13.04.2014

Ein Hoch auf das Pöbeln

»Mill, du Blinder!«

Seite 2/3: Alles Versager!
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Die Könige der Zunft sind jedoch ohnehin Allrounder, die es mit der UN-Menschenrechtscharta sehr ernst nehmen. Alle Menschen auf dem Spielfeld sind gleich, wenn es darum geht, eine stattliche Breitseite zu kassieren. Diese Generalisten erkennt man bereits in den Minuten vor dem Spiel daran, dass sie zum Warmmachen entrüstet einzelne Namen aus der Stadionzeitung vor sich hinschnaufen. Alles Versager, Zeckenzüchter und Triefaugen, die er nie und nimmer aufgestellt hätte. Nach dem Anpfiff konzentriert er sich dann erst einmal auf den Referee und nimmt bereits eine umstrittene Einwurfentscheidung auf Höhe der Mittellinie zum Anlass, das gesamte Gespann samt viertem Offiziellem und Schiedsrichterbeobachter  auf der Tribüne lautstark der Käuflichkeit, wahlweise der Niedertracht zu bezichtigen, um sich dann noch in den ersten fünf Minuten des Spiels den Gegner vorzuknöpfen. Meist greift er sich einen Spieler mit irgendeinem Handicap heraus. Läuft er ein wenig unrund, hat einen leichten Silberblick oder kommt vom Hamburger SV – das perfekte Kanonenfutter für unseren Pöbler.

Der Beobachter erkennt dabei schnell den Unterschied zwischen Rookies und Routiniers. Anfänger sind ungeduldig und unsouverän, trinken zuviel Alkohol und haben bereits Mitte der ersten Halbzeit ihr Pulver verschossen. Bei einem Bundesligaspiel zwischen Schalke und Duisburg stand ich mal neben einem MSV-Anhänger, der zunächst ein wahres Feuerwerk an ehrabschneidenden Bemerkungen abfeuerte, ab der 40. Minute jedoch arg abbaute und die komplette zweite Hälfte nur noch zu Tode erschöpft einen einzigen Satz repetierte: »Schweine seid ihr!« Ob er damit die Schalker, die Duisburger oder seinen Sachbearbeiter bei der Agentur für Arbeit meinte, wusste keiner. Die Umstehenden bekamen jedoch eine Ahnung von den schrecklichen Qualen der chinesischen Wasserfolter.

Das Objekt seines Hasses war Victor Agali

Echte Routiniers hingegen haben einen Matchplan. Mit Bedacht haben sie sich zuvor Standort und potentielle Angriffsobjekte ausgewählt und sind doch flexibel genug, auf aktuelle Ereignisse wie Fehlentscheidungen und Stockfehler zu reagieren. Dann warten sie auf den richtigen Moment, ihre Kernbotschaften zu platzieren. Sie wissen, dass noch die ausgefeilteste Gemeinheit untergeht, wenn zeitgleich nebenan der Capo der Gastmannschaft ins Megaphon blökt. Wenn sich hingegen gerade Stille über das Rund gesenkt hat, entfaltet  eine mit Wumms hinausgebrüllte Verbalinjurie eine erstaunliche Wirkung. Wobei der Pöbler nicht um die Anerkennung anderer Zuschauer bettelt. Nichts ist ihm peinlicher als jene Zeitgenossen, die irgendein austauschbares Schimpfwort in Richtung Rasen brüllen, um sich dann beifallheischend umzudrehen: »Na, wie war ich?« Nein, er ist ist ein einsamer Wolf, der nichts weniger braucht als den Applaus all jener, die nicht wie er auf der dunklen Seite des Spiels stehen. Aus purer Überzeugung, das richtige zu tun, gibt er stets alles. Von einem Anhänger der Münchner Löwen wird berichtet, dass er einmal im Derby gegen den FC Bayern das ganze Spiel durchschrie und pünktlich zur 90. Minute keinen Ton mehr herausbekam. Die Stimme war und blieb auch am nächsten Tag weg, dummerweise war dies auch der Tag seiner eigenen Hochzeit. Das Ja-Wort wurde mutmaßlich per Klopfzeichen übermittelt.

Die größte Angst ist jedoch stets die vor dummen Flüchtigkeitsfehlern. Nie darf die Konzentration nachlassen, der Teufel steckt oftmals im Detail. »Typisch Ossi!«, schrie ein Besucher der Bielefelder Haupttribüne während des Spiels gegen Hansa Rostock immer wieder wutentbrannt, nachdem ein Rostocker eine dreiste Schwalbe im Strafraum produziert hatte. »Typisch Ossi!« Bei den Banknachbarn sorgte das für große Heiterkeit. Das Objekt seines Hasses war Victor Agali.

Um die Pöbler zu diskreditieren, wird gerne ein Zusammenhang zwischen den Verbalinjurien auf den Rängen und anschließenden Hauereien auf den Vorplätzen konstruiert. Das ist aber dummes Gerede. Stadionpöbler fahren ihr ganz eigenes Rennen. Ihre erratischen Rundumschläge eignen sich nahezu nie zur gezielten Aufwiegelei. Außerdem wird bei dieser kruden Beweisführung gerne übersehen, dass Stadionpöbler ja mitnichten verbitterte Hausmeistertypen sind, die auch im richtigen Leben Glasscherben nach spielenden Kindern werfen. Stattdessen verwandeln sie sich mit dem Passieren der Stadiontore nach dem Spiel schnurstracks wieder in umgängliche Zeitgenossen, die angeregt über Theaterpremieren oder Sylturlaube parlieren und gerne auch mal den mitgeführten Nachwuchs vergnügt in die Seite puffen: »Na, wie hat‘s dir gefallen! Ich fand‘s einfach toll!«

 
 
 
 
 
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