Ein Ortsbesuch bei Hertha BSC und Otto Rehhagel

Mittendrin und außen vor

König Otto lud am Mittwoch zum öffentlichen Training und alle waren sie da: Journalisten, Fans und unverwüstliche Kiebitze. Sie bekamen: Verschlossene Tore, sehr viel Schneematsch und einen lachenden Otto Rehhagel. Ein Ortsbesuch bei Hertha BSC und Otto Rehhagel

Berlin-Charlottenburg, 9.30 Uhr: »Na, wegen Otto, natürlich!« Der Hertha-Kiebitz kann die Frage seines präpubertären Anhangs kaum fassen: »Otto wer?«, entgegnet der Junge reichlich unüberlegt und muss in Deckung gehen, als der Alte zur Erklärung ausholt: »Na, der Rehhagel, Junge. König Otto is dit. Einer von den ganz großen, den musste doch kennen!« Die anderen Besucher wissen genau, warum sie gekommen sind: »Ich will einfach mal ein Foto von ihm in unserem Trainingsanzug. Gestern konnte man ja kaum was sehen«, meckert ein älterer Herr im blau-weißen Schal und poliert schon einmal vorsorglich die Linse seiner Digitalkamera.

Gestern, da drohte Berlin in einem sibirischen Schneesturm zu versinken, heute warten die Besucher mit scharrenden Hufen unter strahlendem Sonnenschein auf den Trainingsbeginn. Dabei ist Geduld gefragt: »Vor zehn Uhr kommt hier keiner rein«, bellt ein Mann mit grauem Schnäuzer und zu großer Bomberjacke. Als sich die Schranke doch noch öffnet, pilgern die 150 Fans, Kiebitze und Journalisten mit zehn minütiger Verspätung Richtung Platz, die Mannschaft ist schon beim Warmmachen. Es ist das letzte öffentliche Training vor dem Spiel in Augsburg.

Otto Rehhagel: Mittendrin und außen vor

Mittendrin und trotzdem außen vor steht Otto Rehhagel, der während des Trainings mit hinter dem Rücken verschränkten Armen und gesenktem Kopf über den Platz schreitet. Seine Truppe dreht ihre Runden, seine Assistenten bereiten die Übungen vor. Aus dem weißen Schnee vom Vortag ist ein grauer Matsch geworden, der das Trainingsgelände am Olympiastadion verziert. Bundesliga-Tristesse royal.

Die Zuschauer am Spielfeldrand scheint das wenig zu stören: »Wer auch immer dafür verantwortlich ist, dass Otto zu uns gekommen ist, man möchte ihm die Füße dafür küssen« schwärmt ein Rentner, seine roten Backen strahlen vor Glück. Im Schatten der kargen Bäume ist es am Spielfeldrand noch kälter als auf dem Platz, die Kiebitze vergraben ihre Hände tief in ihren Winterjacken, andere haben sich Thermoskannen mit Tee mitgebracht.

Auf die Euphoriebremse treten: verboten

Wer aus dem eigenen Lager auf die Euphoriebremse tritt, hat gleich verloren. Als Rehhagel das erste Mal in Bewegung kommt und ein paar Bälle aus dem Tor holt, sagt ein junger Familienvater im schwarzen Mantel: »Ach so, deswegen haben Sie den also geholt.« Den Witz quittieren die restlichen Zuschauer mit strafenden Blicken. Otto ist unantastbar.

Der Rest ist viel Lärm um nichts. Der vereinseigene Internetsender dreht ein Video mit einem Kleinkind im Hertha-Strampler, das beherzt gegen einen Ball tritt. Die Kiebitze haben nach zehn Minuten bereits andere Gesprächsthemen (»Dieser de Carmago gehört auf Lebzeiten gesperrt!«) und mehrere Trupps von Fotografen packen nach einer knappen Stunde ihre Riesen-Objektive ein.

Berlin hat wieder einen König

Erst kurz vor Ende kommt noch einmal so etwas wie Begeisterung hinter die Seitenauslinie. Co-Trainer René Tretschock hat einen Witz gemacht. Der lange Pierre-Michel Lasogga und Neuzugang Felix Bastians prusten um die Wette, der etwas abseits stehende Raffael blickt verständnislos seinen Bruder Ronny an.

In diesem Moment blickt Tretschock zu seinem Chef, der rund zehn Meter von der Mannschaft entfernt steht und da passiert es: Auch Otto Rehhagel muss herzhaft lachen.  Dann vergräbt er wieder seine Hände in der Daunenjacke und schreitet alleine über den Platz. Rom hatte 1990 den Kaiser, Berlin hat 2012 wieder einen König.

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