Ein Plädoyer für das Stadionbier

Oder ich fall um!

Das Biertrinken im Stadion hatte schon mal einen besseren Leumund. In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe hält Philipp Köster eine ganz persönliche Verteidigungsrede für den Gerstensaft auf den Stehterassen. Lest hier den ersten Teil des Textes.

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Meine alkoholischen Grenzen wurden mir exakt am 17. April 1995 aufgezeigt. Mein Heimatverein Arminia Bielefeld bestritt in der Regionalliga ein Auswärtsspiel beim FSV Salmrohr und die Busfahrt hatte sich derart in die Länge gezogen, dass die komplette Besatzung schon bei der Ankunft im Salmtal streng genommen in die Ausnüchterungszelle des örtlichen Polizeireviers gehört hätte. Stattdessen wankte der volltrunkene Haufen desorientiert ins Stadion. Das dort ausgeschenkte Vollbier wurde durch den strömenden Regen nur unwesentlich verdünnt. Das Spiel nahmen wir allenfalls noch verschwommen wahr. Nach dem Schlusspfiff und einem 2:1-Sieg sprang ich ebenso euphorisch wie alkoholisiert mit anderen Arminia-Fans an den Zaun und rüttelte kräftig daran. Weder bemerkte ich, dass die nachlässig verschraubten Einzelteile des Zauns alsbald nachgaben, noch, dass langsam ein Polizeiwagen auf der Tartanbahn vorbeifuhr und beweiskräftige Bilder von uns schoss. Die bekam ich dann zwei Monate später zu sehen. Wir fuhren gerade im Sonderzug nach Meppen, als sich zwei Zivilpolizisten ins Abteil drängelten. Sie präsentierten Abzüge, auf denen ich recht gut zu erkennen war, und baten um meinen Ausweis, zwecks Vorladung als Beschuldigter. Zwei Dinge begriff ich schlagartig. Erstens, dass ich meine Freunde im Abteil nicht als Entlastungszeugen würde aufbieten können, die skandierten nämlich mit diebischer Freude: »Der ist der Schlimmste von uns allen!« Und: »Das ist der Chef der RAF!« Zweitens, dass ich in Zukunft im Stadion nicht mehr so viel trinken würde.

Was sich einfacher anhörte, als es ist. Denn Bierkonsum und Stadionbesuch gehören so sehr zusammen wie Wind und Wetter, Sonne und Mond, HSV und Chaos. Wollte man einen perfekten Moment im Stadion beschreiben, so wäre das ein Freitagabend im Frühling, ein ordentlich gefülltes Stadion, von gleißendem Flutlicht erhellt, ein kurz vor Schluss hart erkämpftes 3:2 – und ein Becher Bier in der Hand.

Der biertrinke Fußballfan ist in Verruf geraten

Dabei kann die segensreiche Wirkung von Bier im Stadion gar nicht oft genug gerühmt werden. Es ist so herrlich multifunktional. Es beruhigt unsere Nerven, wenn die eigene Mannschaft an simplen Querpässen scheitert. Es versetzt uns in haltlose Euphorie, wenn plötzlich sogar Diagonalpässe gespielt werden. Es gibt uns Gelegenheit, den klugscheißenden Kollegen nebenan für ein paar Minuten loszuwerden, indem man ihm mit großzügiger Geste einen Schein in die Jackentasche steckt und zum Bierholen schickt, wohl wissend, dass die Wartezeit an der Getränketheke der an einer Ikea-Kasse am Samstagvormittag ähnelt. Es verhindert, dass wir bei peinlichen Schalparaden mitmachen, weil man dafür zwei freie Hände braucht. Es lässt uns schließlich bei Toren wildfremde Menschen umarmen, obwohl uns deren stechender Bieratem beinahe bewusstlos werden lässt. Und das sage ich als kontaktscheuer Ostwestfale, dessen größtes zwischenmenschliches Vergnügen es ist, fragende Autofahrer wissentlich in die falsche Richtung zu schicken.

Man muss das so deutlich sagen, denn der biertrinkende Fußballfan ist seit geraumer Zeit in Verruf geraten. Er gilt als Relikt vergangener Zeiten, als vorwiegend Proletarier zum Fußball gingen und Bierschaum noch im Schnauz hängen blieb. Heute wird er gerne für Platzstürme und Busblockaden verantwortlich gemacht und findet öffentlich nur noch statt, wenn die übertragenden TV-Sender partout keine winkende Oma oder neckisch herausgeputzten Kinder für ihre Pausenbilder gefunden haben und notgedrungen einen im Alkoholrausch auf dem Schalensitz eingenickten Anhänger einblenden müssen.

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