»Ein echtes Wunder!« – Fortuna Köln zurück im Profifußball

Die Südstadt lebt

Für Fortuna Köln ging es gegen Bayern II mal wieder um alles. Hinterher heulen Präsident und Fans vor Freude Rotz und Wasser – und die Spieler feiern den Aufstieg in die Dritte Liga.

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Die Hoffnung der Männer aus Köln ist längst der Trauer gewichen, als im Grünwalder Stadion die vierte Minute der Nachspielzeit läuft. Im Relegations-Rückspiel um den Aufstieg in die Dritte Liga liegt der SC Fortuna bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern mit 0:2 hinten, in der 87. Minute haben die Gäste den zweiten Gegentreffer kassiert. Der 1:0-Heimsieg aus dem Hinspiel scheint wertlos, zumal die Kölner seit der 80. Minute in Unterzahl spielen und Glück haben, nicht noch höher zurückzuliegen. 7700 Zuschauer, 21 Spieler und zwei Trainer sind sich sicher: Die Reserve der Münchner wird aufsteigen – die Fortuna hingegen in der Regionalliga verharren.

Seine Mitspieler schreien ihm zu, Laux dreht sich, sucht nach dem Ball

Die 94. Minute also, die Sonne scheint in die enttäuschten Gesichter der Kölner Spieler. Ein letzter Flugball in den gegnerischen Strafraum. Wieder nichts? Es scheint so. Bayern-Torwart Lukas Raeder stürmt heraus, eine sichere Sache für den Keeper, nach der Aktion wird der Schiedsrichter das Spiel beenden. Dann geschieht es.

Der Ball flutscht durch Raeders Hände. Hinter ihm steht Kölns Oliver Laux, der die Situation abgehakt hat und nicht ahnt, dass er in wenigen Sekunden als größter Held der jüngeren Vereinshistorie in die Ruhmeshalle der Fortuna aufsteigen wird. Seine Mitspieler schreien ihm zu, Laux dreht sich, sucht nach dem Ball, erblickt ihn in der Luft – und köpft ihn zum 1:2 über die Linie. Grenzenloser Jubel. Fortuna Köln ist aufgestiegen.



»Man denkt sich, der Verein ist kaputt, steht vor dem Aus. Und dann kommt so eine Szene, die die ganze Fußballwelt eigentlich nie sieht«, sagt Verteidiger Markus Pazurek dem »Kölner Stadt-Anzeiger« nach der großartigsten aller Niederlagen in Fortunas Geschichte. Sein Kollege Hamdi Dahmani fasst kurz und knapp zusammen: »Unfassbar, aber wahr. Ein Traum. Überragend!«

Nostalgie als Lebenselexier

Es passt zu diesem seit Jahren zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt pendelnden Klub, dass die Rückkehr in den Profifußball unter größtmöglicher Dramatik gelungen ist. Vor 14 Jahren hat sich die Fortuna aus der Zweiten Bundesliga verabschiedet. Seitdem beginnen die Gespräche in der Kölner Südstadt hauptsächlich mit Einleitungen wie »Weißt Du noch, damals…« – über die Gegenwart wird selten gesprochen, geschweige denn über die Zukunft. Die Nostalgie diente während der vergangenen Dekade als Lebenselixier.

Es sind Geschichten, die immer und immer wieder erzählt werden. Über den Unternehmer Jean Löring, den Patriarchen und Mäzen der Fortuna, der den Klub mit seinem Geld nach oben gebracht hat. Über das DFB-Pokalfinale gegen den 1. FC Köln am 11. Juni 1983, das die Fortuna mit 0:1 verlor. Über 1973/74, die bislang einzige Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte. Über Spieler wie Dirk Lottner, Hans Sarpei und Charles Akonnor, die am Südstadion groß wurden. Und darüber, wie Löring im Dezember 1999 den damaligen Fortuna-Trainer und heutigen FC-Vizepräsidenten Toni Schumacher in der Halbzeit mit den Worten entließ: »Hau ab in die Eifel, du machst meinen Verein kaputt!« Doch da war der Verein längst kaputt.

Nicht ganz so oft erzählt werden die Geschichten über die anschließende Zeit. Über Lörings Pleite, den Absturz der Fortuna bis in die Verbandsliga, eine Saison ohne Spielbetrieb, die bedrohte Existenz des Klubs.

Neuaufbau mit Ulonska

Der Weg zurück begann 2005 in Klaus Ulonskas Wohnzimmer. Der Präsident erzählt im kleinen Kreis gern, wie er sich von einer Gruppe Fortuna-Fans nach stundenlangen Debatten hat überreden lassen, einige Wochen lang beim Neuaufbau zu helfen. Wie es im verstaubten Geschäftsraum weder Aktenordner noch Telefone gegeben hat. Dank Ulonskas Engagement, vieler Spenden, der Akquise etlicher Sponsoren und der Einnahmen durch das (schließlich gescheiterte) Internet-Demokratie-Projekt deinfussballclub.de kehrte Fortuna im Sommer 2011 in die Regionalliga zurück. Jetzt, drei Jahre später, ist der nächste Schritt gemacht. Ein verdammt großer Schritt.

Dabei war bis zuletzt einmal mehr nicht klar, wie es weitergehen wird. Alles hing an den Spielen gegen München. Wäre der Aufstieg nicht gelungen, hätte Hauptinvestor Michael W. Schwetje sein Engagement beendet. Seit Jahren pumpt der Internetunternehmer aus Leidenschaft Geld in den Verein, rentabel wird das aber frühestens in der Zweiten Bundesliga. In diesem Sommer wäre die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Vernunft und sportlicher Perspektive zu groß geworden, wenn ein weiteres Jahr in der vierten Liga angestanden hätte. Zumal das Reglement des DFB vorsieht, dass selbst die Regionalliga-Meister noch in zwei Entscheidungsspielen gegen einen der anderen Ersten antreten müssen. Die Chance auf den Aufstieg ist verschwindend gering, und wäre es nach dem zweiten Tabellenplatz in der Vorsaison auch diesmal nichts geworden – vom Physiotherapeuten bis zum Trainer hätte allen die Arbeitslosigkeit gedroht.

Auch der Trainer stand kurz vor der Arbeitslosigkeit

Kein Wunder also, dass die Anspannung wuchs. Klubchef Ulonska konnte zuletzt nach eigener Aussage kaum mehr schlafen, die Spieler hatten bereits mit anderen Vereinen verhandelt, die Fans sahen den nächsten Totalabsturz kommen – und Trainer Koschinat war vor Nervosität kaum noch ansprechbar. Er hatte seinen Vertrag bereits im März verlängert, der neue Kontrakt ist bloß für die Dritte Liga gültig. Es sollte ein Signal an die Mannschaft sein, Koschinat glaubte an den Aufstieg. Erst in den zurückliegenden Wochen dämmerte dem 42-Jährigen, dass ihm im schlimmsten Fall Anfang Juni die Jobsuche drohen würde. Zu einem Zeitpunkt also, an dem die meisten Vereine ihre personellen Planungen für die neue Saison beinahe abgeschlossen haben.

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