13.06.2012

Ein Mann zwischen den Welten

Ibrahim, der Berber

Ibrahim Afellay wird beim FC Barcelona kaum eingesetzt. Wenn er bei dieser EM mit der niederländischen Nationalmannschaft antritt, jubelt ihm dennoch ein ganzes Viertel aus katalanischen Stadt zu. Auch in Nordafrika wollen ihn die Menschen jubeln sehen. Afellay stammt aus Marokko und vertritt in Polen und der Ukraine die Farben einer ganzen Volksgruppe.

Text:
Edwin Winkels
Bild:
Imago

In den kleinen Straßen von Raval ist das Leben eine Mischung aus Islamabad, Dhaka, Manila und Rabat. Aus Pakistan und Bangladesch kommen die Leute hier her, ebenso von den Philippinen oder aus Marokko, doch westeuropäische Standards suchen sie vergebens. Raval liegt in Barcelona und hat mit 49,2 Prozent die höchste Immigrationsrate aller Viertel der Stadt. Während in Sichtweite Museen, Kinos oder Luxushotels aus dem Boden schießen, fehlen in Raval in den vielen Wohnblöcken sanitäre Anlagen. Einige Straßen gelten nachts als Hort für Prostituierte und junge Kriminelle, während tagsüber das asiatische Flair die Probleme übertüncht. Kein Viertel, in dem sich ein Spieler des FC Barcelona niederlässt. Und doch warten sie hier alle sehnsüchtig darauf, dass sich Ibrahim Afellay, der seit Januar 2011 bei den Katalanen spielt, einmal blicken lässt. Rachid Ahmidouch besitzt in Raval in der Carrer de la Lluna (Mondstraße) eine Teestube, er würde Afellay nur zu gerne einmal bedienen. Bisher ist er nicht gekommen.

Afellay ist Niederländer. Das unterscheidet ihn zum Marokkaner Rachid. Dessen Laden heißt Medina Azahara, zu deutsche »Die brilliante Stadt«. Ein Stück Marokko inmitten Barcelonas. Mehr noch sogar. Es ist eine Hommage an das riesige Territorium der Berber, einer Volksgruppe, deren Population sich im Westen Nordafrikas über mehrere Länder streckt, die sich durch die Nutzung einer Berbersprache definiert. Und hier fängt die Gemeinsamkeit an, wird offensichtlich, weswegen Afellay von Rachid, von Raval, ja vom Westen Nordafrikas Bewunderung entgegenschlägt. Der 26-Jährige ist Berber. Doch kein gewöhnlicher Berber. Er ist der erste aus seiner Volksgruppe, der jemals für den FC Barcelona gespielt hat, einen Verein, der in seiner langem Bestehen schon Spieler verschiedenster Nationalitäten aufgenommen hat.

Afellay feiert mit den Farben der Berber

Afellay wurde in Utrecht geboren, im Zentrum der Niederlande. Seine Eltern stammen aus Al-Hoceima, einer Küstenstadt aus dem Norden Marokkos. Dass er diese Wurzeln niemals vergessen hat, stellt Afellay unter Beweis, wann immer er kann. Als er 2007 zum größten Talent der Eredivisie gewählt wurde, durfte er entscheiden, wo die Johan-Cruyff-Stiftung einen neuen Fußballplatz bauen soll. Er wählte Al-Hoceima, die Heimatstadt seiner Eltern. Sein Vater hatte diese in den Sechzigern verlassen, um in Barcelona Boxer zu werden. Später zog Afellay senior in die Niederlande. Als Barcelona 2011 die Champions League gewann, zeigte er dennoch weder ein holländische noch eine marokkanische Fahne. Er präsentierte die Farben der Berber. Dass er sich für die niederländische Nationalmannschaft entschieden hat, steht dem nicht im Weg. »Ich bin in Holland geboren, habe dort meine Bildung genossen. Es gab für mich keinerlei Zweifel, für Holland spielen zu wollen«, so Afellay. Rachid kann dies verstehen. »Es war dennoch so wichtig für uns zu sehen, dass ein Barcelona-Spieler seine Wurzeln, seine Kultur und seine Identität nicht vergessen hat«, sagt der Teeladenbesitzer.

