23.06.2013

Ein Experiment: Zwölf Stunden »Sky Austria«

»Ich vermisse Rollo Fuhrmann!«

Seite 2/4: Ich vermisse Rollo Fuhrmann
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11:32 Uhr 
Jetzt läuft Altach gegen Lustenau. Klingt wie ein Fall bei »Ehen vor Gericht« früher im ZDF. Und so ist auch die Stimmung in der sogenannten Cashpoint-Arena: frostig, ja geradezu frigide. Bis dass der Tod uns scheidet. Wie schrieb noch der österreichische Autor Wolf Haas: Komm, süßer Tod!

11:51 Uhr 
Doch er kommt nicht, der Süße. Überlege kurz, ob ich mir die Brause einfach spritzen und mich so selbst einschläfern sollte wie einen alten, gichtkranken Bernhardiner. Habe aber panische Angst, dass ich als Spieler von Austria Lustenau wiedergeboren werde. Also verbleibe ich in der Cashpoint-Arena, der Hölle auf Erden. Hell Austria, sozusagen.

11:55 Uhr 
Das Problem bei Filmen über Fußball wie etwa »Flucht oder Sieg« mit Sylvester Stallone ist ja, dass die allermeisten Schauspieler nicht im Entferntesten kicken können. Jeder Einwurf, jede Grätsche wirkt stümperhaft choreografiert. So auch hier, in der sogenannten Ersten Liga Österreichs. Mit dem Unterschied, dass die Akteure sich auch schauspielerisch auf dem Niveau einer kasachischen Telenovela bewegen.

12:02 Uhr 
1:0 steht es jetzt hier. Das Tor, das ich leider verpasst habe, weil ich an die Decke gestarrt habe, sei ein »besonderes Zuckerl« gewesen, flötet der Kommentator. Mir egal. Fuckerl off. Noch neun Stunden.

12:14 Uhr 
Diese Kulisse! So still wie ein Friedhof. Genauer gesagt: wie ein kleiner Friedhof. Es müsste sogar, wenn man konzentriert hinhört, möglich sein, das Geräusch des Kugelschreibers zu vernehmen, mit dem im angrenzenden Wohnhaus ein Greis seinen Lottoschein ausfüllt. Das erste Geisterspiel der Fußballgeschichte vor Publikum.

12:36 Uhr 
Endstand 2:0. Vermutlich für Altach. Ich höre Stimmen. Es sind die Stimmen nach dem Spiel. » G’winnen is geil«, sagt einer. »Schaun mer mal, wie sich des Ergebnis auf die Tabelle auswirkt«, ein anderer. Schaun mer lieber mal, wie sich des Experiment auf meine Seele auswirkt. Wir sehen: Sie schwebt in akuter Abstiegsgefahr.

14:01 Uhr 
Seltsam. Die Bilder in den Vorberichten sind die gleichen wie in Deutschland: wild herumgestikulierende Sportdirektoren, sich an der Stirn kratzende Spieler, in ihre Schals heulende Fans. Aber die Sprache ist eine vollkommen andere. Fühle mich, als wäre ich in eine »Derrick«-Episode geraten, die chinesisch synchronisiert wurde.

15:13 Uhr 
»Sky Austria« muss Zeit totschlagen, sendet nun Klassiker der Champions League. Anzahl der österreichischen Vereine, die in dem Beitrag vorkommen: null. Verspüre kurzzeitig so etwas Ähnliches wie Lebensfreude.

15:32 Uhr 
»Sag, warum ›Sky Austria‹ gerade dich besuchen soll«, befiehlt mir plötzlich Hans Krankl in einem Trailer. Sorry, Hansi: Aber ich sage ja auch nicht, warum der Zahnarzt gerade bei mir eine Wurzelspitzenresektion vornehmen soll.

15:40 Uhr 
Eine Tabelle wird eingeblendet, die sich liest wie die »Gelben Seiten«: SK Puntigamer Sturm Graz, SV Bauwelt Koch Mattersburg, Riegler & Zechmeister Pellets Wolfsberger AC. Offenbar nähern wir uns also der österreichischen Bundesliga – die in der alpenländischen Arithmetik der nullten Spielklasse entsprechen müsste.

15:45 Uhr
Heimo Pfeifenberger am Expertentresen! Allein der Name lässt mich lächeln, erstmals an diesem vermaledeiten Tag. Mein Gesicht knirscht dabei, als wäre ich Uschi Glas. Wenn jetzt auch Ferdinand Weinwurm von Rapid Wien auftaucht, reißt mir die Epidermis.

15:53 Uhr 
Ein ganz furchtbares Gefühl: Ich vermisse Rollo Fuhrmann.

16:00 Uhr 
Gleich beginnt die Partie SV Ried gegen Wiener Neustadt. Der Name des Stadions, ohne Scheiß: Keine-Sorgen-Arena. Das Schloss Sanssouci des Fußballs also. Würde mich nicht wundern, wenn der Schiedsrichter mit der Querflöte anpfeift.

 
 
 
 
 
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