Ein großer Kriminalfall des Fußballs

Die Entführung des Hexers

In der Saison 1980/81 wird Quini, der Mittelstürmer des FC Barcelona, aus dem Camp Nou entführt und 24 Tage gefangen gehalten. Nur sein junger Kollege Bernd Schuster zeigt Courage und droht Trainer Helenio Herrera mit Streik. Ein großer Kriminalfall des FußballsArchiv
Heft#111 02/2011
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Es war eigentlich ein ganz normaler Sonntagabend in der katalanischen Hauptstadt. Nach dem 6:0 gegen Hercules schien die Saison für den FC Barcelona ein gutes Ende zu nehmen. Quini, zweifacher Torschütze, hatte die Sporttasche geschultert, eilte auf den Spielerparkplatz, direkt neben dem Stadion. Der 31-Jährige war ausnahmsweise alleine aus der Kabine gekommen, wollte seine Frau am Flughafen abholen. Doch der Torjäger kam nie dort an. Drei Männer überwältigten ihn, als er in seinen PKW steigen wollte, verbanden ihm die Augen und stießen ihn in einen Lieferwagen.

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Sie verschleppten Quini ins über 250 Kilometer entfernte Saragossa. Immer wenn sie eine Mautstelle passierten, musste sich der Stürmer im Fußraum abducken. Es war der 1. März 1981, erst sechs Tage vorher hatte das Land miterleben müssen, wie ein Putschversuch des spanischen Militärs scheiterte. Menschenraub war, fünf Jahre nach Franco, zwar an der Tagesordnung, doch Entführungen ohne politischen Hintergrund gab es selten. Und dann traf es ausgerechnet Quini, einen der populärsten Spieler Spaniens. Schon 30 Mal hatte er das Nationaltrikot getragen, fünfmal war er Torschützenkönig gewesen. Sie nannten ihn »El Brujo«, den Hexer.

Das »neue Monstrum im spanischen Fußball«

Der FC Barcelona jener Tage war der Klub seines Präsidenten Josep Lluis Nunez. Der Bauunternehmer investierte astronomische Summen in ausländische Profis: Er hatte 1978 zunächst Hans Krankl gekauft, den österreichischen WM-Helden, ein Jahr später den Dänen Alan Simonsen, Europas Fußballer des Jahres, und im Sommer auch noch Bernd Schuster, die Entdeckung der EM. Zudem bot er wahnwitzige 20 Millionen D-Mark für den argentinischen Wunderknaben Diego Armando Maradona, zunächst vergeblich. Halbwegs adäquaten Ersatz besorgte er sich auf dem heimischen Markt. Nationallibero Alesanco und Torschützenkönig Quini verstärkten im Sommer 1980 das »neue Monstrum im spanischen Fußball«, wie die Madrider Zeitung »Ya« schrieb.

Sein kommunistischer Gegenspieler Ferran Arino, gescheiterter Präsidentenkandidat, sagte: »Nunez will aus Barca ein zweites Cosmos New York machen.« Doch Nunez konnte bei jeder Gelegenheit auf seine monetäre Bilanz verweisen. Binnen zweier Jahre hatte er Schulden von 18 Millionen Mark in ein Guthaben von elf Millionen verwandelt. Nur sportlich lief es bei Europas reichstem Klub zunächst eher mäßig: In der Hinrunde verlor Barca im Europapokal zu Hause 0:4 – gegen den 1. FC Köln. Nunez entließ Trainer Ladislao Kubala, zuvor elf Jahre Spaniens Nationaltrainer, und ersetzte ihn durch eine andere Trainerlegende, den Mailänder Helenio Herrera.

Während Nunez mit den Millionen um sich warf, plagten einen Elektriker und zwei Mechaniker finanzielle Sorgen. Gemeinsam verfielen sie auf die Idee einer Entführung. Dass die Geschichte eventuell eine Nummer zu groß sein könnte, ignorierten sie. Zunächst hatten sie auch nicht Quini überwältigen wollen, sondern einen der zugewanderten Millonarios. Später sollten sie aussagen: »Eigentlich wollten wir den Deutschen kidnappen, aber dann hörten wir, dass der einen komplizierten Charakter haben soll und kein Spanisch kann.« Die neuen Kameraden im neuen Land hatten Schuster mit verschränkten Armen empfangen.

