Ein Prophet gilt nichts im eigenen Land

Das Glied eines Primaten

Sie spielten für die besten Klubs der Welt. Doch mussten sie für ihr eigenes Land zu Felde ziehen, verschwand ihre Spiellaune. Sie brachten sich selbst um den größsten Ruhm. Schuster, Cantona und andere Dissidenten. Ein Prophet gilt nichts im eigenen Land
Heft #76 03 / 2008
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Stefan Effenberg

Schon die antiken Römer streckten ihren Widersachern gerne den »schamlosen Finger« als Beleidigung entgegen. So wandelte Stefan Effenberg, der »digitus impudicus« des Fußballs, förmlich auf den Spuren Caesars, als dieser im Vorrunden-Spiel der Weltmeisterschaft 1994 gegen Südkorea dem hämisch pfeifenden deutschen Publikum die geballte Faust mit erhobenem Mittelfinger präsentierte.

Nachdem der damalige Bundestrainer Berti Vogts 15 Minuten vor Schluss, seinen völlig elanlosen Spielgestalter vom Platz nahm, stimmten die deutschen Anhänger ein tosendes Pfeifkonzert an, das den »schlimmen Finger« Effenberg zu der berühmten obszönen Geste provozierte. Nach Rücksprache mit DFB-Präsident Egidius Braun warf man Effe postwendend aus der Nationalmannschaft. Vier Jahre lang zog sich Effenberg das deutsche Trikot nicht mehr über die jederzeit so stolzgeschwellte Brust. Erst als Vogts nach der missglückten Weltmeisterschaft 1998 einen Neuanfang starten wollte, holte man Effenberg ins National-Team zurück. Sein Comeback verlief jedoch nicht erfolgreich und so beendete die »Raubkatze« nach 35 Spielen und 5 Treffern seine Nationalmannschafts-Karriere.

Doch nicht nur wegen des »Stinkefingers« lässt sich Effenberg mit einem Feldherrn, wie es einst Caesar im römischen Reich war, gut vergleichen. Schließlich galt der Heißsporn mit dem frisierten Tiger-Hinterkopf stets als ein Führungsspieler auf dem Platz, der das Spiel seiner Mannschaft leitete und für wichtige Impulse im Angriff sorgte. Schon in jungen Jahren entwickelte er solch Qualitäten eines Generals. Ob bei den Münchener Bayern, mit denen er 1999, 2000 und 2001 die deutsche Meisterschaft, 2001 den Champions League- und Weltpokalsieg feiern konnte, in Gladbach, wo er 1995 den DFB-Pokal gewann, oder für den italienischen Klub AC Florenz - Stefan Effenberg verstand es mit seinem dominanten, teils schon aggressiven Auftreten dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken.

Ein Auge zudrücken mussten jedoch Trainer, Funktionäre und auch Fans wegen Effes Eskapaden neben dem Fußballplatz leider viel zu häufig, sodass die unsportlichen Schlagzeilen des »Tigers« zusehends überwiegten und sein tatsächlich geniales fußballerisches Geschick alsbald ins Abseits geriet.

So erinnert man sich hierzulande etwa kaum an Effenbergs exzellentes Ballgefühl, sondern vielmehr an sein jeder Zeit gut ausgeprägtes »Fingerspitzengefühl« für exzentrische Affären.

Uli Stein

Der beleidigende »Fingerzeig« scheint in den Fußballer-Kreisen sich großer Beliebtheit zu erfreuen. Denn neben Stefan Effenberg verabschiedete sich auch der damalige HSV-Torwart Ulrich »Uli« Stein, nach seinem Platzverweis 1986 im DFB-Pokalspiel gegen den FC Augsburg, vom gegnerischen Publikum mit seinem nackten, ausgestreckten Mittelfinger. Animalische Züge sind bei Fußballern ja häufig zu beobachten, doch ob sich Effe und Uli eigentlich bewusst waren, dass sich die beiden mit der Stinkefinger-Geste buchstäblich zum Affen machten? Denn diese Gestik stellt nichts weiter als das aufgestellte männliche Glied eines tierisch aggressiven Primaten dar, der so seinen Gegner zu provozieren und einzuschüchtern versucht.

Doch nicht nur mit wilder Zeichensprache versuchte sich Stein Respekt vom Gegenspieler zu verschaffen. Als der Hamburger SV 1987 im Supercup-Finale den Münchener Führungstreffer durch ein Abstauber-Tor des Bayern-Stürmers Jürgen »Kobra« Wegmann hinnehmen musste, kam diesmal nicht nur Steins Finger, sondern seine ganze Faust ins Spiel. Denn ehe der Torschütze sich versah, landete auch schon des Torwarts harte Rechte in seinem Gesicht. Der Raufbold wurde daraufhin zehn Wochen vom DFB gesperrt und vom HSV sogar suspendiert.

