Ein komischer Vogel: Topscorer Thomas Müller

Das Rätsel

Vier Tore, drei Vorlagen – Thomas Müller ist aktuell der wertvollste Spieler der Bundesliga. Und niemand weiß, warum. Selbst Müller kann Müller nicht erklären. Eigentlich ist das doch ganz gut so, findet Alex Raack.

In Zeiten wo jeder Laufweg des frisch zugekauften Zweitliga-Reservisten zur Toilette via Satellit berechnet und anschließend im Hundertstelsekunden-Takt ausgewertet werden kann, wo also der  Fußball so gläsern und so erklärbar scheint, ist dieser Mann ein Phänomen: Für Thomas Müller vom FC Bayern gelten die Gesetze der Moderne nicht. Müller ist der letzte deutsche Fußballer der alten Schule. Er sieht nicht aus wie ein Profi, er bewegt sich nicht wie ein Profi, manchmal gibt er noch nicht mal Interviews wie ein Profi – und trotzdem führt er nach vier Spieltagen die Scorerliste der Bundesliga mit vier Toren und drei Torvorlagen an. Wie soll man den Erfolg dieses Mannes nur erklären? Es macht die Sache nicht leichter, dass nicht einmal Müller selbst weiß, in welche Schublade man Müller stecken kann. Der Münchener »tz« hat er 2010, während der für ihn so glorreichen WM, erzählt: »Man findet keinen Spieler, der ähnlich komisch spielt wie ich.«

Ballannahme mit der Eleganz einer Betonmauer

Am Wochenende, beim Auswärtsspiel der Bayern auf Schalke, hat man diesen so wunderlichen Spielstil wieder in voller Blüte erleben dürfen. Müller stakste über das Spielfeld, als habe er den Stammplatz für dieses Prestige-Duell bei der Tombola des Hauptsponsors gewonnen. Spielten ihm die Kollegen Pässe zu, trat Müller am Ball vorbei oder versuchte das Spielgerät mit der Eleganz einer Betonmauer zu stoppen. Es war in der Tat: komisch. Aber irgendwie auch tragisch. Wer am Samstag bis zur 55. Minute das erste Müller-Spiel seines Lebens sah, der wird sich gefragt haben, was diesen übereifrigen Hungerhaken mit den Streichholzbeinchen in Gottes Namen dazu qualifizierte, bei diesem Spiel auf dem Rasen zu stehen, statt im Oberrang zu sitzen. Müller wäre ja nicht Müller, wenn er das nicht selbst bemerkt hätte. So trompetete er nach dem Spiel munter in die Mikrophone, dass man da »auch in der Kreisklasse mit mir geschimpft« hätte. Doch die Mitspieler, der Trainer und selbst die Kreisklassen-Spieler auf der Tribüne hielten sich mit den Schimpfkanonaden zurück. Sie kennen ihren Müller ja. Überhaupt haben sie reichlich Müller-Erfahrung. Der große, der legendäre Gerd, war früher 89 Minuten nicht zu sehen und schoss dann doch den 2:1-Siegtreffer. Und der kleine, der immerhin schon ein bisschen legendäre Thomas, spielt 55 Minuten wie ein Tombola-Gewinner und ist dann plötzlich: Weltklasse.

Am Samstag benötigte Müller exakt drei Minuten, um die Partie gegen den FC Schalke zu Gunsten der Bayern zu entscheiden. Erst hauchte er den Ball so gefühlig in den Lauf von Toni Kroos, dass der Zeit und Raum für einen herrlichen Schlenzer hatte, dann schoss Müller ein Tor, das so raffiniert nur von den besten Fußballern der Welt erzielt werden kann. Tunnel gegen Christian Fuchs, Linksverteidiger der österreichischen Nationalmannschaft, Außenrist-Pike-Schlenzer-Drücker gegen Lars Unnerstall, Nachfolger von Manuel Neuer. Wunderschön. Unerklärlich. Einer der komischen Thomas-Müller-Momente.

Müller ist einer »bei dem es auch dann läuft, wenn es nicht läuft«

»Der 23 Jahre alte Offensivspieler«, hat sich die »FAZ« an einer Müller-Deutung versucht, »weiß nicht immer, warum er wohin rennt oder warum er wie schießt«. Das ist so nun auch wieder nicht richtig. Thomas Müller weiß ganz genau, was er will. Er ist ja nicht grundlos Angestellter beim FC Bayern. Im Gegenteil: Vielleicht weiß Müller einfach viel zu viel, dann überfordert der Geist den Körper, die Streichholzbeinchen veheddern sich in der guten Idee, die Füße vermasseln die Ballannahme, weil der Kopf schon beim Torabschluss ist. Näher kommt dem Müllerschen Spiel dann schon die Interpretation der »Süddeutschen Zeitung«. Müllers Spiel könne alles gleichzeitig sein: »flüssig, zäh, gasförmig, bröckelhart.« Müller sei einer »bei dem es auch dann läuft, wenn es nicht läuft«.

Der Weisheit letzter Schluss ist allerdings auch das nicht. Bislang sind sämtliche Satelliten, sind alle Journalisten an einer vernünftigen Erklärung seiner Klasse gescheitert. Thomas Müller bleibt die Wundertüte der Bundesliga, ein Rätsel, ein Fußballer ohne dazugehörige Schublade. Irgendwie ein komischer Vogel.

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