Schuster: »Neben meinen Füßen habe ich auch noch ein Herz.«

Der 20-Jährige verdiente doppelt und dreifach so viel wie die einheimischen Spieler. Vor allem Spielmacher Asensi, führendes Mitglied der spanischen Spielergewerkschaft, machte aus seinem Widerstand gegen den Ausländer keinen Hehl. Quini wurde zu Schusters einzigem Freund, im Trainingslager teilten sie das Zimmer. Das war auch der Grund, warum sich Schuster nach der Entführung in sein Haus in den Bergen zurückzog, weitab der Großstadt gelegen. Er sagte: »Ich werde nicht spielen, neben meinen Füßen habe ich auch noch ein Herz. Ich will nur, dass Quini wieder zurückkommt.«

Davon beeindruckt stellten die Kameraden ihren latenten Futterneid zurück und erklärten sich solidarisch, ebenfalls zahlreiche Klubs. Der nächste Spieltag in Spanien drohte zu platzen, bis hinunter in die dritte Liga. Die lokale Presse lobte Schusters menschliche Courage. Nur sein Trainer Herrera war gegen den Streik. Atletico Madrid, der nächste Gegner, schien ihm angeschlagen, ein Auswärtssieg möglich. Atletico stand auf dem ersten Platz, Barcelona lag auf dem zweiten. Mit der spanischen Meisterschaft wollte Herrera seine Karriere krönen. Nachts klopfte es bei Schusters an der Tür. Zwei Mitarbeiter des Klubs waren eine halbe Stunde durch die Nacht gefahren, um den jungen Deutschen ins Trainingslager abzuführen.



Quini hätte in Gefangenschaft ein Tonband besprochen, auf dem er die Mannschaft aufforderte, unbedingt zu spielen. »Okay«, meinte Schuster, »ich will das Tonband hören. Wenn Quini wirklich gesagt hat, wir sollen spielen, komme ich sofort.« Die Herren fuhren also wieder hinunter nach Barcelona, holten die Kassette und standen lange nach Mitternacht vor Schusters modernem Villen-Kubus. Tatsächlich, es war Quinis Stimme. Am nächsten Tag fuhr Schuster mit seiner Mannschaft nach Madrid – und verlor 0:1. Nach dem Spiel kritisierte er seinen Trainer öffentlich, warf ihm »Unmenschlichkeit« vor. Die Mannschaft reagierte: Das Trikot mit der Nummer 9 blieb während der Zeit der Entführung unbesetzt; der Trainingsbetrieb wurde auf ein Minimum reduziert. Die Bilanz während Quinis Abwesenheit: fünf Niederlagen, ein Unentschieden.

Ein Elektriker war das Mastermind der Zufallsganoven

Statt wie gewohnt im gegnerischen Sechzehner verbrachte Quini seine Zeit in einer dunklen und feuchten Kellerwohnung, neun Quadratmeter groß. Die Entführer hatten nur eine Matratze und einen Nachttisch hineingestellt. In seinem Gefängnis verlor Quini das Gefühl für die Zeit. Er durfte keine Zeitung lesen und kein Radio hören. Das Einzige, was er zu essen bekam, waren Bocadillos. Die klammen Entführer hatten am Ende kaum noch Geld, um ihn zu versorgen. Fernando Martin, der Elektriker, war das Mastermind der Zufallsganoven. Er wurde bei der Geldübergabe in der Schweiz gefasst und verriet sofort den Unterschlupf.

Die ersten Sätze von Quini nach seiner Befreiung am 25. März 1981 waren: »Gebt mir ein Bocadillo, egal mit was, ich habe einen schrecklichen Hunger.« Zwei Kilo leichter, bleich und mit sprießendem Bart trat er vor die Kameras. Zurück in Barcelona, gegen 2.30 Uhr, wurde er trotz der nächtlichen Stunde von einer großen Menschenmenge empfangen. Und am Mittag trainierte er schon wieder, vor 40 000 Zuschauern. In Spanien war die Freude groß, auch darüber, dass Quini nicht freigekauft werden musste, sondern von der Polizei befreit wurde. Ein Jahr vor der WM im eigenen Land wäre das ein schlechtes Signal gewesen. Die Behörden berichteten: Noch nie zuvor seien so viele Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, sogar die Unterwelt habe sich an der Fahndung beteiligt.

Sie drohten Quini einen Zeh abzuschneiden

In den 24 Tagen, in denen Quini fehlte, verlor der FC Barcelona die Meisterschaft, am Ende fehlten vier Punkte. Schuster prägten die Ereignisse nachhaltig. Er engagierte fortan mehrere Leibwächter zum Schutz seiner Familie. Quini nutzte die Gerichtsverhandlung im Januar 1982 zu einer großen Geste. Obwohl er während der Entführung sogar darüber nachgedacht hatte, sich umzubringen, obwohl die Kidnapper seiner Frau gedroht hatten, ihr einen Zeh ihres Ehemanns zu schicken, sagte er vor Gericht: »Wenn es nach mir ginge – ich habe ihnen schon verziehen.«

Seine Entführer hatten ihm während der Gefangenschaft wiederholt versichert, dass sie ihn bewunderten und ihm nichts geschehen werde. Eine spanische Zeitung stellte anschließend fest: »Es war zum ersten Mal berechtigt, das Stockholm-Syndrom zu haben, denn die Entführer waren wirklich keine schlechten Menschen.«

Quini wurde am Ende der Saison trotz allem Torschützenkönig. Und der FC Barcelona gewann den spanischen Pokal, auch dank zweier Tore des Hexers. Das Bild der Freunde Quini und Schuster wurde anschließend zum meistgedruckten Foto Spaniens.

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