Solch »Ausrutscher«, wie er später diese Boxeinlage bezeichnete, gehörten neben Glanzparaden allmählich zum Repertoire des exzentrischen Ballfängers. Zuvor waren es jedoch nicht die Fäuste gewesen, die er nicht mehr unter Kontrolle bringen konnte, sondern viel mehr sein doch so loses Mundwerk. Dies kostete ihm sogar seine Karriere in der Nationalelf.

Gelangweilt und frustriert über sein Dasein als Nummer 2 im Kader der deutschen Mannschaft 1986 bei der WM in Mexiko, versuchte Stein, wenn er es schon nicht auf dem Platz machen dufte, zumindest am Mittagstisch für Aufsehen zu sorgen. Allerdings verbrühte er sich dabei so dermaßen seine Zunge, dass seine Karriere in der Nationalelf nach nur sechs mickrigen Einsätzen ein jähes Ende fand. So betitelte er seinen Team-Chef Franz Beckenbauer, in Anlehnung an die etwas ungeschickte schauspielerische Darbietung des »Kaisers« im Knorr-Werbespot der 60er-Jahre als »Suppenkasper« und wurde daraufhin prompt von DFB-Chef Hermann Neuberger vorzeitig gen Heimat geschickt.

Harald »Toni« Schumacher

Während Uli Stein 1986 bei der Weltmeisterschaft frühzeitig seine Koffer packen musste, lachte sich sein größter Konkurrent Toni Schumacher dicke ins Fäustchen. Dieser hatte es ohnehin schon lange satt, dass Stein ständig an seinem Trikot mit der Rückennummer 1 herumzupfte. So kam es ihm natürlich sehr gelegen, dass sich sein hartnäckiger Widersacher im deutschen Nationalkader von ganz alleine ins Abseits bugsierte.

Doch nur ein Jahre später, ereilte Schumacher ein ähnliches Schicksal. So wie sich damals Stein mit seiner ehrlichen Meinung über Beckenbauers laienhaften Werbespot-Auftritt das Ende in der Nationalelf einbrockte, musste auch der zweite exzentrische, deutsche Torhüter feststellen, dass die angebliche Wahrheit lieber nicht ausgesprochen werden sollte.

Doch Schumacher war schon immer jemand, der kein Blatt vor den Mund nahm. So auch bei der Weltmeisterschaft 1982. Nach seinem rüpelhaften Einsteigen gegen den französischen Angreifer Patrick Battiston, der bei diesem Zusammenprall zwei Zähne verlor und sich einen Wirbelbruch zuzog, bot der Keeper nur spöttisch an, für die Jacketkronen aufzukommen. Von Reue keine Spur. Obwohl viele Experten Schumacher zu jeder Zeit als den momentan weltbesten Torhüter auserkoren hatten, durfte sich der exzellente »Handschuh-Träger« aufgrund solcher unverschämten Äußerungen keiner großen Beliebtheit erfreuen.

Als der frühere Kölner Schlussmann sich zum ersten Mal als Schreiberling versuchte und das Buch »Anpfiff« 1987 auf den Markt brachte, offenbarte der Flegel nicht nur eigene Versuche mit Aufputschmitteln, sondern stellte das Doping in der Bundesliga als etwas alltägliches hin. Für den Europameister von 1980 bedeuteten diese schwer nachweisbaren Vorwürfe den sofortigen Ausschluss aus dem Bundesliga-Kader des 1.FC Kölns und der Nationalmannschaft, für alle weiteren Bundesliga-Spieler nur wenige Zeit später das beschämende regelmäßige »Wasser lassen« vor den Augen eines prüfenden Doping-Kontrolleurs.

Sigmund „Siggi“ Haringer

Der erste deutsche Nationalspieler, der während einer Weltmeisterschaft nach Hause geschickt wurde, war 1934 Siggi Haringer. Dieser nahm jedoch nicht etwa seinen Mund mit unbedachten Worten zu voll, sondern mit einer saftigen Apfelsine. Denn nachdem der ehemalige Reichstrainer Otto Nerz seinen Spieler kurz vor Anpfiff auf dem Bahnsteig genüsslich in die verführerische Zitrusfrucht hinein beißen sah, verdarb er seinem Schützling kurzer Hand mit dem Rausschmiss aus der Nationalelf den Appetit.

