich. Doch auch dieser Moment des Ruhms verging zu schnell. Nach dem ersten Kölsch gab ich endlich zu, weder Wiese- noch Hoffenheim-Sympathisant zu sein. Die Gesichter meiner drei neuen Freunde erstarrten. Jetzt hatte ich auch noch die letzten drei Heiligen gegen mich aufgebracht. Ich war am Ende.
Wir schwankten also zurück nach Hause. Noch einmal zog der Tag an mir vorbei: Dittsche. Der Soldat. Tobias Weis. Melchior. Und gerade als mein Kumpel die Haustür aufschloß, trat ein wankender Braunbär in mein Blickfeld. »Guck mal, da ist Tim Wiese«, sagte er ungläubig. Man mag es naiv nennen, aber ich drehte mich tatsächlich voller Hoffnung um. Würde mir ausgerechnet ein Bär den Glauben an die Menschheit zurückgeben? Würde der Tag doch noch versöhnlich enden? Ich sah ihn freundlich an. Der Bär blickte zurück. Erst müde, dann neutral, schließlich grimmig und sagte: »Na, Du Arsch!«