In der vergangenen Saison hatte Afellay seinen Kopf nicht frei genug für einen Besuch in Raval. Zeit genug wäre da gewesen, denn auf dem Platz war er kaum gefordert. Doch genau deshalb war für ihn ein Ausflug undenkbar. Afellay litt an einer Knieverletzung, die er sich im September zugezogen hatte. Ein Schlag, der ihn in Barcelona um Welten zurückwarf und an dem er zu knabbern hatte. Das zeigte er auch nach außen. Afellay kapselte sich ab, wollte mit niemandem mehr reden, der nicht zu seiner Familie, seinen engsten Freunden oder zum FC Barcelona gehörte. Dass seine Heilung reibungslos verlief, machte die Sache nur bedingt besser. Von den Ärzten wurde er vor ein paar Wochen zwar als einsatzfähig zurück ins Training geschickt. Für Barca-Trainer Pep Guardiola stellte jedoch keine ernstzunehmende Alternative dar. In den Schlüsselspielen gegen den FC Chelsea und Real Madrid blieb er außen vor.

In einer Reihe mit Cruyff, Koeman und Kluivert

Die schwierige Saison abzuhaken, die fehlende Spielpraxis aus der Welt zu schaffen, Selbstvertrauen zu tanken – dabei kann Afellay ein Mann helfen: Bert van Marwijk. Und der niederländische Nationaltrainer greift dem Rekonvaleszenten gerne unter die Arme. Dass Afellay in dieser Saison nur wenige Minuten auf dem Platz stand, interessiert van Marwijk herzlich wenig. Der 26-Jährige ist bei ihm mehr als ein Auswechselspieler deluxe, wächst vielmehr zum Führungsspieler heran. »Ich werde meinen Platz im Nationalteam finden«, sagte er bereits vor seiner Verletzung mit großem Selbstvertrauen. Dass er es mit den Landsleuten Johan Cruyff, Ronald Koeman und Patrick Kluivert, die allesamt in Barcelona gespielt haben, in eine Kategorie geschafft hat, verstärkt diese Haltung noch weiter. »Das sind alles Spieler mit einer großen Geschichte im niederländischen Fußball. Ich freue mich, dass ich ihnen an die Spitze gefolgt bin.«

Nach den langen Monaten im Wartestand muss er sich an seine wichtige Rolle trotzdem erst wieder gewöhnen. In Eindhoven stellte er einst unter Beweis, dass er eine Mannschaft führen kann.  Beim PSV – dort spielte er von 2004 bis 2010 in der ersten Liga – trug er die Kapitänsbinde. Ein Leader war er jedoch nur auf dem Platz. Sobald der Schiedsrichter das Spiel beendet, ist Afellay kein Lautsprecher mehr. Dann wirkt er scheu, gerade im Umgang mit Fernsehkameras und Journalisten.

Gerade deshalb zweifelten in den Niederlanden von Anfang an viele daran, dass er sich in einem Team durchsetzen kann, in dem Messi, Iniesta Xavi und Villa im Rampenlicht stehen. Als Barcelona im vergangenen Sommer auch noch Fabregas verpflichtete, wurde die Kritik noch lauter. Afellay das jedoch nicht ernst. »Ich bin bereit, diesen Schritt zu gehen«, sagte er bei seiner Ankunft. »Barcelona hatte 100 Millionen zur Verfügung, um neue Spieler zu holen. Dass sie mich ausgewählt haben, ist doch ein gutes Zeichen.« Für Afellay musste Barcelona gerade einmal knapp drei Millionen Euro auf den Tisch legen. Die Entscheidung, zum spielerisch besten Team der Welt zu wechseln, hat er bis heute nicht bereut. »Auch wenn ich nicht so viel spiele, wachse ich als Spieler weiter. Jeden Tag mit Jungs wie Messi, Xavi und Iniesta zu trainieren bringt dich automatisch voran. Ich habe mich in den ersten Monaten in Barcelona sehr verbessert.«

180000 niederländische Marokkaner feiern ihn

 
 
 
 
 
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