Eric Cantona

Jeder erinnert sich an Eric Cantonas brutale Attacke gegen einen provozierenden Fan im Ligaspiel 1995 bei Crystal Palace, als der des Feldes verwiesene ManU-Spieler blitzartig auf dem Weg in die Kabine über die Werbebande schnellte und den pöbelnden Anhänger mit einem Tritt barbarisch niederstreckte. Dabei war das »Enfant terrible« doch vielmehr ein Balletttänzer, als ein Kung Fu-Kämpfer – auch wenn seine ständigen Wutausbrüche und teils brutalen Aktionen auf manchen Betrachter möglicherweise einen anderen Eindruck machten.

Doch wann immer der Franzose den Ball an seinem Fuß führte und dabei , ähnlich wie bei einem »Grand jeté«, die Arme und Beine von sich streckte und geschmeidig durch die Lüfte zu gleiten schien, versprühte er eine so unheimliche Leichtigkeit, wie sie eigentlich nur eine klassische Tänzerinnen im Tutu zu zeigen vermochte.

Trotzdem wurde Cantona nie der Primoballerino, der wichtigste Ball-Tänzer des Nationalmannschaftsensembles. Denn wegen seiner schwierigen Beziehungen zu dem französischen Fußballverband und seinen permanenten Ausrastern kam er nie über 43 Länderspiele hinaus. Dafür aber genoss der »geniale Wahnsinnige« auf der anderen Seite des Ärmelkanals Kultstatus. Trotz seines mehrfach disziplinlosen Verhaltens verehrte manch englischer Fußballfan den Stürmer mit hochgeklappten Trikotkragen, wie es sonst nur die allerseits geschätzte Queen verspüren durfte. Nachdem der Exzentriker mit Leeds United 1992 die First Division triumphierte und mit Manchester United die Jahre darauf vier Meistertitel in der Premier League gewann, verlief seine Profi-Karriere zusehends im Sande. So zog sich der zweimalige englische Spieler des Jahres 1997 vollständig vom Fußball zurück und zeigt heute, als gesetzter Mann, nur noch auf Beachsoccer-Turnieren an der Copacabana seine stets gewandten Ball-Pirouetten.

Fernando Redondo


Trotz seines dämonischen Temperaments hoben die ManU-Anhänger Eric Cantona stets gerne in den Himmel. Madrids defensiven Mittelfeldspieler Fernando Redondo hätten sie nach dem Champions League-Viertelfinale im Jahr 2000 jedoch am liebsten zum Teufel gejagt. Schließlich war es der Argentinier, der mit seinem listigen Hackentrick durch die Hosenträger des damaligen ManU-Verteidigers Henning Berg den 3:2-Führungstreffer für Real vorbereitete und somit auch für Manchesters Aus verantwortlich war. Als »The backheel of Old Trafford« ging diese Show-Einlage in die Vereins-Memoiren der Reds´ ein. Madrid siegte später auch im Finale, und Redondo wurde zum besten Spieler der Champions League-Saison gekürt.

Über solche Erfolge konnte sich der Südamerikaner in der Nationalmannschaft allerdings weniger erfreuen. Trotz seines Talents absolvierte Redondo nur insgesamt 29 Länderspiele. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 sollte das begabte Bürschchen erstmals bei einem großen internationalen Turnier teilnehmen. Da der damals noch fleißige Student sich angeblich keine Fehlzeiten in der Uni erlauben wollte, sagte er jedoch kurzfristig ab. Doch man munkelte auch, dass nicht etwa die studentischen Pflichten, sondern die unterschiedlichen taktischen Vorstellungen des Trainers und des defensiven Mittelfeldmannes, der Grund für Redondos Verbleib in der Heimat war.

Auch vor der WM 1998 hieß es offiziell, dass »El Principe« mit seiner zugedachten Rolle auf der linken Außenbahn nicht einverstanden gewesen sein soll, er diese mehr im defensiven Mittelfeld sah und deswegen das Mannschaftsquartier noch vor Beginn des Turniers verlassen hatte. Gerüchten zu Folge war es jedoch Redondos lange Mähne gewesen, die Trainer Daniel Passarella an seinem Schützling anscheinend so sehr störte, dass er diesen kurzerhand aus dem Kader warf.

Bernd Schuster

Mit semmelblondem Haar und eleganter Ballbehandlung machte der junge Bernd Schuster erstmals bei der Europameisterschaft 1980 in Italien international auf sich aufmerksam.

Als 20-jähriger Lümmel mit Bubi-Pottschnitt wirkte er zwar harmlos, doch hinter dem »blonden Engel«-Image versteckte sich ein freches, unberechenbares Schlitzohr, das sowohl auf, als auch neben dem Platz für ungeheuren Wirbel sorgte.

Obwohl der gebürtige Augsburger noch sichtlich grün hinter den Ohren war, führte dieser mit den Stars Rummenigge und Hrubesch, als gewitzter Mittelfeldstratege die deutsche Nationalmannschaft 1980 zum Europameisterschaft-Triumph. Mit seiner intelligenten und schlagkräftigen Spielweise verzückte der Regisseur Deutschland und Europa und wurde am Ende des Turniers gar zum besten Spieler der EM ausgezeichnet.

In bester »Michel aus Lönneberga-Manier«, spielte Schuster den Gegenspielern, sei es mit pfiffigen Pässen oder raffinierten Finten, gerne einen Streich. Doch wer glaubte, Schuster würde nur auf dem grünen Rasen solch bengelhaftes Verhalten an den Tag legen, der sah sich getäuscht. Denn auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es zu Trainern oder Teamkollegen, verhielt er sich stets widerspenstig und gar nicht einem Engel entsprechend. Der exzentrische Spielmacher war allzeit auf Konfrontation aus und ließ so manchen Kragen ehemaliger Arbeitgeber platzen. Schon mit zarten 21 kehrte er nach einem Clinch mit dem 1.FC Köln Deutschland den Rücken und wechselte zum spanischen Weltklub FC Barcelona, wo er mit Kusshand empfangen wurde. In Spanien verehrte man ihn, sei es wegen seiner brillanten Spielweise, des aufbrausenden, ehrlichen Gemüts, oder seiner gold-blonden Haarfarbe, die schließlich in der Antike als die der Götter und Herrscher betrachtet wurde. Während Schuster sich so in den nächsten 13 Jahren in die Herzen der stolzen Spanier dribbelte, verschmähte man das Genie mit Schnauzer in Deutschland immer mehr. Nachdem sich der Legionär auch noch mit Bundestrainer Jupp Derwall verkrachte, weil dieser Schuster wohl nicht die nötige Beachtung schenkte, beendete einer der talentiertesten deutschen Spieler nach nur 21 Länderspielen seine Nationalmannschafts-Karriere. Auch ein stattliches Antrittsgeld zur WM ’86, über das seine Gattin und Managerin Gaby Schuster vorher verhandelt hatte, konnte den Mittelfeldstrategen letztlich doch nicht mehr zu einem Comeback im schwarz-weißen Trikot bewegen.

Auch als Schuster nach 13 Jahren von Siesta und serrano Schinken genug hatte und zurück in die Bundesliga zu Bayer 04 Leverkusen wechselte, wurde man das Gefühl nicht los, dass er in deutschen Gefilden immer noch als der gefallene Engel angesehen wurde, der seinem Land in jungen Jahren abtrünnig geworden war und nie wirklich zurückkehren wollte.

Horst Buhtz

Während Bernd Schuster schon früh auf den DFB pfiff und sich auf dem schnellsten Wege aus Deutschland verkrümelte, verblieb Horst Buhtz in den 50er-Jahren, trotz eines verlockenden Angebots des großen FC Barcelona zunächst im beschaulichen Mühlheim, um seine Nationalmannschafts-Ambitionen nicht gleich begraben zu müssen. Schließlich wurde man früher als Legionär gerne mal vom Bundestrainer vergessen. Doch obgleich seiner Treue zur geliebten Heimat, blieb ihm sein großer Traum einmal neben Fritz Walter stürmen zu dürfen verwehrt.

Als schließlich die Angebote aus Mailand und Turin durch die Tür
flatterten, wurde nun auch der Angreifer endlich flügge und unterschrieb einen Vertrag beim AC Turin. Vor Horst Buhtz hatte sich bisher nur Ludwig Janda, der 1949 von 1860 München zu AC Florenz gewechselt war, ins Ausland gewagt. In der Serie A avancierte er zu einem Weltklasse-Stürmer, der nicht nur wegen seines neuen schmucken Cabriolets mit roten Ledersitzen, sich auf der Überholspur befand. Doch all die Schlagzeilen der deutschen Journale, wie »Zauberer auf der linken Seite«, oder »Buhtz in die Nationalmannschaft« übersah Bundestrainer Sepp Herberger rigoros. In Italien erzielte »Il Tedesco« pro Saison durchschnittlich 20 Treffer – in der deutschen Nationalmannschaft bekam der ehemalige Kriegsgefangene nicht einmal die Chance, in aussichtsreicher Position in Lauerstellung zu gehen.

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